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Zahl der Neuinfektionen in Italien stabilisiert sich - mehr als 100.000 bestätigte Fälle in New York
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Interview

26.02.2020

"Das Coronavirus hat das Potenzial, eine Pandemie auszulösen"

Das Coronavirus breitet sich auch in Italien schnell aus. Aus der Epidemie in einzelnen Ländern könnte eine weltweite Pandemie werden. Das Bild zeigt einen Mitarbeiter in einem chinesischen Krankenhaus.
Bild: Fan Peishen, dpa (dpa)

Dr. Monika Schulze ist Infektions-Expertin am Uniklinikum Augsburg. Sie erklärt, was über das Coronavirus bekannt ist - und warum man die Situation ernst nehmen muss.

Bisher gab es in Europa nur vereinzelte Coronavirus-Fälle. Jetzt steigen die Infektionen in Italien sprunghaft an. Auch in Deutschland gibt es neue Infizierte. Befinden wir uns gerade an der Schwelle, an der aus den Corona-Epidemien eine Pandemie wird?

Dr. Monika Schulze: Das Coronavirus hat das Potenzial, eine Pandemie auszulösen. Pandemie heißt, es gibt ein weltweites Infektionsgeschehen. Ob das der Fall ist, bewertet die WHO, die Weltgesundheitsorganisation. Und die stuft das zum jetzigen Zeitpunkt – das kann sich schnell ändern – als Epidemien in den jeweiligen Ländern ein. Also momentan in China, Südkorea, im Iran und jetzt auch in Italien.

 

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Angesichts der steigenden Fallzahlen: Lässt sich eine Pandemie noch verhindern?

Schulze: Wir arbeiten nach den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Deutschland, weltweit gibt die WHO Empfehlungen. Wir wissen nicht, wie es sich entwickelt. Wir müssen aber davon ausgehen, dass sich das Virus weiter ausbreitet, und dass wir auch in Deutschland weitere Fälle bekommen. Das Infektionsgeschehen rund um die Firma Webasto in Bayern ist soweit ausgestanden, aber jetzt haben wir wieder neue Fälle, die in Zusammenhang mit dem Ausbruchgeschehen in Italien stehen. Auch bei uns in Augsburg melden sich Patienten, die in Italien waren und besorgt sind. Aber noch sind es einige wenige.

 

Wenn ich in Italien war und jetzt huste und mir Sorgen mache - an wen wende ich mich dann?

Schulze: Das Problem ist: Wir haben im Moment auch eine große Grippewelle. Das RKI und das Gesundheitsamt geben bestimmte Kriterien vor, die erfüllt sein sollen, um einen begründeten Verdacht auf das Coronavirus auszusprechen. Etwa, ob man in einem Risikogebiet war –  dazu zählen momentan spezielle Provinzen in Italien – und sich danach krank fühlt. Dann sollte man natürlich Kontakt zum Hausarzt aufnehmen. Das Landesamt für Gesundheit stellt auch eine Hotline zur Verfügung, bei der man sich melden kann (09131/6808-5101). Natürlich kann man auch zu uns kommen – man sollte aber vorher mit dem Hausarzt sprechen oder Kontakt zur Notaufnahme aufnehmen. Schließlich sollte das effizient organisiert ablaufen.

Oberärztin Dr. Monika Schulze ist Leiterin der Stabsstelle Hygiene und Umweltmedizin am Uniklinikum Augsburg und Teil der Task Force zum Coronavirus an der Klinik.
Bild: Uniklinik

Kann mich mein Hausarzt selbst auf das Virus testen?

Schulze: Der Test ist ein spezielles diagnostisches Laborverfahren, der Hausarzt selbst kann das nicht. Wir werden es bei uns im Uniklinikum demnächst zur Verfügung stellen. Aktuell machen das einige Unikliniken in Bayern, das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit und die Bundeswehr in München.

Wie schnell liegt ein Ergebnis vor?

Schulze: Innerhalb eines halben Tages. Vier bis fünf Stunden sollte man rechnen.

Was kann ich machen, um mich vor einer Infektion zu schützen?

Schulze: Man sollte sich an die allgemeinen Hygienetipps halten, auf die wir in der Grippezeit immer hinweisen. Die schützen vor Atemwegserkrankungen, vor der Grippe wie vor Corona. Wer niest, sollte in die Armbeuge oder in ein Taschentuch niesen. Wer krank ist, sollte zuhause bleiben – von hustenden Personen sollte man am besten mindestens einen Meter Abstand halten. Man sollte die Hände aus dem Gesicht fernhalten – sonst überträgt man leicht Erreger in die Nase. Die Hände regelmäßig zu waschen ist ganz wichtig. Und wenn Patienten mit Atemwegssymptomen zu uns ins Haus kommen, bekommen sie gleich einen Mundschutz. Das schützt unser Personal.

Händewaschen, aber richtig

Eigentlich ist es ja ganz einfach. Trotzdem machen es viele falsch - oder gar nicht. Hier nochmal unser Video zum heutigen Welttag des Händewaschens.

Gepostet von Augsburger Allgemeine am Montag, 15. Oktober 2018

Ist es denn sinnvoll, als gesunder Mensch mit Mundschutz auf die Straße zu gehen?

Schulze: Das würde ich im Moment nicht empfehlen. Wir haben hier keine Epidemie, sondern nur vereinzelte Fälle. Außerdem durchnässt ein Mundschutz mit der Zeit. Man sollte sich vernünftig verhalten, aber den ganzen Tag mit einem Mundschutz herumzulaufen, erzeugt ein falsches Sicherheitsgefühl.

Wie gefährlich ist Covid-19 jetzt eigentlich?

Schulze: Da wird weltweit intensiv geforscht. Es ist ein neues Virus, von dem man vieles noch nicht weiß. Die meisten Fälle verlaufen mild, wie eine Erkältung mit Halsschmerzen, Fieber und Kopfschmerzen. Aber es gibt auch schwere Verläufe und Todesfälle. Da handelt es sich in den meisten Fällen um Menschen, die Vorerkrankungen haben.

 

Es heißt ja immer wieder, gefährlich ist die Krankheit für alte und kranke Menschen. In China sind aber doch auch mehrere junge Ärzte gestorben. Wie passt das denn zusammen?

Schulze: Diese Fälle werden von Experten untersucht. Es gibt noch viel Forschungsbedarf bei der Frage, welche Veranlagungen die Menschen haben, bei denen die Krankheit schwer verläuft – obwohl sie jünger sind und wohl keine Vorerkrankungen haben. Bei SARS war es auch so, dass neben den Menschen mit Vorerkrankung andere von schweren Verläufen betroffen waren. Das Virus hat die Eigenschaft, spezielle Zelltypen der tieferen Atemwege zu befallen.

Es gibt inzwischen mehr als 2700 Todesfälle. Das ist mehr als drei Mal so viel wie bei der SARS-Pandemie 2002/2003. Ist es da eigentlich inzwischen an der Zeit, sich ernsthaft Sorgen zu machen?

Schulze: Man muss die Situation ernst nehmen, auf jeden Fall. Bei SARS waren insgesamt tatsächlich nicht so viele Menschen betroffen, zumindest was die nachgewiesenen Fälle angeht. Es hilft aber auch, das neue Virus mit der Grippe zu vergleichen. Wir haben jedes Jahr sehr viele Influenza-Erkrankungen, es gibt auch sehr viele Todesfälle. Und was die Mortalität betrifft: Die ist beim Coronavirus momentan nicht höher anzusetzen.

 

Wir haben ja auch im Moment eine Grippewelle. Was sollte uns denn eher Sorgen bereiten?

Schulze: Bei uns im Haus dominiert aktuell ganz klar die Grippe. Wir weisen immer darauf hin, sich impfen zu lassen – bei der Grippe steht ein guter Impfstoff zur Verfügung. Und die Grippetoten werden oft vergessen. Das ist eine nicht geringe Zahl, die wir jedes Jahr haben.

Gegen das Coronavirus gibt es noch keinen Impfstoff. Kann es da einen schnellen Durchbruch geben?

Schulze: Da arbeitet man intensiv dran, man ist auch schon einen Schritt weiter. Aber das dauert einfach seine Zeit. Man muss das ja auch testen. Einen Impfstoff in unter einem Jahr zu entwickeln, ist eher unrealistisch.

Deutschland hat ein gutes Gesundheitssystem. Was kann passieren, wenn sich Covid-19 zum Beispiel in afrikanischen Ländern mit schlechter Versorgung ausbreitet?

Schulze: Das ist eine Gefahr, deshalb hat die WHO den Notstand ausgerufen. In Ländern, die ein schlechtes Gesundheitssystem haben, ist die Gefahr der Ausbreitung höher, die Schutzmaßnahmen sind geringer. Und da, so die Befürchtung, könnte dann auch die Todeszahl deutlich höher liegen.

Nun verläuft die Infektion in vielen Fällen harmlos. Bedeutet das, dass es viele Infizierte gibt, die gar nichts davon wissen?

Schulze: Theoretisch ist das denkbar. Es wird ja nicht jeder auf das Coronavirus getestet, wenn er eine leichte Krankheit hat, die von selbst wieder verschwindet. Darum plädieren wir auch dafür, diese Basis-Hygienemaßnahmen einzuhalten. Das hilft, egal gegen welchen Atemwegserreger.

Auf die Ausbreitung der Grippe hat ja offenbar das Wetter einen Einfluss – die Grippe grassiert immer in der kalten Jahreszeit. Besteht die Möglichkeit, dass Corona im Sommer verschwindet?

Schulze: Das hoffen natürlich viele. Aber auch darüber weiß man noch zu wenig. Man bringt das Coronavirus ja bisher mit diesem Tiermarkt in Wuhan in Verbindung, aber unter welchen Bedingungen es sich besonders gut ausbreitet, weiß man noch nicht. Bei der Grippe ist eine Hypothese, dass der Mensch im Winter empfänglicher ist, weil durch die Kälte die Atemwege trockener sind und die Durchblutung schwächer ist – dadurch ist das Immunsystem geschwächt.

Sie sind ja selbst Teil der Task Force, die im Augsburger Uniklinkum schon vor einem Monat wegen des Coronavirus‘ geschaffen wurde. Wie reagieren Sie da jetzt auf die neuesten Fälle?

Schulze: Wir besprechen uns in unseren täglichen Task-Force-Sitzungen. Da geht es darum, wie wir mit möglichen schnell steigenden Patientenzahlen zurechtkommen, wie wir Bettenkapazität bereitstellen können. Wir überlegen uns, wie wir Verdachtsfälle in der Notaufnahme direkt abgrenzen können. Wir haben eine Infektionsstation, das ist ein großer Vorteil für uns. Dabei sind wir aber keine Einzelkämpfer, wir arbeiten eng mit dem Gesundheitsamt zusammen. Morgen kommt zum Beispiel der Leiter des Gesundheitsamtes wieder mit zu uns in die Task Force.

Zur Person: Oberärztin Dr. Monika Schulze ist Leiterin der Stabsstelle Hygiene und Umweltmedizin am Uniklinikum Augsburg und Teil der Task Force zum Coronavirus an der Klinik.

Alle weiteren Entwicklungen zum Coronavirus lesen Sie hier in unserem Live-Blog.

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