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Suizid

11.09.2018

Das gefährliche Schweigen der Männer

Männer neigen mehr dazu, Probleme zu ertränken.
Bild: Rolf Vennenbernd, dpa

Jährlich nehmen sich mehr als 10.000 Menschen in Deutschland das Leben, Männer dreimal häufiger als Frauen. Warum ist das so? Zahlen, Fakten und Einordnungen.

"Männer haben keine Gefühle - außer Hunger." Auf den ersten Blick mag der eine oder andere bei dem Spruch lachen. Der Mann als emotionsarmer Mensch, der bei Problemen eher seinen Verstand als das Herz zu Rate zieht. Dieses Bild hat sich in der gesellschaftlichen Vorstellung darüber, was Männlichkeit bedeutet, festgesetzt. Männer weinen nicht. Männer kennen keinen Schmerz. Männer reden nicht gerne über Gefühle. Das ist die eine Seite: Stereotype. Auf der anderen Seite stehen die Fakten: Die Suizidrate bei Männern ist um das Dreifache höher als bei Frauen.

Viele Männer haben Probleme, Konflikte auszutragen

Reinhard Lindner von der Universität Kassel hat sich mit der erhöhten Suizidalität bei Männern sowohl wissenschaftlich als Professor für Soziale Therapie als auch in seiner Tätigkeit als Psychotherapeut beschäftigt. „Es scheint so zu sein, dass Männer deutlich schlechter mit Krisensituationen umgehen als Frauen“, sagt der Experte. Gerade ältere Männer, die Zeit ihres Lebens kaum intensive Beziehungen zu anderen aufbauen konnten, seien suizidgefährdet. „Frauen haben meist eine andere Beziehungsgeschichte“, sagt Lindner. „Sie sind mit anderen Frauen in Kontakt und sehen es als Chance, sich durch das Reden helfen zu lassen.“

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Viele Männer hätten Probleme, Konflikte auszutragen. Treten Schwierigkeiten in ihrem Leben auf – sei es, dass sich die Partnerin trennt oder die Arbeitsstelle gekündigt wird  – seien Männer häufiger der Ansicht: Ich muss mit der Misere alleine fertig werden. „Es ist ein massives Problem, dass sich Männer seltener Hilfe suchen“, sagt Professor Lindner. Von den Patienten, die eine Psychotherapie aufsuchen, sind zwei Drittel Frauen und ein Drittel Männer, sagt der Experte und fügt hinzu: „Das ist ein verzerrtes Bild.“ Das Risiko, unter einer psychischen Erkrankung zu leiden, ist bei Männern nicht geringer als bei Frauen. Vielmehr sucht sich das männliche Geschlecht seltener professionelle Hilfe und steht weniger im Fokus der Psychotherapie, wie der Professor für Soziale Therapie ausführt. Wenn diese Männer in einen Lebenskonflikt geraten, sehen sie kaum einen Ausweg. Sie kommen in eine sogenannte „Entweder-Oder-Lage“, wie Lindner erläutert. So würden Männer nur zwei Optionen erkennen: „Entweder ich gehe an der Situation kaputt oder ich bringe mich um“, beschreibt der Professor.

Frauen greifen zum Telefonhörer, Männer zur Bierflasche

Während Frauen in Notlagen eher zum Telefonhörer greifen würden, sei es bei Männern die Bierflasche. „Viele sehen Alkohol als Medikament. Das hat aber viele Nebenwirkungen“, sagt der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Er fügt hinzu, dass auch viele Frauen den Alkohol als „Lösungsmittel“ für Probleme betrachten. Doch sie spülten ihre Sorgen vermehrt heimlich herunter. „Dieser Modus, bei Problemen zu Alkohol zu greifen, ist bei Männern gesellschaftlich anerkannter als bei Frauen“, weiß Lindner.

Anders als beim weiblichen Geschlecht macht sich die Suizidgefahr bei Männern bemerkbar, indem sie häufiger gewalttätig werden – gegen sich und andere. Der Psychotherapeut merkt an: „Es gibt eine große Gruppe an Männern, die nicht depressiv, sondern aggressiv reagieren.“ Wie verzweifelt die Männer sind, erkennen Ärzte, Familie oder Freunde oftmals nicht.

Da sie meist nicht von sich aus Hilfe suchen, sollten die Angebote niederschwellig sein, sagt der Psychotherapeut. Er empfiehlt Männern, die in einer Lebenskrise stecken, sich an die Telefonseelsorge oder den Hausarzt zu wenden. Mediziner vor Ort hätten oftmals einen Überblick, welche passende Angebote es für Hilfesuchende gibt. „Oftmals reicht ein, Doktor, mir geht es nicht gut, was kann ich machen?‘ aus - und dem Patienten wird geholfen.“

Das "starke" Geschlecht darf auch Schwäche zeigen

Wer sich Sorgen um einen Freund oder Verwandten macht, der sollte immer wieder über die schwierige Situation sprechen, zugleich aber die Person nicht bedrängen, sagt Lindner. Viele Verwandte seien hoffnungslos, aber der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie weiß: „Es gibt Möglichkeiten, sehr verschlossene Menschen zum Reden zu bringen.“ Ein Schritt wäre es, bei der Suche nach einem Therapeuten zu helfen.

Während Frauen eher in unglücklichen Beziehungen suizidgefährdet seien, ergebe sich bei Männern ein anderes Bild. Zu der am gefährdetsten Gruppe zählen laut Linder folgende Personengruppe: ältere Männer, die stärker zum Alkohol greifen, Verluste erleben und nicht gelernt haben, über Probleme zu sprechen. Gerade nach einer Trennung oder dem Tod eines geliebten Menschen würden sich diese Männer stark zurückziehen. Lindner bedauert: „Noch immer ist in unserem Land die Vorstellung vertreten, dass man als Mann traurige, verletzte und negative Gefühle nicht zeigen soll.“ Das vermeintlich „starke“ Geschlecht soll Schwäche zeigen dürfen, findet Lindner. Um dies zu ändern und das gefährliche Schweigen der Männer zu durchbrechen, sei ein Umdenken in der Gesellschaft wichtig.

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