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Forschung

23.05.2017

Der Zahn der Zeit

Diesen Zahn entdeckten die Forscher in Bulgarien.
Bild: Gerber, Uni Tübingen, dpa

Bisher nahm man an, dass unsere Vorfahren aus Afrika stammen. Jetzt stellen Tübinger Forscher eine ganz andere Theorie vor. Warum der Urmensch plötzlich vom Balkan stammen soll

Die Abstammungslinien von Schimpansen und Menschen trennten sich möglicherweise in Europa – und nicht wie vielfach angenommen in Afrika. Zudem ereignete sich dieser Evolutionsschritt möglicherweise einige hunderttausend Jahre früher als bisher angenommen. Diese Ansicht jedenfalls vertritt ein Tübinger Forscherteam um Professorin Madelaine Böhme im Fachmagazin PLOS One. Die Wissenschaftler hatten zwei Fossilfunde neu untersucht und die damaligen Umweltbedingungen an den Fundorten charakterisiert.

Wann und wo sich die ersten Vormenschen entwickelten, ist nicht abschließend geklärt. Der Schimpanse ist heute der nächste Verwandte des Menschen. Viele Experten gehen davon aus, dass sich die Entwicklungslinien der Schimpansenvorfahren und der menschlichen Linie vor fünf bis sieben Millionen Jahren in Afrika trennten. Das Team um Böhme untersuchte nun die beiden einzigen Funde des Hominiden Graecopithecus freybergi, der bei den Forschern den Spitznamen „El Graeco“ trägt. Zu den Hominiden gehören der Mensch samt seiner ausgestorbenen Verwandten und die Menschenaffen. Es handelt sich bei den Fossilien um einen in Griechenland gefundenen Unterkiefer und einen Zahn aus Bulgarien.

Detaillierte Untersuchungen lassen die Forscher nun vermuten, dass es sich bei Graecopithecus um eine bislang unbekannte Vormenschenart handelt. So seien die Zahnwurzeln weitgehend verschmolzen gewesen – ein charakteristisches Merkmal des Menschen und seiner ausgestorbenen Verwandten. Bei Menschenaffen liegen die Zahnwurzeln getrennt. „Wir waren von unseren Ergebnissen selbst überrascht, denn bislang waren Vormenschen ausschließlich aus Afrika südlich der Sahara bekannt“, sagte Jochen Fuss, einer der beteiligten Wissenschaftler. Über Analysen der Sedimente, aus denen die Fossilien geborgen worden waren, datierten die Forscher den Unterkiefer auf ein Alter von 7,175 Millionen Jahre, den Zahn auf 7,24 Millionen Jahre. Die Funde seien damit älter als der bisher älteste aus Afrika bekannte Vormensch Sahelanthropus mit einem Alter von sechs bis sieben Millionen Jahren. Daraus folgern die Forscher, dass die Abspaltung der Entwicklungslinien von Vormenschen und Schimpansen womöglich früher und nicht in Afrika, sondern im östlichen Mittelmeerraum stattfand.

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„Ich erwarte heftige Reaktionen, ich erwarte viel Widerspruch“, sagte Böhme am Montag bei der Vorstellung ihrer Ergebnisse in Tübingen. Ihre These will sie weiter untermauern und kündigt Analysen zur Ernährung von „El Graeco“ an. Außerdem wolle sie weitere Hinweise auf die Entstehung des Vormenschen außerhalb Afrikas im Iran, Irak und möglicherweise im Libanon suchen. „Die Aufspaltung der Hominiden-Vorfahren des Menschen und der Menschenaffen ist schlecht dokumentiert“, sagt Jean-Jacques Hublin, Direktor der Abteilung Human Evolution am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Er ist nicht an der Studie beteiligt. Es sei nicht das erste Mal, dass ein Vorkommen in Südeuropa vorgeschlagen werde. Die Forscher um Böhme, die am dortigen Senckenberg-Zentrum die Evolution nachverfolgen, nehmen an, dass drastische Umweltveränderungen die Abspaltung der Entwicklungslinie angestoßen haben. In den Sedimenten der Fundorte fanden sie zum einen rote, feinkörnige Schluffe, die für Wüstenstaub charakteristisch sind. Sie vermuten einen Ursprung in Nordafrika. Zum anderen fanden sie einen hohen Gehalt unterschiedlicher Salze. „Diese Daten könnten erstmalig eine Sahara belegen, die sich vor 7,2 Millionen Jahren ausbreitete und deren Wüstenstürme rote, salzhaltige Stäube bis an die Nordküste des damaligen Mittelmeeres bliesen“, erläuterte Böhme.

Auch in Europa hätten Klimaveränderungen zur Ausbreitung einer Savannenlandschaft geführt, so die Forscher weiter. Sie fanden Spuren von dafür typischen Pflanzen in den Sedimenten und Hinweise auf regelmäßige Brände. „Zusammengenommen lässt sich das Bild einer Savanne zeichnen. Dazu passt, dass gemeinsam mit Graecopithecus Fossilien von Vorfahren der heutigen Giraffen, Gazellen, Antilopen und Nashörner gefunden wurden“, erläutert Mitautor Nikolai Spassov von der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften. Wie die Vormenschen ausgesehen haben und ob sie bereits aufrecht gegangen sind, wisse man nicht, sagte Böhme. Anhand der Kiefergröße sei davon auszugehen, dass „El Graeco“ etwa 40 Kilo gewogen habe und so groß gewesen sei wie ein heutiges Schimpansenweibchen. Anja Garms und Lena Müssigmann, dpa

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