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Nach wie vor steht die „Landshut“ in Friedrichshafen, wo sie restauriert und ausgestellt werden sollte. Doch im Dornier-Museum, das David Dornier (Foto) leitet, ist bislang nichts passiert.

Der unwürdige Umgang mit dem Entführungs-Flieger „Landshut“

Bild: Felix Kästle, dpa

Das Geiseldrama in der Lufthansa-Maschine bewegte 1977 das Land. Eigentlich sollte sie in Friedrichshafen ausgestellt werden. Jetzt steht alles auf der Kippe.

Es waren fünf Tage ohne eine Minute Schlaf. Fünf Tage voller Schrecken. Fünf Tage, die sich tief in das Gedächtnis von Jürgen Vietor eingebrannt haben. Damals, als er Co-Pilot der Lufthansa-Maschine „Landshut“ war, die am 13. Oktober 1977 von vier palästinensischen Terroristen auf dem Weg von Mallorca nach Frankfurt gekapert worden war. „Ich verstehe bis heute nicht, wie das ging – dass ich die ganzen fünf Tage der Entführung nicht geschlafen habe. Das war pures Adrenalin“, erzählt der 77-Jährige heute. Adrenalin, ausgelöst durch große Angst.

Angst vor allem vor Zohair Youssif Akache, dem 23-jährigen Anführer der Terrorgruppe, dem die mehr als 80 Menschen an Bord ausgeliefert waren. Er nannte sich Mahmut. „Und dieser Mahmut war ein unfassbar brutaler Mensch“, erinnert sich Vietor. Der ihn erschießen wollte, ihm die Pistole an den Kopf hielt. „Weil ich eine Junghans-Uhr trug.“ Weil Mahmut etwas verwechselte. Doch davon später.

Der Entführer der „Landshut“ wurde erschossen

Mahmut wurde am Ende der fünftägigen Entführung von deutschen GSG9-Beamten erschossen. Und die Lufthansamaschine „Landshut“ zu einem Symbol dafür, dass die Bundesrepublik Deutschland, damals erst 28 Jahre alt, sich nicht von Terroristen erpressen lässt. Dass sie sich sogar deutlich zu wehren weiß. Doch dieses Symbol hat einiges mitgemacht. Und um seine weitere Zukunft ist ein reichlich unwürdiges Ringen entstanden.

Nun muss man wissen, dass sich jahrelang in Deutschland kaum jemand Gedanken über die „Landshut“ gemacht hat. Bis 1985 war sie im regulären Liniendienst der Lufthansa, wechselte dann mehrmals den Besitzer, 2008 absolvierte sie ihre letzten Flüge unter brasilianischer Flagge. Und drohte dann auf einer Art Flugzeugfriedhof in Fortaleza zu verrotten. Drohte, in Vergessenheit zu geraten. Bis vor einigen Jahren die Bestrebungen verstärkt wurden, die Maschine nach Hause zu holen. Mehrere Städte bewarben sich als Standort für den Schicksalsflieger. Flensburg. Landshut. Und Friedrichshafen.

Flugzeug im Flughzeug: Die Landshut kommt in Friedrichshafen an - zerlegt und verpackt.
Video: Wiebke Wetschera, Anna Stommel

In der Stadt am Bodensee, die sich als Wiege der Luftschifffahrt bezeichnet, feierte man die Ankunft der „Landshut“ am 23. September 2017 mit großem Tamtam. Viele nannten es damals einen Glücksfall, weil es kaum einen besseren Ort gebe, die Maschine auszustellen.

Die Landshut kommt in Friedrichshafen an. Der Frachtraum wird geöffnet, um das zerlegte Flugzeug zu entladen.
Video: Wiebke Wetschera, Anna Stommel

Seither steht sie da. Auseinandergebaut, kein bisschen restauriert, in einem Hangar am Friedrichshafener Flughafen. Eigentlich sollte sie dort Teil des Dornier-Museums werden. Eigentlich sollte die Ausstellung im Oktober 2019 eröffnet werden. Doch passiert ist bisher nichts. Fragt man nach, stößt man auf eine Mauer des Schweigens. Es geht offenbar um viel Geld. Und darum, ob die Maschine hier eine Zukunft hat.

Von Fortaleza nach Friedrichshafen: Die ehemalige Lufthansa-Maschine "Landshut" hat tausende Kilometer zurückgelegt. Zerlegt und verpackt in zwei Frachtmaschinen ist sie am Bodensee angekommen.
Video: Wiebke Wetschera, Anna Stommel

Co-Pilot der „Landshut“ wurde für einen Juden gehalten

Jürgen Vietor erzählt erst einmal die Geschichte mit der Junghans-Uhr, die er schon so oft erzählt hat: „Auf dem Zifferblatt war das Firmenlogo zu sehen – ein Zahnrad, stilisiert mit sechs Zacken und einem „J“ in der Mitte“, erinnert er sich. „Mahmut dachte deshalb, es handle sich um einen Davidsstern und meinte, ich sei ein Jude. Darum wollte er mich umgehend erschießen.“ Vietor musste sich auf den Boden knien, seine Erschießung konnte Flugkapitän Jürgen Schumann gerade noch verhindern, indem er – auf Englisch – das Missverständnis aufklärte.

Drei Tage später wurde Schumann von Mahmut durch einen gezielten Kopfschuss getötet. Das war auf dem Flughafen der südjemenitischen Stadt Aden. Vietor musste daraufhin die „Landshut“ allein ins somalische Mogadischu fliegen. 

Kurz nach Mitternacht des 18. Oktober stürmte die Anti-Terror-Einheit GSG 9 dort die „Landshut“, tötete Mahmut und zwei weitere Terroristen und befreite sämtliche Geiseln. Nicht nur Deutschland atmete damals auf. Für den Fall des Scheiterns der Befreiungsaktion hatte Bundeskanzler Helmut Schmidt schon eine Rücktrittserklärung ausarbeiten lassen, die nach der erfolgreichen Aktion vernichtet wurde.

Wenige Stunden später wurden die inhaftierten RAF-Mitglieder Jan-Carl Raspe, Gudrun Ensslin und Andreas Baader tot in ihren Gefängniszellen in Stuttgart-Stammheim gefunden. Als der Plan, sie durch die Entführung der „Landshut“ freizupressen, gescheitert war, nahmen sich die Terroristen kollektiv das Leben. Tags darauf wurde die Leiche des von der RAF entführten Arbeitgeber-Präsidenten Hanns-Martin Schleyer im Kofferraum eines Autos im französischen Mülhausen gefunden. Eine der schwersten Krisen in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland fand so ihr blutiges Ende.

Die am 13. Oktober 1977 entführte „Landshut» nach der Landung damals in Mogadischu (Somalia).
Bild: dpa

Der Co-Pilot saß sechs Wochen später wieder in der „Landshut“

Jürgen Vietor nahm nur sechs Wochen nach der Entführung den Flugdienst wieder auf. Das erste Flugzeug, das er dann steuerte, war ausgerechnet wieder die „Landshut“. „Nein, ich habe durch die Ereignisse kein Trauma erlitten – zum Glück.“ Für ihn ist die „Landshut“ ein Erinnerungsort bundesrepublikanischer Geschichte, der kaum symbolhafter sein könnte. Und etwas, das ihn bis heute nicht loslässt. Noch heute ist Vietor regelmäßig zu Gast in Schulen, um jungen Menschen von den damaligen Ereignissen zu berichten.

Vietor hat versucht, Bewegung in die unendliche „Landshut“-Geschichte zu bringen. Er hat einen offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel, Vizekanzler Olaf Scholz und Monika Grütters mitunterzeichnet. Letztere ist die Ministerin für Kultur und Medien, allerdings ohne ein Ministerium, da Kultur in Deutschland bekanntlich Ländersache ist. Grütters, die über einen Etat von 1,8 Milliarden Euro verfügt, ist von der Bundesregierung beauftragt worden, sich um die Zukunft der „Landshut“ zu kümmern. Schließlich war das Vorhaben, einen Erinnerungsort für die „Landshut“ zu schaffen, sogar in den Koalitionsvertrag aufgenommen worden. Und deswegen hatte das Außenministerium die Maschine für 20000 Euro – etwa der Schrottwert – in Brasilien gekauft und nach Friedrichshafen gebracht.

Das Schreiben hatte der Historiker Martin Rupps aufgesetzt. Unterzeichnet haben es neben Vietor drei ehemalige Geiseln und zwölf frühere GSG-9-Mitglieder. „Mit jedem Tag geht wertvolle Zeit verloren, einen zentralen Gedenkort für die Opfer des linken und rechten Terrorismus zu schaffen“, heißt es darin. Und: „Zugleich wird jeden Tag Steuergeld versenkt. Bis jetzt über 350000 Euro Hangarmiete. Personalkosten für wissenschaftliche Mitarbeiter.“ Vietor und seine Mitstreiter gehen mit Grütters hart ins Gericht: „Das Projekt Erinnerungsort ‚Landshut’ ist der Ministerin ein ungeliebtes Kind. Lediglich fünf Millionen Euro stellt sie dafür zur Verfügung. An den künftigen Betriebskosten will sich Grütters mit keinem Cent beteiligen.“

Co-Pilot Jürgen Vietor und die am Bein verletzte Stewardess Gabi Dillmann verlassen als erste die Maschine.
Bild: Heinz Wieseler, dpa

Keiner will so recht über die „Landshut“ reden

Am Hafen in Friedrichshafen hört man die Möwen schreien. Die nächste Fähre steht bereit für die Fahrt ins schweizerische Romanshorn, ein Katamaran soll in Richtung Konstanz auslaufen. Eiskalt weht der Wind über die Uferpromenade, die so viel schöner ist als die Stadt, die im Krieg fast völlig dem Erdboden gleich gemacht wurde.

Wie man hier über die „Landshut“ denkt? Oberbürgermeister Andreas Brand lässt einsilbig ausrichten: „Da die Stadt Friedrichshafen nicht am Projekt Landshut beteiligt ist, äußern wir uns nicht näher dazu.“ Projektpartner seien das Dornier-Museum, das Auswärtige Amt und Ministerin Grütters.

Friedrichshafens Landrat Lothar Wölfle will ebenfalls nicht viel dazu sagen. „Der Landkreis zählt nicht zu den zentralen Akteuren, die über den Fortgang dieses Projektes entscheiden“, schreibt er per E-Mail. Und weiter: „Ich persönlich, auch als Bürger Friedrichshafens, würde mir wünschen, dass sich die Beteiligten noch mal ein Herz fassen und das Projekt mit neuem Schwung angehen würden.“

Der Flughafen Friedrichshafen, wo sich auch das Dornier-Museum befindet, ist nur wenige Autominuten von der Uferpromenade entfernt. Eindrucksvoll ragt vor dem topmodernen Dornier-Museum eine alte Do 31 in die Höhe, ein Senkrechtstarter, den das Unternehmen, das später im Airbus-Konzern aufging, in den 60er Jahren gebaut hatte. Träger des Museums ist die Dornier-Stiftung, geleitet von David Dornier. Auch er will nichts sagen. Museumssprecher Philipp Lindner erklärt am Telefon: „Wir haben viele Anfragen – aber wir äußern uns aktuell nicht zu diesem Thema.“

Einer der wenigen, der sprechen will, ist Norbert Zeller, der 23 Jahre SPD-Abgeordneter im baden-württembergischen Landtag war und nach wie vor Mitglied des Bodenseekreistages ist. Er würde es ausdrücklich befürworten, wenn die „Landshut“ in Friedrichshafen endgültig eine Heimat fände. „Das würde passen, die Stadt ist ja eine Stadt der Luftfahrt“, sagt der 69-Jährige. „Man hätte aber die Stadt von Anfang an rechtzeitig in das Projekt miteinbinden müssen.“ Das sei nicht erfolgt. Andere Stimmen sagten, dass der Dornier-Stiftung, die das Museum trägt, das Geld knapp werde – auch wegen der Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank. Aber dafür gebe es keine Belege, betont Zeller. „Doch allmählich muss Frau Grütters in Berlin endlich einmal eine Entscheidung treffen. Das geht doch so nicht weiter.“

Friedrichshafen als Standort vor dem Aus

In einer Stellungnahme wird die Kulturstaatsministerin jedenfalls deutlich. Darin heißt es: „Weil der Fortbestand des Projektträgers Dornier-Museum – nach Aussagen der Dornier Stiftung für Luft- und Raumfahrt – nicht über das Jahr 2025 hinaus gesichert ist, prüft die Bundesregierung aktuell auch alternative Standortoptionen, die die Unterbringung und den Betrieb der geplanten Landshut-Ausstellung langfristig ermöglichen.“ Das heißt: Dornier wird in Berlin finanziell als unsicherer Kantonist angesehen. Die Ausstellung in Friedrichshafen steht damit vor dem Aus.

Doch wo soll der Schicksalsflieger dann hin? Historiker Martin Rupps sagt: „Ich hatte einmal Stuttgart-Stammheim vorgeschlagen – aber das Land Baden-Württemberg winkte ab.“ Auch das Haus der Geschichte in Bonn sei im Gespräch gewesen, aber da gebe es eigentlich keinen Platz für eine so große Maschine. Bleibt noch die schon öfters diskutierte Idee, die „Landshut“ auf dem früheren Berliner Flughafen Tempelhof auszustellen. Dorthin soll ja auch das Alliierten-Museum ziehen, wo etwa die berühmten Rosinenbomber aus der Zeit der Berliner Luftbrücke zu sehen sein werden. „Das würde auch nicht schlecht passen“, meint Rupps.

Doch offiziell will das niemand bestätigen. Die Standortprüfungen dauern an, heißt es aus dem Hause Grütters. Für den „Landshut“-Co-Piloten Jürgen Vietor wäre Tempelhof auch okay. „Bevor aus der ,Landshut‘ Cola-Dosen gemacht werden, ist mir jeder Standort recht. Aber ich plädiere dennoch für Friedrichshafen.“

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Markus Bär.