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Georg Büchner

17.10.2013

Der vor 200 Jahren geborene Dichter verschlägt noch heute den Atem

Georg Büchners Leonce und Lena im Theater Augsburg.
Bild: Konrad Fersterer/Theater Augsburg

Vor 200 Jahren wurde Georg Büchner geboren. Der Revolutionär, der steckbrieflich gesucht wurde, starb bereits mit 23 Jahren - und hinterließ doch Weltliteratur.

Georg Büchner wird gesucht: Alter: 21 Jahre; Größe: 6 Schuh, 9 Zoll neuen Hessischen Maases (= gut 1,70 m); Haare: blonde; Stirne: sehr gewölbt; Augen: graue; Mund: klein; Bart: blond; Angesicht: oval; Statur: kräftig, schlank; besondere Kennzeichen: Kurzsichtigkeit … So lautet der Steckbrief von Juni 1835, mit dem die Behörden des Herzogtums Hessen-Darmstadt nach Georg Büchner fahnden – wegen seiner „indicirten Theilnahme an staatsverrätherischen Handlungen“. Der 21-jährige Medizinstudent aus Darmstadt hat sich rechtzeitig ins französische Straßburg abgesetzt.

Georg Büchner: Der sozialrevolutionäre Furor des „Hessischen Landboten“

Der Vorwurf des Staatsverrats gründet sich auf Büchners von Wut und Umsturz befeuerte Flugschrift „Der Hessische Landbote“ (1834). Ihre Parole kursiert noch heute: „Friede den Hütten; Krieg den Palästen!“ Die Prosa entzündet sich an den „Melkern“ und „Schindern“ da oben: „Das Leben der Reichen ist ein langer Sonntag . . . Das Leben der Bauern ist ein langer Werktag“. Und weiter: „Die Justiz ist in Deutschland seit Jahrhunderten die Hure der deutschen Fürsten.“ Und weiter: Die Verfassungen in Deutschland seien „nichts als leeres Stroh, woraus die Fürsten und Reichen die Körner für sich herausgeklopft haben“. Man merkt früh bei Büchner, wie die Sprache die Wirklichkeit packt.

Georg Büchner ist ein Sonntagskind. Er wurde heute vor 200 Jahren in Goddelau nahe Darmstadt geboren, morgens um halb sechs. Der 17. Oktober war der zweite Tag der Völkerschlacht bei Leipzig. Napoleon erlitt eine verheerende Niederlage. Doch die Hoffnungen auf frischen politischen Wind platzten. Die Restauration schloss ihre Reihen, der kleinstaatlich organisierte Spätabsolutismus triumphierte mit den üblichen Mitteln der Unterdrückung.

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 ... und der von Flugschriften wie dem „Hessischen Landboten“ angestachelte Volksaufstand bleibt aus. Georg Büchner, zeitig ernüchtert, läuft von den revolutionären Fahnen. Er verlegt sich auf die Satire und Travestie, führt das alle Vitalität erstickende Zeremoniell in König Peters Reich Popo vor, so im angriffslustigen wie träumerisch-melancholischen Lustspiel „Leonce und Lena“.

Georg Büchner ist ein Revolutionär der Sprache

Auch Prinz Leonce, Peters Sohn, wird steckbrieflich gesucht. Ihm wird vom ersten Polizeidiener als besonderes Kennzeichen summarisch attestiert: „ein höchst gefährliches Individuum“. Büchner überzieht die Verfolgungsbehörden mit seinem Spott – und reagiert zugleich einen Albtraum ab, seine persönliche Verfolgungsangst, sein Trauma, im Kerker zu enden (wie die Weggefährten Friedrich Ludwig Weidig, Karl Minnigerode u. a.).

Büchner, der Revolutionär? In der Tat, er ist ein Revolutionär der Sprache. Er sprengt die Sinnhorizonte, streut die Perspektiven (was seiner Inanspruchnahme durch politische Lager entgegensteht), reißt das Drama aus der geschlossenen Form in abrupte Szenenwechsel, fächert ein Sprachregister auf zwischen derb-obszönen Grellheiten, die das Leben an den Trieb binden; zwischen revolutionären Pathosformeln, artistischen Brechungen, karikaturhaften Zurichtungen und lyrischen Szenen. Die Dialoge verstören, das Unausgesprochene rumort und schlägt in verrückten, stotternden Wortfetzen durch. Der (mit einer Arbeit über das Nervensystem der Barben) zum Dr. phil. promovierte Mediziner, der Anatom Büchner dringt ins Innerste, er wühlt das Seelenleben auf. Büchner schreibt mit dem Seziermesser. Man muss ihn auf der Bühne sehen und hören. Man muss ihn lesen!

In "Dantons Tod" zerreibt Büchner die Revolution

In seinem Revolutionsdrama „Dantons Tod“ wird die Revolution zerrieben, sie geht unter im theatralisch-rhetorischen Schaukampf zwischen Danton und Robespierre, zwischen dem zunehmend von politischen, ja existenziellen Zweifeln befallenen, sich den Mächten des Schicksals ergebenden Melancholiker und dem tugendterroristischen „Blutmessias“. Büchner tritt jenen an die Seite, die sich selbst und der Welt abhandenkommen: Danton, Woyzeck, Lenz.

„Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nichts, nichts wir selbst!“, klagt Danton. Ebenso lässt sich Büchner im sogenannten Fatalismus-Brief vernehmen, den er im März 1834 an die Verlobte Wilhelmine Jaeglé (seine „Minna“) schreibt: „Der Einzelne nur Schaum auf der Welle, die Größe ein bloßer Zufall, die Herrschaft des Genies ein Puppenspiel, ein lächerliches Ringen gegen ein ehernes Gesetz . . .“

Büchners Mitleid schlägt dem aufgeklärten Gefühlsoptimismus ins Gesicht

Die Antithese formuliert Robespierres jakobinischer Genosse St. Just. Er führt gegen Dantons nihilistische Verzweiflung den Glauben an die fortschreitende Vernunft ins Feld. Das ist idealistisch gedacht. Im genannten Drama bietet Büchner den Camille Desmoulins gegen die „Marionetten der Idealisten“ auf, „deren Gelenke bei jedem Schritt in fünffüßigen Jamben krachen“. – Im programmatischen Kunstgespräch der „Lenz“-Erzählung (1835) steht, in Abkehr von Johann Joachim Winckelmann und Schiller, die Forderung nach den „niederen“, „natürlichen“ Gegenständen der Kunst und, daraus abgeleitet, „das moralische Gebot zur Menschenliebe, zum Mitleid“ mit den „Geringsten“ – mit Figuren wie Woyzeck, die von der Gesellschaft zur elenden Kreatur dressiert werden und in den Abgrund zwischen Moral und Natur stürzen. Wie sagt Leonce: „Weißt du auch, Valerio, dass selbst der Geringste unter den Menschen so groß ist, dass das Leben noch viel zu kurz ist, um ihn lieben zu können?“ Ein bestürzender, von christlichem Ethos getragener, ein noch heute gültiger Grundsatz.

Büchners Mitleid schlägt dem aufgeklärten Gefühlsoptimismus des 18. Jahrhunderts ins Gesicht. Ihm ist der Aufruhr eingeschrieben. Es reibt sich am Riss, der durchs Leben geht, auch am Riss zwischen dem freien Willen hie und den körperlichen Trieben und schicksalhaften Bindungen da. Diese Entzweiung treibt viele Büchner-Figuren in den Weltschmerz, ja an den Abgrund des Nihilismus.

Georg Büchner: Mit diesem Satz beginnt die moderne europäische Prosa

Von den „Zuckungen der Geringsten“ ist im „Lenz“ die Rede. Aufgegriffen wird das tragische Leben des Sturm-und-Drang-Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz (1751–1792). Büchner treibt den Stoff ins Ungeheure. „Nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte.“ „Mit diesem Satz“, sagt der Schriftsteller Arnold Zweig, „beginnt die moderne europäische Prosa.“ Lenz wird zwischen Starre und Bewegung, zwischen Entgrenzung und Einsamkeit, zwischen Vision und Selbstverlust hin- und hergeschleudert. Er ist ein „Hirnwütiger“, wie Woyzeck; ein „Hirnhund, schwer mit Gott behangen“, um den Dichter Gottfried Benn zu zitieren. Lenz geht ein ins pathologische Reich des Wahns. Der Seelenaufruhr endet im Stillstand: „So lebte er hin.“ Ein Ende ohne Woher und Wohin – „als wäre die Welt tot“, wie der Soldat Woyzeck sagt.

Büchners kurzes Leben stand vor einer glänzenden Zukunft. Seit Ende Oktober 1836 war er Privatdozent für Philosophie in Zürich. Doch schon im Januar 1837 infizierte er sich mit Typhus. Am 19. Februar desselben Jahres, nachmittags um halb vier, ist er gestorben, 23 Jahre alt. Wilhelmine Jaeglé, die 46 Monate mit Büchner verlobt war, drückte dem Toten die Augen zu. Woyzeck im Stadttheater

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