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Tiere

21.07.2013

Deutschland summt: Hobby-Imker züchten Bienen über den Dächern der Stadt

Imker in Berlin
2 Bilder
Ein Bienenvolk über den Dächern Berlins: Hobby-Imker Wolfgang Friedrichowitz ist einer von mittlerweile 740 Menschen, die in der Bundeshauptstadt diesem Hobby nachgehen.
Bild: Jan-Henrik Dobers

Immer mehr Stadt-Bewohner werden Hobby-Imker. Sie wollen der Natur etwas Gutes tun. Ein Trend, der um sich greift und den Experten mit einer gewissen Skepsis sehen.

Es hört sich an, als würde heißes Fett in der Pfanne brutzeln. Es ist aber kein heißes Fett, hier über den Dächern Berlins. Es sind 80.000 summende Bienen, die über dem Kasten von Wolfgang Friedrichowitz schwirren. Und die richtig laut sein können. Friedrichowitz steht auf dem Dach des Musikinstrumenten-Museums in der Nähe des Potsdamer Platzes und nimmt den Honig aus einem der Kästen heraus. Vorsichtig wendet er die Wabe, dreht sie einmal herum und legt sie in einen Behälter. Sobald Hektik entsteht, riechen die Bienen das, sagt Friedrichowitz. 20 Kilo hat er in den vergangenen zwei Wochen geerntet. „Heute werden es genauso viel sein“, sagt der 70-Jährige.

Hobby-Imker auf den Dächern Berlins

Der Mann ist Hobby-Imker mitten in der Hauptstadt, einer von inzwischen 740 dieser Art. Es ist eine Beschäftigung, der laut der „Stiftung für Mensch und Umwelt“ immer mehr Menschen in Ballungszentren nachgehen. Sie alle sehnen sich in der Großstadt nach mehr Natur und halten sich auf Balkons, Kirchtürmen und Museen eigene Bienenvölker.

Johannes Weber ist auch so einer. Angehender Akademiker, 28, Drei-Tage-Bart, auf seinem T-Shirt ist ein Windrad abgebildet. Es ist zweieinhalb Jahre her, dass er Stadt-Imker werden wollte. Auf seinem Balkon im Bezirk Alt-Treptow tummeln sich in einem Kasten etwa 45.000 Bienen. Kleine Bienen, die in der Nachmittagssonne besonders aktiv sind. „Weil das Licht genau auf ihren Bau fällt“, sagt er, als er aufmerksam die startenden und landenden Insekten beobachtet. Schon als Kind hat Weber mit seinem Opa einen Imkerstand besucht und war fasziniert von den fleißigen Tieren.

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Fasziation Bienen: Immer mehr Stadt-Menschen werden Hobby-Imker

Bei Johannes Weber selbst begann alles mit einer kleinen Bienenkiste, einem Bausatz, den er sich im Internet bestellte. Darin konnte er ein Bienenvolk halten. Die Kiste stand damals auf seinem Hausdach. „Irgendwann wusste ich dann, dass sich das Volk aufteilt, die Arbeiterinnen eine neue Königin züchten und diese dann wegzieht.“ Der Hausverwaltung war sein Hobby an dem Ort gar nicht recht. Weber beschloss, sich ein zweites Bienenvolk zuzulegen, das auf seinem Balkon leben sollte. Das Zuhause wollte er selbst bauen. Bei seiner Recherche im Internet merkte Weber, dass sein Plan funktionieren könnte. Er benötigte dafür Stahlträger, Dachpappe, Holz und Gitter. Es entstand ein Prototyp.

Heute verkauft er seine ausgearbeitete Idee in Form eines Bausatzes auf seiner Internetseite für 250 Euro. Interessierte erhalten dazu eine Anleitung, wie sie Schritt für Schritt zum Stadt-Imker werden können. Mittlerweile hat sich seine Erfindung herumgesprochen. „Das Ganze nimmt Dimensionen an, dass ich jetzt bald ein Team bilden muss. Denn die Kunden sollen ja auch betreut werden.“ Weber, der Erneuerbare Energien studiert, steckt in sein Engagement so viel Zeit, dass das Studium ein wenig in den Hintergrund geraten sei. Jetzt muss er erst einmal seine Bachelor-Arbeit fertig schreiben.

Stadt-Imker schaffen mehr Wohnraum für Bienen im Ballungszentren

Das Ziel sei es nie gewesen, großes Geld mit dem Honig zu verdienen. „Ich wollte für Bienen in der Stadt nur mehr Wohnraum schaffen.“ Bisher hat der Berliner, so sagt er, mit seiner Idee gar kein Geld verdient, er stellt nur das Baumaterial in Rechnung. Mit seinem Hobby möchte er für mehr Umweltbewusstsein werben. „Und die Biene ist ja ein Sympathieträger.“

So gut der Gedanke sei, sagt Eckard Radke, Vorsitzender des Landesverbandes Bayerischer Imker aus Dietmannsried im Oberallgäu: „Ich sehe die Stadt-Imkerei mit einer gewissen Skepsis.“ Oftmals würde den Menschen, die sich dem Trend anschließen, das nötige Wissen fehlen, sich um ein Bienenvolk richtig zu kümmern. Er nennt als Beispiel die Varroa-Milbe, den natürlichen Feind der Biene. Diese sei hauptverantwortlich für das Sterben ganzer Bienenvölker. „Es ist wichtig zu wissen, wie man die Milbe bekämpft.“ Und dass man sie überhaupt bekämpft. Deshalb sei es auch so wichtig, die Bienen beim örtlichen Veterinäramt anzumelden. Schlimme Auswirkungen hätte es etwa, wenn ein Volk von dem Parasiten befallen ist und sich mit einem anderen vermischt. „Das muss man alles bedenken, so gut der Gedanke vieler neuer Stadt-Imker ist.“

Johannes Weber, der junge Berliner, ist von seinem Handeln dennoch überzeugt. Mittlerweile gebe es in der Stadt eine größere Artenvielfalt als auf dem Land, wo Bienen nicht nur durch die Milbe, sondern auch durch den Kampf gegen Bienensterben: EU verbietet Pestizide vom Sterben bedroht sind. „In der Stadt finden Insekten einen Rückzugsort.“

"Deutschland summt": Mehr Aufmerksamkeit für Bienen in der Stadt

Das Motiv, Gutes zu tun: Besonders in den Großstädten sei man sich des Klimawandels bewusst und sehne sich nach mehr Natur, sagt Andreas Karmanski von der Stiftung für Mensch und Umwelt, hinter der sich eine Berliner Biologin und ihr Ehemann, ein Geograf, verbergen. „Die Bienen sind dafür eine gute Möglichkeit.“ Die Stiftung hat die Initiative „Deutschland summt“ gestartet, die Aufmerksamkeit für die Biene, die Stadtnatur und die Abhängigkeit des Menschen von einem funktionierenden Ökosystem schaffen soll. 2010 begann das Vorhaben in der Hauptstadt. Imker oder diejenigen, die es werden wollen, erhalten nun von der Stiftung einen Ort zugeteilt, an dem sie ihr Bienenvolk aufstellen können. Vor allem akademisch gebildete jüngere Menschen, sagt Karmanski, engagierten sich hierfür.

Schon im Mittelalter soll es in den Städten Imker gegeben haben. Genauere Hinweise gibt es zum Beispiel aus den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Der Band „Der Preußische Landtag – Bau und Geschichte“, erschienen im Argon-Verlag, zeigt zwei Fotos aus dem Jahr 1933, die einen Imker auf dem Dach des Berliner Abgeordnetenhauses zeigen, damals noch der Preußische Landtag.

Auch Burkhard Schricker hat sich früh von den kleinen Tieren faszinieren lassen. Der mittlerweile emeritierte Professor an der Freien Universität Berlin kann, damit übertreibt man nicht, als Pionier der modernen Stadt-Imkerei bezeichnet werden. Als junger Doktorand untersuchte er am Beispiel eines Hochhauses, wie man in der Stadt Bienen auf einem begehbaren Dach ansiedeln kann, und zwar so, dass diese niemanden stören.

Deutscher Professor bringt Stadt-Imkerei nach New York und in die Welt

Es entstand die Idee, die Tiere mit Zuckerwasser zu „dressieren“ und etwa in eine Parkanlage zu locken. Das Experiment funktionierte. „Die Idee geht auf Karl von Frisch zurück“, sagt Schricker, der bei dem Münchner Verhaltensforscher gelernt hat. Für seine Erkenntnisse, wie sich Honigbienen verständigen, erhielt Frisch 1973 – unter anderem neben Konrad Lorenz – den Nobelpreis.

Bei einem Aufenthalt als frischgebackener Professor an der Rockefeller-Universität setzte sich der Biologe Schricker 1975 bei der Stadt New York dafür ein, dass Imker ihre Bienenvölker auch rund um den großen Stadtpark, den Central Park, aufstellen dürfen. Als er dann die Naturschutzbehörde besuchte, sagte er: „Die Bienen tun keinem was, sie nutzen uns.“ Die Stadt kam der Anregung nach und erlaubte fortan die Stadt-Imkerei. So kamen die Honigproduzenten schließlich in die Grünanlage.

Als Schricker im Frühjahr darauf wieder nach New York kam, lebten auf den an den Central Park angrenzenden Häusern bereits zwölf Bienenvölker. Später wurden auf der Brooklyn Bridge Bienen angesiedelt, dann in Toronto, Singapur, Hongkong und London. Und schließlich kam Berlin. „Das Prinzip hat sich globalisiert“, sagt Professor Schricker.

Bienen sind "ganz friedlich" - Trotzdem fürchten sich viele Menschen

Noch immer forscht der 75-Jährige. Wenn Gäste ihn im „Bienenhaus“ besuchen, seinem Arbeitsplatz an der Universität, schwärmt er von den Insekten. Bis heute sind sie sein Steckenpferd geblieben. Wenn er erzählt, dann landet er irgendwann bei der Bienenhaltung der Pharaonen im alten Ägypten, die damals noch den Honig in Schlammröhren am Nil abgelegt hätten.

Auf den Balkons der Bundeshauptstadt sieht das heute schon anders aus. Der junge Student Johannes Weber beispielsweise wird immer gefragt, ob Tausende von Bienen im Hinterhof nicht die Nachbarn stören. Weber sagt dann meist: Sicher gibt es Vorbehalte. Aber kein Einziger störe sich wirklich daran. Quasi als Beleg dafür beißt er in ein Stück Zwetschgenkuchen, gleich neben dem Bienenbau. Experiment gelungen: Die Insekten scheint das nicht weiter zu interessieren. „Es ist aber schwierig, den Leuten das zu vermitteln.“

Dass die Bienen so friedlich sind, hat Weber anfangs auch nicht glauben können. „Sie haben kein Interesse an dem Geschehen hier. Aber sie bringen der Natur unheimlich viel.“ In einer Woche etwa, wenn der Student seinen Honig ernten kann – dieses Jahr werden es etwa 15 Kilogramm sein –, freut er sich noch auf was anderes: auf ein leckeres Frühstücksbrot mit dem eigenen Honig vom Balkon.

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