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Raubkopieren als Religion

28.03.2012

Die Kirche der Kopimisten: Wenn kopieren zum Akt des Glaubens wird

Geistiges Eigentum gibt es in der Welt der Kopimisten nicht.

Die Kopimisten, die das Kopieren als etwas Heiliges betrachten, sind in Schweden eine offizielle religiöse Gemeinschaft. Doch ihre Ziele sind eher politisch als spirituell.

Was ist Religion? Diese Frage kann nicht einmal die Wissenschaft abschließend beantworten. Zwar gibt es keine einheitliche Definition von Religion, doch die großen Weltreligionen haben zumindest einige Gemeinsamkeiten. Doch es gibt auch Glaubensrichtungen, die andere Schwerpunkte setzen. Die Kirche der Kopimisten zum Beispiel; für sie ist das Herunterladen von Dateien im Internet ein heiliger Akt des Glaubens. Was auf den ersten Blick schlicht verrückt klingt, hat einen politischen Hintergrund.

In Schweden ist der Kopimismus offizielle Religion

Von Skandinavien ausgehend breitet sich seit Beginn des Jahres diese religiöse Strömung aus, die Filesharing und Kopieren in das Zentrum ihres Glaubensbekenntnisses stellt. Die so genannte Kirche der Kopimisten gilt in Schweden seit Januar offiziell als Religion.

Der Name der Kirchengemeinde leitet sich von copy me ab (zu Deutsch: kopiere mich). Heilig ist den Kopimisten die Information, die nur durch Vervielfachung für jeden zugänglich ist. Das Kopieren ist den mittlerweile immerhin rund 4000 Mitgliedern sakral. Der Kopierschutz gilt als Satan. In Youtube-Videos erklärt der Kopimisten-Priester, in der Optik einer New-Age-Sekte blau erleuchtet und mit verzerrter Stimme, die Befehle "Strg+C" und "Strg+V" für Kopieren und Einfügen zu heiligen Symbolen. Das Zeichen der Kopimisten, eine Pyramide mit einem "K" in der Mitte, erinnert an die Pyramide mit dem allsehenden Auge. Die Illuminaten lassen grüßen.

Kirchengründer kommen aus dem Umfeld der Piratenpartei

Doch um nicht ganz als verrückte abgetan zu werden, argumentieren die Kirchengründer auch naturwissenschaftlich. Kopieren sei ein elementarer Vorgang in der Evolution des Menschen. Kinder lernten beispielsweise Sprechen, indem sie kopieren wie andere Menschen sprechen. Gottesdienste gibt es auch. Sie finden im Internet statt. Per Onlineformular kann sich ein jeder zum Glauben bekennen. Und der Kopimisten-Priester ruft alle Anhänger zum fleißigen Herunterladen im Internet auf.

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Gründer Isak Gerson: Jesus als Vorbild

Dass die Kopimisten das Urheberrecht ablehnen, überrascht nicht. Die Gründer der Kirche kommen aus dem Umfeld der Piratenpartei. Der Anführer der Gruppe ist der Philosophiestudent Isak Gerson. Sein Ziel: Die Anhänger der Religion sollen in Zukunft ohne Angst kopieren können. Schließlich gehe es um den freien Zugang zur Information. In einem Interview mit der britischen Times nannte der 19-Jährige kürzlich Jesus als Vorbild. So wie dieser das Brot gebrochen habe, so wolle Gerson alle Informationen im World Wide Web teilen.

Das Herunterlanden und Kopieren von urheberrechtlich geschütztem Material ist dadurch jedoch auch in Schweden nicht plötzlich legal – doch als Religion verfassungsrechtlich geschützt. In Urheberrechtsverfahren könnten Filesharer künftig mit der Ausübung ihres Glaubens argumentieren. In Schweden werden wohl bald Urheberrecht und Religionsfreiheit vor Gericht aufeinander treffen.

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