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Leitartikel von Markus Günther

23.12.2010

Die Krise der Kirchen: Christentum als Kultur

Dr. Markus Günther, Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen.
Bild: Ulrich Wagner

Theologisch betrachtet müsste für Christen gelten: Wer getauft ist, bleibt ein Leben lang Christ. Aber warum gibt es eine solche christliche Identität in Deutschland kaum? Leitartikel von Markus Günther

Fragt man einen Juden nach seiner Religion, wird er auf jeden Fall sagen, dass er Jude sei. Vielleicht wird er gleich hinzufügen, dass er kein sehr religiöser Mensch ist, dass er schon ewig nicht mehr in der Synagoge war und vom örtlichen Rabbi ja nun gar nichts halte. Vielleicht wird er sogar sagen, er sei ja eigentlich Atheist und könne nicht so recht an Gott glauben. Dennoch wird er sagen, dass er Jude sei. Er versteht sich einfach so, und das ein Leben lang.

Vergleichbar identitätsstiftend ist das Christentum in Deutschland nicht mehr. Das lässt sich auch nicht ganz vergleichen, da das Judentum durch die Geschichte des Verfolgtseins eine andere Bindekraft entwickelt hat. Aber theologisch betrachtet müsste für Christen dasselbe gelten: Wer getauft ist, bleibt Christ - auch wenn die individuelle Glaubensbiografie sicher manche Wendung nimmt und Höhen und Tiefen nicht ausbleiben. Das gehört zum Leben dazu.

Aber warum gibt es eine solche christliche Identität in Deutschland kaum? Müsste nicht das Christentum als Kultur gerade jetzt gepflegt werden, da ein selbstbewusster Islam Deutschland beunruhigt? Ein solcher kultureller Aufbruch ist nicht erkennbar. Während anderswo, im Irak, in Nigeria, China und Indonesien, Christen mit ihrem Leben für ihren Glauben einstehen, gibt es in Deutschland eher ein wachsendes Desinteresse am Christentum.

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Das hat sicher viele Gründe. Einer ist der, dass Christentum als "Mitgliedschaft" missverstanden wird. Die Kirchensteuer befördert dieses Missverständnis noch. In anderen Ländern kann man gar nicht aus der Kirche austreten. Man kann nur sagen: Ich gehe nicht mehr hin - und es sich vielleicht einmal wieder anders überlegen.

Viele Menschen hadern auch - aus gut nachvollziehbaren Gründen - mit der Kirche und ihrem Personal. Der Missbrauchsskandal etwa hat die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche erschüttert. Aber ist das wirklich der Grund für wachsende Kirchenferne? Wohl kaum. Dass meistens kaum zehn Prozent (in den großen Städten fünf Prozent) der Katholiken sonntags in die Kirche gehen, war vor dem Missbrauchsskandal auch nicht anders. Und in den USA, wo die katholische Kirche vor Jahren einen ähnlichen Skandal erlebte, geht jeder zweite Katholik zur Kirche.

Viele meinen, die katholische Kirche sei einfach nicht mehr zeitgemäß, sie müsse sich modernisieren und bei den Reizthemen Zölibat, Frauenpriestertum und Homosexualität liberaler werden. Dass das freilich nichts zu tun hat mit der Teilnahme am kirchlichen Leben, sieht man daran, dass die Lutheraner diese Liberalisierungen haben, doch der Gottesdienstbesuch evangelischer Christen liegt bei nur ca. zwei Prozent.

Aber warum erodiert das Christentum in Deutschland?

Es liegt sicher daran, dass die Kirchen die Menschen kaum noch erreichen - im doppelten Wortsinn. Sie erreichen sie nicht, weil sie gar nicht kommen; aber sie erreichen sie auch nicht, weil die Vermittlung der Botschaften oft misslingt. Viele können mit der Sprache der Kirche nichts anfangen. Und vielen fehlt längst das Basiswissen über ihre eigene Religion. Über die Kondom-Äußerungen des Papstes wissen viele besser Bescheid als über die Sakramentenlehre.

Die Kirche hat zu diesem Verfall selbst beigetragen, etwa durch einen einseitig "ethisch" orientierten Religionsunterricht, der die Vermittlung von Glaubensinhalten vernachlässigt, und durch eine gewisse Trivialisierung der Gottesdienste, wo das soziale Ereignis im Vordergrund steht, die Liturgie willkürlich modernisiert und das eigentlich Anziehende, nämlich das Sakrale und Mystische, banalisiert wird.

Falsch ist es auch, wenn Kirche sich in erster Linie als gesellschaftliche Kraft legitimieren will. Das ist zu wenig. Nur wenn sie es schafft, dem Menschen dort zu begegnen, wo er sich die urmenschlichsten Fragen nach dem Woher und Wohin stellt, nach dem Geheimnis seiner Existenz, dann wird Kirche relevant bleiben.

Bleibt die Frage, warum Weihnachten alles anders ist, warum dann die Kirchen voll sind? Weil dann, einmal im Jahr, das Christentum als Teil der kulturellen Identität erlebt und, wichtiger noch: gelebt wird. Die Christmette gehört einfach dazu. Das mag man als mangelnde religiöse Tiefe kritisieren, aber es ist, immerhin, die Annahme der eigenen Kulturtradition und die Rückkehr zum Bewusstsein, immer noch Christ zu sein. Leitartikel von Markus Günther

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