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Mallorca

16.07.2020

Die Party ist aus: Wie die Ballermänner zu Buhmännern wurden

Die Bilder, die Empörung auslösten: Deutsche Touristen am Ballermann, dicht gedrängt und ohne Mundschutz.
Bild: Michael Wrobel/Birdy Media, dpa

Plus Als im Juni die Deutschen nach Mallorca zurückkehrten, gab es Applaus. Nun will man die Sauftouristen loshaben und sperrt die Party-Meilen am Ballermann.

Die Saison im „Ballermann“-Viertel an der Playa de Palma war gerade erst feuchtfröhlich eröffnet worden. Discjockeys legten in den Lokalen in Mallorcas berühmtestem Partyviertel die bekannten Stimmungshits auf: „Saufen, morgens, mittags, abends“, tönte aus den Lautsprechern. Und die anderen Trinklieder, die man hier kennt und die sich leicht mitgrölen lassen. „Wir sind Bierfans“ etwa oder „Ballern“.

Wenige Tage danach ist die Party schon wieder zu Ende und der „Ballermann“ dicht: Die Bilder von hunderten deutschen Urlaubern, die in Corona-Zeiten ausgelassen, dicht an dicht und ohne Maske becherten und feierten, als hätte es nie eine Virus-Pandemie gegeben, lösten auf der Insel Wut und Empörung ausgelöst: „Chaos“, titelte die Regionalzeitung Última Hora. Die Lage sei „völlig außer Kontrolle geraten“. Auf Videos sieht man angetrunkene junge Männer und Frauen, ganz ohne Mundschutz, die im Gedränge afrikanische Straßenhändler umarmen, flirten und sich nicht im mindesten um die Corona-Regeln scheren.

Die Bilder riefen selbst Bundesgesundheitsminister Jens Spahn auf den Plan. Ernst wirkte der CDU-Politiker, als er am Montag nach den Party-Exzessen vor die Presse trat und sagte: „Wir müssen sehr aufpassen, dass der Ballermann nicht ein zweites Ischgl wird.“ Und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder twitterte zu den Partybildern aus Mallorca: „Wir müssen vorsichtig bleiben. Vernunft und Lebensfreude gehen auch zusammen. Daher braucht es Umsicht im Urlaub. Schon einmal hat es eine Infektionswelle aus einem Urlaubsort gegeben...“

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Dabei war Mallorca so etwas wie das Versuchslabor in Sachen Tourismus. Die erste Region, in der man ein paar Deutschen Mitte Juni einen entspannten Urlaub ermöglichte – wohlgemerkt zu einer Zeit, als die Hotels hierzulande noch nicht einmal ihre Wellness-Bereiche öffnen durften. Die 189 Passagiere, die an jenem 15. Juni in Palma aus dem Flugzeug stiegen, wurden mit Blitzlichtgewitter und Applaus begrüßt. Man freute sich auf die Urlauber aus Deutschland. Darauf, dass endlich wieder Leben auf der Playa da Palma ist.

„Wir wollen diese asozialen Touristen hier nicht haben“, sagt der Tourismusminister auf Mallorca

Ein paar Wochen später klingt das ganz anders. Als der balearische Tourismusminister Iago Negueruela am Mittwoch vor die Presse tritt und die drastischen Maßnahmen wie die Zwangsschließung der Partymeilen verkündet, wählt er drastische Worte. „Wir wollen diese asozialen Touristen hier nicht haben. Sie sollen nicht kommen.“ Schließlich dürfe man nicht zulassen, „dass einige wenige dem Image der Inseln Schaden zufügen“ und die Erfolge der Balearen im Kampf gegen die Pandemie aufs Spiel setzten.

Die deutschen Party-Touristen – sie sind von den „Ballermännern“ zu Buhmännern geworden.

Am Donnerstag, einen Tag nach der unerwartet harten Abstrafung, hängen die Wolken tief über der Insel. Uniformierte patrouillieren über die „Bierstraße“ und die „Schinkenstraße“ – jene Feier-Meilen, wo alle Lokale nun mindestens zwei Monate geschlossen bleiben. Wo sonst die Kneipen oft mittags schon rappelvoll sind und es ohrenbetäubend laut zugeht, herrscht gähnende Leere. Bei Verstößen drohen den Wirten bis zu 600.000 Euro Strafe.

Die Bierstraße in Palma am Mittwochabend: Seit diesem Tag sind alle Vergnügungslokale im Herzen des „Ballermanns“ geschlossen.
Bild: Clara Margais, dpa

Corona-Chaos auf Mallorca: In Magaluf soll es noch schlimmer zugegangen sein

Auch die „Punta Ballena“ in der Briten-Hochburg Magaluf, 30 Kilometer westlich von Palma de Mallorca, wirkt an diesem Donnerstag wie eine Geisterstraße. Dort hatte es am vergangenen Wochenende noch schlimmere Szenen gegeben: Anwohner fanden ihre auf der Straße abgestellten Autos demoliert vor. Auf Videos sah man später, wie Betrunkene auf den Fahrzeugdächern tanzten. Mehrere Karosserien waren von Erbrochenem bedeckt. „Ekelhaft“, schimpften Einheimische.

Francina Armengol, die Regierungschefin der balearischen Inseln, zu denen neben Mallorca auch Ibiza, Menorca und Formentera gehören, tobte: „Wir wollen diesen Sauftourismus nicht.“ Erst recht nicht in diesem Corona-Sommer, in dem das Risiko eines neuen Virus-Ausbruchs allerorten groß sei. Man werde nicht tolerieren, dass dieses „unzivilisierte und unverantwortliche Verhalten einer Minderheit“ die Gesundheit aller und die Erholung der Tourismuswirtschaft gefährde.

Schon seit Jahren kämpft Armengol, die einer Mitte-links-Koalition vorsitzt, gegen Exzesse am „Ballermann“, die dem Image der Insel schadeten. Sie erließ Sittengesetze, die etwa das Sangria-Trinken am Strand aus Zehn-Liter-Eimern verboten. Alkoholgelage und unzüchtige Handlungen auf der Straße sind ebenfalls schon länger untersagt. Gebracht hat es wenig: Drogen-, Sauf- und Sexskandale sorgen jedes Jahr für Negativschlagzeilen.

Und nun also auch noch Corona-Partys, bei denen alle Hygieneregeln in den Wind geschlagen wurden. Dabei gibt es auch genug Deutsche, die sich über die Exzesse ihrer Landsleute ärgern: „Stell dir vor, du bist als normaler Mensch im Urlaub auf Mallorca, gehst wandern und lecker essen, hältst Abstand... und dann musst du auf dem Rückflug mit diesen Ballermann-Partytypen im Flieger sitzen“, empört sich etwa eine deutsche Touristin auf Twitter. Das sei ein Albtraum. Oder Jenny Jürgens, die Tochter des 2014 verstorbenen Sängers Udo Jürgens, die auf Mallorca lebt: „Geht’s noch? Ihr seid hier Gäste! Verhaltet Euch verdammt noch mal auch so! Die Mallorquiner und die Menschen, die hier leben, haben sich monatelang in absoluter Disziplin in der spanischen Quarantäne geübt! Und jetzt kommt Ihr hier angereist – ohne jeglichen Respekt und ohne Achtung und feiert Eure beknackten Ballermann-Partys?“

 

Corona-Krise: Bisher ist Mallorca glimpflich davongekommen

Mallorca als europäischer Virus-Hotspot – das wäre das schnelle Ende vom Neustart des Tourismus auf der meistbesuchten Urlaubsinsel Europas. Ein Paradies, in dem die Pandemie bisher dank seiner Insellage glimpflich verlief. Seit der Tourismusmotor Mitte Juni wieder ansprang, gab es nur wenige neue Infektionen.

„Die epidemiologische Situation auf der Insel ist exzellent“, bekräftigt die Balearen-Regierung. Berechnet auf 100.000 Einwohner habe es in den letzten 14 Tagen weniger Neuerkrankungen als zum Beispiel in Deutschland gegeben. Und damit dies auch so bleibe, werde man bei Verstößen gegen die Corona-Hygieneregeln hart durchgreifen.

 

Nicht ist es ja nicht so, dass man das Problem nicht hat kommen sehen. Die Gastronomen an der Playa hatten noch versucht, mit neuen Sicherheitsmaßnahmen das wilde Partytreiben in und vor ihren Lokalen in den Griff zu bekommen. Sie trennten die Außenterrassen ihrer Lokale mit Absperrungen von der Straße ab. Um zu verhindern, dass die Besucher Getränke auf die Straße mitnehmen. Zudem sollten zusätzliche Sicherheitsleute für Ordnung sorgen. Die Betreiber der Kult-Kneipe „Et Dömsche“ klagten auf Facebook über die fehlende Disziplin der Besucher: „Leider sind viele Gäste immer noch der Meinung, den Anweisungen des Personals nicht Folge leisten zu müssen.“ Und die Wirte baten die Gäste: „Bitte funktioniert die sonst so gepflegte und gesittete Bierstraße nicht in ein asoziales und rücksichtsloses Saufgelage um.“

Doch der Appell kam zu spät: Die Inselregierung wollte kein Risiko mehr eingehen und schloss gleich die ganze Vergnügungszone. „Das ist Schikane!“, wetterten anschließend die „Dömsche“-Verantwortlichen. Viele Kneipiers halten die Maßnahme für überzogen und wollen vor Gericht ziehen. „Einige meiner Mitarbeiter haben geweint“, berichtete ein Gastwirt. Hunderte Kellner stünden nun auf der Straße.

Ab jetzt sind auch die langen Strohhalme am Ballermann verboten

Die balearischen Behörden nutzten das Schankverbot, um ein paar weitere Corona-Beschränkungen für die gesamte Inselgastronomie durchzusetzen. So ist jetzt auch das Trinken mit langen Strohhalmen verboten, weil diese meist für gemeinsames Sangria-Saufen genutzt würden, was riskant sei. Zudem dürfen nur noch Gläser mit maximal 0,6 Liter Fassungsvermögen ausgegeben werden. Stehtische werden ebenfalls abgeschafft, damit alle Gäste brav am Tisch sitzen.

Zudem wird an weitere Corona-Regeln erinnert, die in allen Gaststätten auf Mallorca gelten. Dazu gehört ein Sicherheitsabstand von 1,50 Metern zwischen Gästen, die nicht zur selben Gruppe gehören. Und ein Tanzverbot, um zu viel Körpernähe zu vermeiden.

Von dieser Woche an gilt zudem eine verschärfte Maskenpflicht. Einheimische wie Touristen müssen auch in allen für die Öffentlichkeit zugänglichen Örtlichkeiten einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Dies gilt drinnen wie draußen und unabhängig davon, ob ausreichender Sicherheitsabstand zu anderen eingehalten werden kann oder nicht. Einzige Ausnahmen: am Strand, am Pool, auf der Meerespromenade, außerhalb von Ortschaften, in der freien Natur und beim Sport.

Von Party keine Spur: Polizisten wachten am Donnerstag darüber, dass die Lokale geschlossen bleiben.
Bild: Imago Images

Auch beim Essen, Trinken und Rauchen darf man den Schutz ablegen. Die Maske muss aber in Bars und Restaurants aufbleiben, bis die Bestellung auf dem Tisch steht. In den nächsten Tagen sollen die Sünder nur ermahnt werden, ab 20. Juli drohen bis zu 100 Euro Geldbuße.

Nicht nur auf Mallorca wächst die Angst vor einem Corona-Rückfall. Totale Maskenpflicht gilt nun ebenfalls im nördlichen Katalonien, wo die Costa Brava und Costa Dorada liegen. Und im südspanischen Andalusien mit der Costa del Sol. Angesichts steigender Corona-Zahlen auf dem spanischen Festland ist nicht auszuschließen, dass es bald sogar einen landesweiten Maskenzwang gibt.

Die Folgen der Saufgelage auf Mallorca müssen alle tragen

Spaniens Hoteliers fürchten derweil, dass die Maskenpflicht abschreckend wirken könnte und die Urlauber auf andere europäische Ferienziele mit lockereren Regeln umbuchen. Es hagele bereits Stornierungen. „Die Aussicht, dass man immer eine Maske tragen muss, ist nicht gerade attraktiv“, kritisierte Gabriel Escarrer, Chef des Reisebranchenverbandes Exceltur.

Das scheinen auch manche Touristen so zu sehen, die sich in den Online-Foren der deutschsprachigen Inselmedien äußern. „Wir sind bekennende Mallorca-Liebhaber. Dass jedoch die Maske bei den Temperaturen im Juli und August auf der Straße, dem Weg zum Strand oder zum Essen getragen werden muss, nimmt einem doch die letzte Erholung“, kommentiert ein Leser.

Eine andere Familie schreibt: „Das Problem auf Mallorca werden nicht die normalen Urlauber sein, sondern die Horden von Briten und Deutschen, die nach Saufgelagen irgendwo übereinanderliegen.“ Die Folgen aber müssen alle tragen.

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