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Archäologie

12.04.2019

Die Türkei will mit der Antike mehr Touristen anziehen

Rund zwei Millionen Touristen lockt die antike Stadt Ephesos jährlich in die Westtürkei – und ist damit ein großer Wirtschaftsfaktor.
Bild: Lea Sibbel, dpa (Archiv)

Um den Tourismus zu stärken, will die Türkei nun Ausgrabungen forcieren. Warum das nicht grundsätzlich gut für die Wissenschaft ist.

Einen spektakulären Fund präsentierten Archäologen im Südwesten der Türkei kürzlich der Öffentlichkeit: eine drei Meter hohe Statue des römischen Kaisers Trajan. Deren Trümmer sie in der antiken Stadt Laodikea ausgegraben und zusammengesetzt hatten. Das gehe ja gut voran, lobte Kulturminister Nuri Ersoy bei einem Besuch in Laodikea.

Ab sofort solle dort nun das ganze Jahr gearbeitet werden, verkündete der Minister: „Wir machen Laodikea zu einer Marke wie Ephesos.“ Auch in Patara, Side, Olympos und einem Dutzend weiterer antiker Stätten sollen die Ausgrabungen drastisch beschleunigt werden. Das sind gute Nachrichten für Archäologen – aber nicht unbedingt für die Archäologie.

Zivilisationen von Jahrtausenden liegen in Anatolien begraben. Von der ältesten Kultstätte der Welt in Göbekli Tepe über die Hauptstadt der Hethiter und die zahlreichen Stätten der Antike bis zu Zeugnissen des Osmanischen Reiches. An 153 Stätten im Land wird derzeit gegraben, an 31 davon unter Leitung ausländischer Wissenschaftler, an 122 von türkischen Archäologen.

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An allen gehe es zu langsam voran, findet Nuri Ersoy: „Wenn wir nur 45 bis 60 Tage im Jahr graben, bekommen wir diese Kulturgüter in 200 Jahren nicht ausgegraben“, sagte der Minister. Die Lösung, so der Tourismusunternehmer, der im vergangenen Sommer von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan zum Minister für Kultur und Tourismus ernannt wurde: „Kultur und Tourismus müssen vereint werden.“

Türkei: Ausgegrabene Kulturgüter sollen mehr Touristen anziehen

Ab sofort bekommen deshalb 20 ausgewählte Ausgrabungen finanzielle Unterstützung von der Regierung, um das ganze Jahr graben, konservieren und restaurieren zu können. Jährlich sollen 20 weitere Grabungen dazukommen, bis in einigen Jahren alle türkischen Grabungen ganzjährig arbeiten können. Die ausgegrabenen Kulturgüter würden mehr Touristen anziehen, die Geld in die Türkei bringen, argumentiert der Minister. Diese Einnahmen werde die Regierung teilweise in die Grabungen zurückfließen lassen. „Und irgendwann werden wir dann ein Ökosystem geschaffen haben, in dem die Ausgrabungen sich selbst finanzieren.“

Für viele Archäologen in der Türkei sind das gute Nachrichten. Rund 10.000 arbeitslose Archäologen gibt es nach einem Bericht der Zeitschrift Aktüel Arkeoloji im Land, denn fast jede Universität biete heutzutage entsprechende Studiengänge an, ohne dass es Arbeitsplätze für die Absolventen gebe. Ersoy schätzt, dass künftig mehr als 1000 von ihnen auf den beschleunigten Grabungen beschäftigt werden können, außerdem 3000 Arbeiter.

Wissenschaftler kritisieren den Massentourismus

Ob es auch dem Erkenntnisgewinn über vergangene Zivilisationen nützt, kann dagegen bezweifelt werden – denn der Sinn der Wissenschaft besteht ja nicht nur darin, alles möglichst schnell auszugraben und zur Schau zu stellen. So wählen erfahrene Archäologen ihre Grabungsabschnitte mit jeweils konkreten wissenschaftlichen Fragestellungen aus. Bei traditionsreichen Grabungen werden bewusst auch Abschnitte unangetastet belassen und aufgespart für künftige Generationen, die dann möglicherweise mit neuen Methoden und Techniken dort forschen können.

Nicht zufällig ist es Ephesos, das der Tourismusunternehmer und Kulturminister Ersoy als Vorbild für seine Pläne hochhält. Die antike Stadt in der Westtürkei zieht mit ihren Rekonstruktionen von Altertümern jährlich rund zwei Millionen Touristen an und ist dadurch zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor in der Region geworden.

Aus archäologischer Sicht hat das freilich eine Kehrseite: „Ephesos ist eines der prominentesten Beispiele für die Kommerzialisierung von Kulturerbe“, merkt die dortige Grabungsleiterin Sabine Ladstätter an. Die Ziele und Anforderungen von Wissenschaft und Denkmalpflege einerseits und der Tourismusindustrie andererseits „könnten unterschiedlicher nicht sein“, schrieb die österreichische Forscherin in einem Beitrag für das Deutsche Archäologische Institut: „Der Massentourismus verformt Ausgrabungsstätten.“

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