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Berlin

26.10.2017

Diese Frau erwartet ihr siebtes Kind - mit 58 Jahren

Fünf Mal Nachwuchs in fünf Jahren: Alexandra Hildebrandt, Chefin des Mauermuseums, ist mit 58 Jahren noch einmal schwanger.
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Fünf Mal Nachwuchs in fünf Jahren: Alexandra Hildebrandt, Chefin des Mauermuseums, ist mit 58 Jahren noch einmal schwanger.
Bild: Wolfram Kastl/dpa

Alexandra Hildebrandt (58) ist Chefin des Mauermuseums. Eine Frau, die immer mal Schlagzeilen macht. Jetzt, weil sie ihr siebtes Kind erwartet – und das, wo sie schon Oma ist.

Sie sagt, es sei ein Schreck gewesen. Und so ganz verdaut habe sie ihn immer noch nicht. Aber jetzt, da die Geschichte in der Welt sei und ihr Telefon kaum noch still stehe, könne sie sich eben auch nicht mehr verstecken. Und dann platzt es aus Alexandra Hildebrandt heraus: „Ich fühle mich wie im Zoo.“

„Chefin des Mauermuseums ist mit 58 Jahren wieder schwanger“, mit dieser Schlagzeile hatte ein Boulevardblatt die Medienlawine ins Rollen gebracht. Es war ja auch nicht mehr zu übersehen. Ein Foto zeigte Hildebrandt im lachsfarbenen Kleid beim Empfang zum 55. Jahrestag des Mauermuseums. Darunter wölbte sich, deutlich erkennbar, ein Babybauch. Erschöpft wie nach einem Marathon sah die Direktorin des Museums aus, aber glücklich. Es sei ihr siebtes Kind, erklärte sie dem Reporter. Und ja, sie freue sich darauf wie auf alle anderen.

Ihre Mitarbeiter wussten da längst, dass die Mutter von zwei erwachsenen Kindern nach dem Tod ihres ersten Mannes ein neues Familienglück gefunden hatte. Anfang 2013 kamen die Zwillinge Maximilian und Elisabeth zur Welt, im Jahr darauf die kleine Alexandra und im Mai letzten Jahres dann Leopold. Im Mauermuseum sind die Kinder keine Unbekannten mehr. Hildebrandt sagt, die Zwillinge habe sie in den ersten drei Jahren häufiger ins Büro mitgebracht. Zu Hause wurden sie abwechselnd von Patentanten aus Polen oder der Ukraine betreut.

Stadtmagazin wählte Alexandra Hildebrandt zur peinlichsten Berlinerin

Damals, vor vier Jahren, als sie mit den Zwillingen schwanger war, reagierte ihr Umfeld überrascht, einige waren auch schockiert. War sie mit 54 nicht schon aus dem gebärfähigen Alter heraus? Wer war der Vater? Andererseits aber passte der späte Nachwuchs gut in das Bild, das viele von ihr haben. Alexandra Hildebrandt ist immer für eine Überraschung gut. Unberechenbar, so würden es ihre Kritiker formulieren. Die Frau des verstorbenen Museumsgründers gilt als kompromisslos und streitbar. In der Politik erinnert man sich noch mit Schrecken an die 1065 Holzkreuze, die sie 2004 am ehemaligen Grenzübergang Checkpoint Charlie installieren ließ, um den Senat daran zu erinnern, dass es in Berlin immer noch kein Mahnmal für die Mauer-Toten gibt. „Kreuzritterin“ oder „fragwürdige Krawallschachtel“, so haben Zeitungen sie genannt. Das Berliner Stadtmagazin Tip wählte sie auf Platz eins der Liste der peinlichsten Berliner.

Hildebrandts Privatleben interessierte damals keinen. Viele fragten sich, ob sie nach dem Tod ihres Mannes überhaupt noch eines hatte. Da es doch regelmäßig vorkam, dass sie bis Mitternacht in ihrem Büro saß und die Alarmanlage auslöste, weil der Wachdienst sie aus Versehen eingeschlossen hatte.

Sie lächelt müde, wenn sie von dieser Zeit erzählt. Man trifft sie im Café ihres Museums. Es ist das wohl beliebteste Museum in Berlin, nach dem Pergamonmuseum: 850000 Besucher im Jahr. Ein Betrieb, der ohne staatliche Subventionen auskommt. Das sagt sie stolz.

Ihr erster Mann hat es gegründet. Es ist sein Lebenswerk. Als er 2004 starb, setzte sie es fort. Sie ist jetzt die Chefin. Eine, die das Haus mit immer neuen Ideen füllt. Aber auch eine, die an vielen Fronten kämpft, um Fördergelder und um Unterstützung in der Politik. Sie regiere mit eisernem Besen, erzählen ehemalige Mitarbeiter. Wer nicht spure, fliege raus. Prozesse um Kündigungen füllen ganze Aktenordner.

Die Chancen, ab 50 schwanger zu werden, liegen bei 1:10.000

Ihr Job ist ein Fulltime-Job, nein, eigentlich zwei. Wie, so fragen sich einige, schafft sie es da, noch einen Haufen kleiner Kinder aufzuziehen? Späte Mütter liegen zwar im Trend. Gianna Nannini bekam ihr erstes Kind mit 54, Janet Jackson mit 50. Auch Ute Lemper oder die Moderatorin Caroline Beil haben es gewagt. Doch so viele Kinder wie Hildebrandt hat keine von ihnen. Man ist geneigt, von einem Wunder zu sprechen. Reproduktionsmediziner sagen, dass es ab dem 50. Lebensjahr so gut wie ausgeschlossen ist, auf natürlichem Wege schwanger zu werden. Die Wahrscheinlichkeit liegt bei 1:10000. Fünf Treffer nacheinander? Es ist ein Rätsel.

Auch ihre Großmutter habe im Alter von knapp 60 Jahren ihr letztes Baby bekommen, sagt Hildebrandt. Und sie bleibt dabei. Die Kinder seien alle auf natürlichem Wege entstanden, sagt sie. Keine Eizellenspende. Kein Spendersamen. Nicht mal Hormone. Sie schaut einen ausdruckslos an, wenn man sie auf die Statistik der Mediziner anspricht. Vielleicht hat sie aber auch ihr Pokerface aufgesetzt. Bei ihr weiß man das nie so genau.

Sie hat keine Sekunde gezögert, als man sie um ein Interview gebeten hat. Sie sagt, bevor ihr noch andere Blätter erfundene O-Töne in den Mund legen, wolle sie lieber selber reden. Man darf sich Alexandra Hildebrandt als eine Frau vorstellen, die gerne die Kontrolle behält.

Die Moderatorin Caroline Beil und Lebensgefährte Philipp Sattler erwarten im Sommer 2017 ihr erstes gemeinsames Kind. Von der Schwangerschaft erfuhr Beil an ihrem50. Geburtstag.
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Bild: Britta Pedersen, dpa

Wie ein Tier im Zoo, so werde sie dargestellt. Dabei, sagt sie, würden ihre Kinder genauso aufwachsen wie andere. Ein Alltag in der Kita bis 17 Uhr, Toben im Garten und dann eine Gute-Nacht-Geschichte. Die lese sie ihnen immer selber vor. Heute das Märchen von Nils Holgersson, morgen Tolstoi. So kennt sie es aus ihrer Kindheit in Kiew. Der Vater war Ingenieur, die Mutter Kinderärztin. Sie sagt, sie und ihre Schwester seien arm, aber behütet aufgewachsen. „Wir hatten fast nur Bücher, keine Möbel.“ Sie will, dass ihre Kinder genauso groß werden. Sie ahnt, dass das schwer wird. „Es gibt das Internet. Es gibt Fernsehen mit Mord- und Totschlagfilmen.“

Sie hustet. Nicht zum ersten Mal in diesem Gespräch. Sie murmelt etwas von einer Bronchitis, die sie schon monatelang mit sich herumschleppe. Und davon, dass sie sich jetzt im fünften Monat ein wenig schonen müsse. Schmal und erschöpft sieht sie aus. Die jahrelange Doppelbelastung ist nicht spurlos an ihr vorbeigegangen.

Nur neun Tage nach der Geburt der Zwillinge war sie wieder im Museum. Stressig sei das gewesen, räumt sie ein. Einer habe immer geweint, manchmal auch beide. Es waren zarte Kinder, sie kamen zu früh zur Welt. Sie zückt ihr Handy, um Bilder zu zeigen. Da ist Maximilian, ein zarter Blondschopf. Sie sagt, sie sei als Kind wie er gewesen, genauso verträumt. Und da ist Elisabeth, ein Mädchen mit energischem Kinn. Man sieht ihr an, dass sie schon genau weiß, was sie will. „Die ist so schnell, die kann man kaum fotografieren.“

Heute sind die beiden viereinhalb. Alexandra Hildebrandt könnte ihre Oma sein. Ihre Enkelin ist ja auch erst fünf. Doch wenn Alexandra Hildebrandt damit ein Problem haben sollte, lässt sie es sich nicht anmerken. Sie sagt, die Kinder spielten schön zusammen. Sie seien überhaupt artig. Ihnen bleibe auch nichts anderes übrig. „Wenn mehrere da sind, wird man pragmatisch: „So, du isst jetzt, und du gehst ins Bett. Und hier wird Licht ausgemacht. Fertig!“

Man sieht sie vor sich: die Mutter der Kompanie. Sie lacht. Sie sagt, sie sei ja nicht allein. Da ist ihr Mann, Daniel Dormann, der Vater ihrer Kinder, der als Unternehmensberater arbeitet. Ohne ihn ginge es nicht, sagt sie. Und es ist immer irgendeine Patentante da, die bei ihnen wohnt.

Letztes Jahr hat Hildebrandt geheiratet

Wie aber ist aus dem Workaholic ohne Privatleben ein Workaholic mit vier, bald fünf Kindern geworden? Ihr Blick wandert zur Wand hinter der Theke. Dort hängt ein Bild ihres verstorbenen Mannes. Lebensgroß. Er starb am 9. Januar 2004. Aber hier ist er immer noch präsent. Ihre Stimme wird brüchig, wenn sie vom ihm spricht. Und für einen Moment vergisst man, dass da eine erwachsene Frau sitzt.

Hildebrandt sagt, nach seinem Tod sei sie in ein tiefes Loch gefallen. Rainer Hildebrandt war 45 Jahre älter als sie. Ein Visionär, ein Patriarch. Einer, der als Widerstandskämpfer im Dritten Reich in Haft gesessen hatte. Ein Kämpfer für die Menschenrechte. Ihre Stimme bekommt einen ehrfürchtigen Unterton, wenn sie von ihm redet. Sie sagt: „Er war viel mehr als ein Ehemann für mich. Er war auch Vater, Großvater und Lehrer.“

Seine Urne mit der Nummer 173126 wurde immer noch nicht bestattet. Er darf nicht dort begraben werden, wo er es wollte. Es ist ein kleiner Friedhof, der offiziell geschlossen ist. Reine Willkür der Behörden, sagt sie. Wie sollte sie da Abschied nehmen? „Ich habe die ersten drei Monate nach seinem Tod nur noch geweint.“

Einsamkeit. Schwere. Das Gefühl, die Behörden wollten sie fertigmachen. Sie sagt, sie habe sich entscheiden müssen. Immer schwarz tragen – oder noch mal neu anfangen, eine Familie gründen. Sie wählte die Flucht nach vorn.

Im Dezember hat sie kirchlich geheiratet, ganz in Weiß, ein Fest mit 100 Gästen, auch die vier Kinder wurden getauft. Hildebrandts Augen leuchten, wenn sie davon erzählt. Sie sagt: „Es war der schönste Tag meines Lebens.“ Sollen die Leute sich doch das Maul zerreißen. Sie habe jetzt alles, was sie brauche, um glücklich zu sein. Kinder. Einen Mann. „Ein Zuhause.“

Hinweis: Die Autorin Antje Hildebrandt ist mit Alexandra Hildebrandt weder verwandt noch verschwägert.

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