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Interview

13.07.2020

Diese Schwabingerin will Deutschlands erste Astronautin werden

Dr. Suzanna Randall lebt in Schwabing und forscht in Garching an der Europäischen Südsternwarte ESO.
Bild: Ingo Wagner, dpa

Plus Suzanna Randall könnte die erste deutsche Astronautin werden. Warum sie während ihrer Ausbildung Elefanten auf der Brust spürte und sich nun selbst Blut abnehmen kann.

Frau Dr. Randall, Sie haben sich in den vergangenen Jahren zusammen mit Insa Thiele-Eich zur Astronautin ausbilden lassen. Der Chef-Wissenschaftler der Nasa, James L. Green, erzählte uns bei seinem Besuch an der Universität Augsburg im vergangenen Jahr, dass der nächste Mensch auf dem Mond eine Frau sein wird. Werden Sie das sein?

Suzanna Randall: Nun ja, ich würde es natürlich sehr gern sein, aber das ist wohl ziemlich unwahrscheinlich. Bei der Nasa muss man Amerikanerin oder Amerikaner sein, um Astronaut zu werden. Und bei einer derart prestigeträchtigen US-Mission zum Mond würden sich das die Amerikaner sicher ohnehin nicht nehmen lassen. Also geht das wohl an mir vorbei. Es sei denn ich werde irgendwie noch Amerikanerin. Bislang bin ich aber Deutsche, wobei mein Vater ursprünglich aus England stammt.

Wie kommt es, dass Sie Astronautin werden wollten?

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Suzanna Randall: Ich fand das schon immer spannend, habe schon als Kind immer fasziniert in den Himmel geschaut, „Was ist was“-Bücher zum Thema gelesen. Und das, obwohl meine Eltern gar nichts mit dem Thema Raumfahrt zu tun hatten. Später habe ich dann Sally Ride für mich entdeckt. Das war die erste Amerikanerin im All, sie flog 1983 mit der Raumfähre Challenger in den Weltraum. Mit ihr konnte ich mich identifizieren. Zwar waren vor ihr schon die sowjetischen Kosmonautinnen Walentina Tereschkowa und Swetlana Sawizkaja im All, doch die waren für mich nicht so präsent. Tereschkowa war ja schon 1963 in die Erdumlaufbahn geflogen.

Es gibt bisher fast 600 Menschen, die ins All gereist sind, aber nur gut zehn Prozent waren Frauen. Aus Deutschland stammen bislang ein knappes Dutzend Raumfahrer – alle waren Männer. Es ist höchste Zeit, dass endlich auch eine Frau an die Reihe kommt. Die Ausbildung gilt als körperlich ziemlich anspruchsvoll und anstrengend. Stimmt das?

Suzanna Randall: Ja, das kann man sagen. Jüngst erst war ich in einer Zentrifuge der Bundeswehr, in der starke Fliehkräfte simuliert werden. Darin werden auch Kampfjetpiloten ausgebildet. Bei mir ging es darum, die Belastung darzustellen, die bei einem Start mit einer Rakete des US-Unternehmens SpaceX, also jener Firma, die von Elon Musk geleitet wird, entsteht. Ich fand es tatsächlich nicht sehr angenehm. Es ist, als würde sich ein Elefant auf den Hals oder die Brust setzen. Bei einem Start entstehen für etwa zehn Minuten Werte von viereinhalb G, also das Viereinhalbfache der Schwerkraft auf der Erde. Wer also auf der Erde 70 Kilo wiegt, bringt beim Start plötzlich quasi 315 Kilo auf die Waage. Das ist durchaus eine Herausforderung für den Kreislauf.

Was gehört noch zur Ausbildung?

Suzanna Randall: Meine Kollegin Insa Thiele-Eich und ich durften auch in die Druckkammer. Wir wurden darauf sensibilisiert, wie es ist, wenn plötzlich kein Sauerstoff mehr vorhanden ist oder der Druck im Raumschiff durch ein kleines Leck in der Hülle sinkt. Zur Ausbildung zählt auch die Vorbereitung auf die Schwerelosigkeit. Dazu macht man viel Tauchtraining, aber auch sogenannte Parabelflüge, bei denen der Pilot die Maschine in den freien Fall bringt. Dabei entsteht echte Schwerelosigkeit – aber nur für etwa 20 Sekunden. Nicht zuletzt habe ich noch einen Pilotenschein gemacht. Und außerdem muss man wirklich viel Theorie lernen – zum Beispiel, wie die vielen Systeme auf der Internationalen Raumstation ISS funktionieren.

Ziel ist also die ISS. Wie lange sollen Sie dort bleiben und was sollen Sie dort machen?

Suzanna Randall: Laut Plan soll ich etwa zehn bis 14 Tage in der Raumstation sein. In erster Linie geht es um Forschungsarbeiten – auch als Frau, mit dem eigenen Körper. Denn es waren ja bislang nur etwa zehn Prozent aller Astronauten Frauen. Da ist noch viel Forschung nötig. Ich musste deshalb auch lernen, mir selbst Blut abzunehmen. Das ist natürlich kein so großer Spaß. Aber ich möchte von der ISS aus auch viel Bildungsarbeit machen, beispielsweise live mit Schülerinnen und Schülern auf der Erde sprechen.

Die Internationale Raumstation ISS ist das Ziel von Suzanna Randall.
Bild: Nasa, dpa

Warum das?

Suzanna Randall: Es geht unter anderem darum, Mädchen für naturwissenschaftliche Fächer zu begeistern. Insofern sollen Insa und ich als Vorbilder fungieren. Darüber hinaus gibt es eigens dafür auch einen Wettbewerb, zum Beispiel für Grundschüler der dritten und vierten Klassen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Bei dem Wettbewerb www.code4space.org können sich die Schüler mit selbst geschriebenen Computerprogrammen bewerben. Das beste Programm wird dann prämiert und wir führen es auf der ISS aus. Wir erhoffen uns davon ebenfalls, Kinder für naturwissenschaftlich-technische Themen zu gewinnen.

Aber wann geht es endlich los?

Suzanna Randall: Das kann man in der Raumfahrt nie genau sagen. Eigentlich war als Termin Ende kommenden Jahres vorgesehen. Doch die Finanzierung ist das Problem. Es fehlt das Geld. Die Mission – nur für Insa oder mich – würde 50 Millionen Euro kosten. Das ist natürlich richtig viel Geld, aber nicht für ein Land wie die Bundesrepublik Deutschland. Das – privatwirtschaftliche – Start-up-Unternehmen „Die Astronautin“ der Raumfahrt-Ingenieurin Claudia Kessler, das sich zum Ziel gesetzt hat, endlich eine Frau aus Deutschland ins All zu bringen, ist ja erheblich in Vorleistung gegangen. Claudia Kessler ist sehr gut vernetzt und konnte dafür sorgen, dass unsere umfangreiche Ausbildung zu großen Teilen von Sponsoren gezahlt wurde. Insa und ich sind gleichwertig ausgebildet und vertreten uns gegenseitig. Wer bei einem Flug konkret zum Zuge kommt, ergibt sich dann. Es hatte gute Signale aus der Politik gegeben, dass große Teile der Kosten für die Mission letztlich von der Bundesrepublik übernommen werden. Spenden allein reichen natürlich nicht aus. Von der Zuständigkeit her fallen wir in den Bereich des Bundeswirtschaftsministeriums. Doch dann kam das Coronavirus. Und jetzt ist wieder alles offen. Das ist natürlich frustrierend.

Ihre Ausbildung ist umfangreich. Wie verdienen Sie Ihr Geld?

Suzanna Randall:  Ich habe das große Glück, bei einem sehr kulanten Arbeitgeber angestellt zu sein – nämlich bei der Europäischen Organisation für astronomische Forschung in der südlichen Hemisphäre, kurz ESO.

Dann arbeiten Sie eigentlich auf der Südhalbkugel?

Suzanna Randall: Könnte man meinen. Tatsächlich wohne ich in München und mein Arbeitsplatz ist in Garching, dem Hauptsitz der ESO. Die ESO, auch Europäische Südsternwarte genannt, betreibt mehrere große Teleskope in Chile. Dort ist die Luft sehr klar und nicht durch Lichtverschmutzung beeinträchtigt – sehr gute Voraussetzungen, um in den Weltraum zu blicken oder zu horchen. Das Gute ist: Die ESO geht sehr großzügig mit meinem Engagement als künftige Astronautin um. 50 Prozent meiner Zeit verbringe ich mit Astronomie, 50 Prozent mit dem Thema Astronautin. Ich werde aber komplett von der ESO bezahlt.

7-Meter-Antennen des Alma-Observatorium (Atacama Large Millimeter/Submillimeter Array) ragen in der Atacama-Wüste im Norden Chiles in den Sternenhimmel.
Bild: W. Garnier, dpa

Was erforschen Sie im Universum? Sind Sie auf der Suche nach neuen Exoplaneten? Also Planeten außerhalb unseres Sonnensystems? Davon hat man ja bislang immerhin über 4000 entdeckt.

Suzanna Randall: Nein, mein Spezialgebiet sind sogenannte blaue Unterzwergsterne. Dass es dazu gekommen ist, ist reiner Zufall, es ergab sich so in meiner akademischen Laufbahn. Blaue Unterzwerge sind mit Temperaturen von über 20.000 Grad wesentlich heißer als unsere Sonne mit etwa 6000 Grad. Sterne sind quasi Brutstätten von höherwertigen Elementen, beispielsweise Metallen. Je nach Sternentyp werden aber unterschiedliche Elemente produziert. Insofern gibt die Erforschung der verschiedenen Sternentypen große Aufschlüsse darüber, wie das Universum aufgebaut ist und warum das so ist.

Wie oft schauen Sie eigentlich beruflich in den Himmel?

Suzanna Randall: Ich bin pro Jahr ein- bis zweimal in Chile, dann schaue ich zuweilen auch in den Himmel. Hier in Bayern macht das zu Forschungszwecken aber keinen Sinn, hier gibt es zu viel Lichtverschmutzung und zu viele Wolken. Also verbringe ich nur einen sehr kleinen Teil meiner Arbeitszeit damit, in den Himmel zu schauen. Aber das macht nichts. Wir bekommen von unseren Teleskopen viele Daten geliefert, die ich auswerten muss. Das ist echte Grundlagenforschung. Die kann ich hier in Deutschland machen. Sogar in meinem Homeoffice – hier in meiner Wohnung in Schwabing.

Zur Person: Die 1979 in Köln geborene Astrophysikerin Suzanna Randall machte in Bergisch Gladbach Abitur, studierte Astronomie in London und promovierte im kanadischen Montreal. Seit 2006 ist sie am Hauptsitz der Europäischen Südsternwarte (ESO) in Garching (nördlich von München) tätig. 2018 begann sie zudem – nebenberuflich – ihre Ausbildung zur Astronautin.

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