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Porträt

07.12.2014

Doro Pesch: die Metal Queen ist hart, aber herzlich

So sieht Rocker-Königin Doro Pesch aus, wenn die meisten ihrer langen blonden Haare aus dem Gesicht sind.
Bild: Carsten Rehder, dpa

Was Helene Fischer für den breiten Musik-Geschmack, ist Doro Pesch für die Rocker. In ihrem Leben hat sie schon viel erlebt: Todesängsten, Lebensträumen und peinlichen Momente.

Hans Hoss lächelt. „Die letzten 15 Minuten vor dem Auftritt sind immer furchtbar. Doro ist hypernervös. Wir suchen jedes Mal ihre Ohrenstöpsel. Eigentlich liegen die immer bereit, aber dann sind sie doch wieder weg.“ So ist das.

Hoss, der in diesen Tagen 60 Jahre alt wird, hat sich an das Prozedere gewöhnt. Er kennt Dorothee Pesch, die in der Welt des Rocks und Heavy Metal nur Doro genannt wird, seit 25 Jahren. Ende der 1990er Jahre war er schon einmal ihr Manager. Jetzt tourt er mit seinem Schützling wieder seit zwei Jahren durch die Weltgeschichte. Zuletzt waren sie in Mannheim, Würzburg und im belgischen Antwerpen.

Auf Männer wirkt die Sängerin immer noch wie ein Naturereignis. Wie kürzlich im Münchner „Backstage“, das mit 1000 Fans prall gefüllt war. Man(n) ist baff, wenn Doro, blonder als die Polizei erlaubt, zwischen ihren beiden langhaarigen Gitarren-Hünen Nick Douglas und Bas Maas im Leder-Outfit auf der Bühne wuselt. Die zierliche Doro verwandelt sich auf der Bühne zu einem Kraftpaket, dass die Halle zum Beben bringt. Deshalb die Ohrenstöpsel.

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Doro Pesch ist die Helene Fischer des Heavy Metal

Doro ist die Helene Fischer des Heavy Metal. Die Boulevard-Medien nennen sie ehrfürchtig „Metal Queen“. Die Königin des Metalls. Es gibt außer ihr keine Frau in Deutschland, die auf diesem Sektor über Jahre so erfolgreich war. Heuer feiert sie ihr 30-jähriges Bühnenjubiläum. Sie ist jetzt 50 Jahre alt und hierzulande konkurrenzlos. Über zehn Millionen verkaufter Alben, weit über 2500 Live-Auftritte in 50 Ländern, und zudem ist sie eine der ersten Frauen, die es schaffte, beim legendären „Monsters of Rock“-Festival aufzutreten. Damals 1986 bei Castle Donington in Leicestershire (England). Vor über 60000 Fans stand sie zusammen mit Rock-Helden wie Ozzy Osbourne, Motörhead, Def Leppard und den Scorpions auf der Bühne. Legendär sind auch ihre Auftritte beim Wacken Open Air, dem größten Heavy-Metal-Festival der Welt.

Sitzt man Doro Pesch gegenüber, wie jetzt in einem Hotel im Münchner Westen, wirkt sie fast ein wenig zerbrechlich. Das kann auch die dicke Lederjacke, die mit Nieten besetzt ist, nicht kaschieren. Besorgte Mütter würden ihr ein paar Pfund mehr auf die Rippen wünschen. Mit ihren 1,60 Meter ist sie wie ein Strich in der Landschaft. „Zum Essen nimmt sie sich einfach keine Zeit“, hat Hoss schon zuvor mit sorgenvoller Miene gesagt. Und ihre Hände zittern. Das ist immer so in den letzten beiden Stunden vor dem Auftritt. „Ich bin vollgepumpt mit Adrenalin“, sagt sie und atmet hörbar durch.

Pesch ist keine Frau, die leise spricht. Schließlich ist sie Rheinländerin. Eine Frohnatur aus Düsseldorf. Ihre Stimme senkt sich nur, wenn sie über Schicksalsschläge spricht, wie über den Tod ihres Vaters Walter. Oder als sie als Teenager schwer krank und mit dem Tod konfrontiert wurde.

„Es ist ja ein Wunder, dass ich noch lebe“, sagt sie und spielt dabei mit den Nieten an ihrer Jacke. 14 Jahre alt war sie, als die Ärzte ihren Eltern im Krankenhaus die niederschmetternde Diagnose mitteilten: Lungentuberkulose im Endstadium. Ein Jahr lang lag sie auf der Quarantäne-Station, die Haare gingen ihr aus. Ob es überhaupt eine Zukunft geben würde, war ungewiss.

Diese schwere Zeit hat etwas in ihr ausgelöst. Sie glaubt, es war kein Zufall, dass sie dem Tod von der Schippe gesprungen ist. Doro Pesch macht dafür ihren Schutzengel verantwortlich. Sie glaubt fest an diese Wesen – und in ihren Liedtexten ziehen sich Engel wie ein roter Faden durch die Karriere.

Doro Pesch: "Die Punks und haben uns die Gitarren abgeknöpft"

Doro lächelt jetzt sanft und sieht ihr Gegenüber an, als wenn sie sagen wollte: „Ich weiß, du denkst jetzt, ich bin ein bisschen blöd.“ Und schickt gleich hinterher: „Ich habe viele Situationen erlebt, wo mir mein Schutzengel geholfen hat. Ich hatte einen schweren Autounfall und bin unverletzt aus einem Wrack gestiegen. Das war mir unerklärlich. Ich bin nicht besonders religiös, aber ich glaube an einen göttlichen Schutz und ich glaube an das Gute.“

Als sie den Kampf mit dem Tod gewonnen hatte, begann ihr zweites Leben. Musik, die sie schon immer liebte, wurde jetzt interessanter. Ein bisschen hat ihr auch die Krankheit diesen Weg geebnet. „Meine Eltern waren so happy, dass ich wieder gesund war, und haben mir alles erlaubt. Ich hatte Narrenfreiheit“, sagt sie und macht dabei eine ausladende Handbewegung. Bald verschwand sie mit ein paar pubertierenden Jungs, die ebenfalls gerade 14 oder 15 Jahre alt waren, in einem Proberaum. An ihren ersten Auftritt erinnert sie sich aber eher mit Grauen. Sie schlägt die Hände vors Gesicht. Ein Klubbesitzer kam in ihren Übungsraum. Ihm gehörte das „Rose and Crown“, ein Punk-Klub in Düsseldorf. „Er hat uns gefragt, ob wir einmal live spielen wollten.“ Klar, dass Doro und ihre Jungs wollten. Das Problem war nur, dass das etwas aus dem Ruder lief.

Vor der Bühne standen etwa 30 Metaler und 120 Punks. „Du weißt ja, das waren nie gute Freunde“, sagt sie. Sie duzt ihr Gegenüber, das ist üblich in Musikerkreisen. Die Stimmung war aufgeheizt. „Später kamen dann die Punks und haben uns die Gitarren abgeknöpft“, kramt Doro Pesch in Erinnerungen. Aber die Geschichte ging gut aus: „Wir bekamen wieder unsere Gitarren und dann lagen sich die Metaler und Punker in den Armen.“ Schon da aber habe sie gelernt: „Konzerte geben ist eine harte Schule mit Bier und Schweiß, und manchmal fließen auch Tränen und Blut.“

Viele Jahre sind seitdem ins Land gezogen und Doro Pesch ist schon lange nicht nur Sängerin. Doro ist eine Marke. Ein deutsches Produkt, das man in Europa, Amerika und Asien kennt. Sie hat mit Leuten zusammengearbeitet, die für andere Künstler in diesem Genre unerreichbar sind. Sie tourte mit Alice Cooper, mit Saxon oder Megadeth. Gene Simmons von Kiss hat ein Album von ihr produziert. Mit dem bereits verstorbenen Ex-Black-Sabbath-Sänger Ronny James Dio, mit dem sie bis zu seinem Tod eng befreundet war, sang sie ebenso gemeinsam auf der Bühne, wie mit Klaus Meine von den Scorpions oder dem berühmt-berüchtigten Rock-Haudegen Lemmy Kilmister von Motörhead. „Ich hatte das Glück, von den Besten zu lernen“, sagt sie und faltet ihre Hände, als ob sie dafür noch einmal dem Herrgott danken wolle.

Mit Lemmy Kilmister hatte Doro eine Begegnung der besonderen Art. In den frühen 1980er Jahren war sie in London, eigentlich wegen eines Plattenvertrags, und sollte dort am Abend vorsingen. „Nach dem Soundcheck hatte ich noch Zeit und ging dann in einen Pub um die Ecke“, erzählt sie und grinst. Am Tresen stand Kilmister mit einem Whisky-Cola in der Hand. „Hey, du bist doch Doro“, hat er mich angesprochen. Wir haben gequatscht, geraucht und getrunken.

Doro Pesch denkt nicht ans aufhören

Irgendwann wies sie der Frontmann von Motörhead darauf hin, dass es bereits dunkel sei und sie doch vorsingen müsse. „Ich dachte mir nur: ach du Schande, und als ich aus dem Pub raus bin, habe ich den Whisky gespürt. Beim Vorsingen vergaß ich dann alle meine Texte. Plattenvertrag ade.“

Doch die Episode mit dem trinkfesten Rocker hatte doch noch ein Happy End. „Nach dem Vorsingen kamen alle zu mir her. Die Presse, die Agenturen, jeder wollte wissen was mit mir los sei. Ich habe dann nur gesagt, ich habe Lemmy getroffen. Dann gab es nur noch Gelächter und ich habe den Plattenvertrag doch bekommen.“

Mit „wilden Typen“, vor denen Mütter ihre Töchter gewarnt haben, hängt Doro Pesch gerne ab. Einen Mann fürs Leben hat sie allerdings nicht gefunden. Sie zuckt mit den Schultern: „Ich bin allein. Das hat sich seit 20 Jahren nicht geändert und ich fühle mich glücklich dabei. Ich habe irgendwann beschlossen, mein Leben der Musik zu widmen, und das hat sich manifestiert.“

Nicht ganz einfach ist es, sie auf ihren Vater anzusprechen. „Er ist heute noch jeden Tag präsent. Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht an ihn denke.“ Im Jahr 2000 ist er nach schwerer Krankheit gestorben. Mit 68 – viel zu früh.

Doro Pesch blickt auf die Uhr. Der Konzerttermin rückt näher. Sie sagt: „Ein bisschen geht schon noch.“ Das Stichwort „Warlock“ – ihre Band in den frühen Achtzigern – entspannt ihre Gesichtszüge und ihre Augen leuchten. „Warlock“ genießt immer noch Kultstatus. Das Aus der Band im Jahr 1988 hat Pesch kalt erwischt und an der Musikbranche zweifeln lassen. „Ich war naiv und habe nur an das Gute geglaubt. Mittlerweile weiß ich, dass diese Branche ein Haifischbecken ist. Außenstehende haben Warlock zerrissen. Wir wurden ausgepresst wie eine Zitrone.“ Harte Töne einer harten Rockerin.

Jetzt, 2014, ist sie mit ihren 50 Jahren und ihrer 30-jährigen Karriere im Metal- und Rockgeschäft immer noch fit. Die Abschlussfrage ist deshalb fast schon eine Frechheit: „Befasst du dich manchmal mit dem Gedanken aufzuhören?“ Doro hebt abwehrend die Hände: „Niemals.“

Als sie, die Rocker-Königin, später auf der Bühne im Münchner „Backstage“ ins Mikro schreit: „Auf die nächsten 30 Jahre“, johlen ihre Untertanen vor der Bühne.

Doro Pesch ist fürwahr ihre Königin. Und Königinnen danken selten frühzeitig ab.

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