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Interview mit Funny van Dannen

01.10.2009

"Du hast mir den Tag gerettet

Der Liedermacher Funny van Dannen.

Funny van Dannen braucht nicht viel, um tiefschürfende Zeilen zuerschaffen: ein Blatt Papier und einen Stift. Seine Zeilen sindeinfach, streifen manchmal die Grenze zum Kitsch und driften oft insAbsurde ab.

Augsburg. Funny van Dannen braucht nicht viel, um tiefschürfende Zeilen zu erschaffen: ein Blatt Papier und einen Stift. Seine Zeilen sind einfach, streifen manchmal die Grenze zum Kitsch und driften oft ins Absurde ab.

Wer zum ersten Mal seinen Künstlernamen hört, könnte denken: "Aha, Funny van Dannen? Wieder so ein Comedian, nicht wahr?" Das ist fürwahr nicht wahr und obendrein völlig falsch. Dazu muss man nur Funny van Dannens alias Franz-Joseph Hagmanns neues Werk "Saharasand" in den CD-Spieler legen. Platte Späße, Comedy, Lustiglustiglustig findet man darauf nicht.

Funny van Dannen ist vieles, Maler, Liedermacher, Schriftsteller. Einer, der 1978 vom sehr überschaubaren Tüddern (das bei seiner Geburt 1958 zu den Niederlanden gehörte) nach Berlin zog, um sein Glück zu machen. Einer, der sich erfolgreich durchwurstelte. Und sich dabei nie verbiegen ließ. Ein Gespräch über den Sinn des Lebens, Erfolg, Liebe und den FC Bayern München, über die ganz großen Dinge also.

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Warum der Künstlername Funny van Dannen Herr Hagmanns?
Van Dannen: Das war schon immer mein Spitzname. Seit Kindertagen. Als ich anfing, Bilder auszustellen, hab ich noch einen Nachnamen dazu gefunden - und das war dann eben van Dannen.

Funny scheint nicht zu passen: Ihr Humor wirkt eher melancholisch, ironisch. Funny klingt dagegen nach platten Späßen.
Van Dannen: Der Name wurde früher auch gerne mit a geschrieben, Fanny. Mit platten Späßen hat das nichts zu tun. Ja, der Name ist schon irreführend. (lacht)

Ihr Rat: Wie lässt sich das Leben am besten ertragen?
Van Dannen: Och, ne gute Portion Humor ist sicher nicht schlecht und eine gewisse Stabilität in privaten Dingen ist auch sehr hilfreich. Familie finde ich sehr wichtig.

Der Sinn des Lebens?
Van Dannen: Der Sinn des Lebens kann für jeden etwas anderes sein. Das muss jeder für sich herausfinden. Diese Frage sollten wir auch gar nicht überbewerten. Ich glaube, wir sind Teil von einem ganz großen Schöpfungsplan. Also vielleicht ist es ein Plan, ich weiß es nicht. Das weiß ja kein Mensch.

Dann andersherum: Worin sehen Sie den Sinn Ihres Lebens?
Van Dannen: Ich finde, wir sollten erkennen, dass jeder Mensch ein winziges Teilchen der Menschheit ist. Und dass es für alle Menschen angenehmer ist, friedlich und freundlich zu sein.

Sie gelten als "Poet des Alltags". Können Sie damit etwas anfangen?
Van Dannen: "Poet des Alltags" ist mir zu banal, weil das Leben besteht ja nunmal zum größten Teil aus Alltag. Über was sollte man denn sonst schreiben?

Und können Sie mit Ihrem Erfolg etwas anfangen? Jahrelang waren sie nur einem überschaubaren Fankreis bekannt. Vor allem mit dem Buch "Neues von Gott" kam dann, naja, der große Durchbruch…
Van Dannen: Ach ja, das ist auch nicht so gewaltig. Der "Neues von Gott"-Erfolg war vielleicht eher ein Missverständnis. Ich seh den Erfolg immer sehr skeptisch. Man hat dann nachher gesehen, dass etwas, was mit Gott und Sinnsuche zusammenhängt, noch viel besser funktionieren kann, wenn man es richtig anpackt. Wie Hape Kerkeling.

Ihre Anfänge als Autor und Musiker liefen mäßig. Sie zogen 1978 nach Berlin und machten mal dies, mal das…
Van Dannen: Ich wollte erfolgreicher Maler werden. Oder überhaupt: ein guter Maler. Erfolg habe ich nie als Priorität gesehen. Der Erfolg in wirtschaftlicher Hinsicht hat sich, glaube ich, immer noch nicht eingestellt. (lacht) Das Schreiben und Singen, das lief immer parallel und hat sich als erfolgreicher erwiesen als die Malerei.

Woher nahmen Sie die Motivation weiterzumachen - ohne sich verbiegen zu lassen?

Van Dannen: Ich habe öfter überlegt, was anderes zu machen, weil das Künstlerdasein nicht immer lustig ist. Aber es hat sich nie eine wirkliche Alternative geboten.

Heute haben Sie vier Kinder und die müssen irgendwie ernährt werden…
Van Dannen: Mmmh. Ach ja, ich kann ja nicht klagen. Ich habe schon Erfolg, aber das sind keine Chartserfolge, an denen normalerweise Musikanten gemessen werden. Die sind bei mir so nicht da.

Ist es naiv, zu denken, man könnte mit seinen Texten irgendetwas verändern?
Van Dannen: Das ist überhaupt nicht naiv. Man kann mit Kunst die Welt verändern. Man kann auch durch gutes oder schlechtes Verhalten die Welt verändern. Das sieht man tagtäglich. Auch ein ganz blöder Popsong kann das Leben eines Menschen für ein paar Minuten erleichtern. Das sollte man nicht unterschätzen. Aber natürlich ist das nicht der Anspruch von früher, mit Kunst eine Revolution zu bewirken.

Erhalten Sie ein Feedback über Ihre Wirkung?
Van Dannen: "Du hast mir den Tag gerettet", höre ich immer wieder.

Fühlen Sie sich eigentlich als "richtiger Deutscher"? 1996 haben Sie in dem Lied "Vaterland" die Frage gestellt: "Was ist ein richtiger Deutscher?" Eine Antwort darauf gaben Sie nicht.
Van Dannen: Ich halte richtige Deutsche für Menschen, die hier leben und leben wollen - und sich mit dem Land identifizieren wollen. Und dazu gehört als Minimum die Beherrschung der Sprache. Die Sprache ist der Schlüssel für Integration. Von daher bin ich nie in Versuchung gekommen, allzu nationalistisch zu denken, denn meine Muttersprache ist nicht Deutsch. Ich bin mit Holländisch und Deutsch aufgewachsen. Ich habe mich immer schon als eine Art Europäer gesehen.

Dieses Jahr ist ein Erinnerungsjahr: Derzeit aktuell: 20 Jahre Mauerfall. Ist zusammengewachsen, was zusammengehört?
Van Dannen: Weiß ich nicht. Ich glaube, das wird noch seine Zeit brauchen.

Wie haben Sie den Fall der Berliner Mauer erlebt?
Van Dannen: Da war ich in Berlin und hab in einem Auktionshaus gearbeitet. Als ich Feierabend hatte, ging ich über den Ku'damm und hab mich gewundert, dass so viele Menschen auf der Straße sind und so wenige Autos. Das war ein positiver Ausnahmezustand.

Wie war es in Berlin in den 80ern?
Van Dannen: Das war ein Inseldasein. Aber Berlin war keine Insel der Seligen. Für viele Leute war Berlin Endstation Sehnsucht. Da ist auch einiges menschliches Elend gestrandet.

Sie haben mal gesagt, in Berlin hält Sie nicht so viel…
Van Dannen: Mich hält hier nur die Familie. Wir wollten vor einigen Jahren ins Rheinland ziehen. Aber die Kinder haben ihre Wurzeln hier. An und für sich bin ich immer noch Rheinländer. Dieses eher Gesprächsfreundliche liegt mir einfach mehr als dieses Wortkarge, dieses Preußische.

Für viele sind Sie "irgendwie" links. Was manchen dann aber irritiert: Sie sind verheiratet, haben vier Kinder und müssen sich als Selbstständiger durchschlagen…
Van Dannen: Manche Leute sind da etwas engstirnig. Die Institution Ehe ist für mich nichts Wichtiges, aber dass sich zwei Menschen das Wort geben und die Treue halten, das habe ich schon von dem alten Anarchisten Durruti mitgekriegt.

Bei ihnen ging's schnell mit der Hochzeit. Nach sechs Wochen haben Sie Ihre spätere Frau geheiratet.
Van Dannen: Weil das einfach mit Liebe zu tun hatte. Und das ärgert mich: Wenn übers Kinderkriegen gesprochen wird, ist das Finanzielle gleich Thema. Ich meine: Himmel, Arsch und Zwirn - wenn das für uns ein Kriterium gewesen wäre, hätten wir vielleicht heute noch keine Kinder. (lacht laut)

Wo würden Sie sich politisch verorten im gegenwärtigen Parteiensystem? Und: Lohnt es sich überhaupt, sich politisch zu engagieren?
Van Dannen: Es ist schwierig, sich in Parteistrukturen zu organisieren, weil das ja doch viel mit Sitzungen zu tun hat. Und das Wort "Sitzung" beschreibt sehr schön die Dynamik dieser Parteien. Wirklich gute Impulse müssen mittlerweile von außen kommen, glaube ich. Ich sehe mich seit Jahren nicht mehr in der Nähe von Parteien.

Als was würden Sie sich bezeichnen? Als Liedermacher, Schriftsteller und Maler?
Van Dannen: Maler sicher. Liedermacher ist ein bisschen zu eng, weil das auf die alten Liedermacher gemünzt ist. Aber ein besserer Begriff ist mir auch nicht eingefallen.

Ich frage das, weil sich viele über ihren Beruf definieren…
Van Dannen: Ach, ich glaube, ich könnte auch ohne Beruf glücklich sein. (schallendes Gelächter)

Wer spricht aus Ihren Texten? Die Kunstfigur Funny van Dannen oder Franz-Joseph Hagmanns?
Van Dannen: Ich nehme in den Texten oft wie ein Schauspieler Rollen an. Autobiografisch bin ich so gut wie nie. Manchmal verwechseln das die Leute. Persönliche Erlebnisse verarbeite ich natürlich auch. Ich halte mein Privatleben aber nicht für so interessant, dass ich es veröffentlichen müsste.

Wie sieht Ihr Arbeitstag aus? Nachdem alle Kinder aus dem Haus sind, sitzen Sie am Küchentisch, sehen den Bonsai auf dem Fensterbrett und schreiben dann das Lied "Pflanzendisco" (auf "Saharasand")?
Van Dannen: Ja, ja. Das kann man sich so ähnlich vorstellen. Oft fang ich übers Zeichnen an, kritzle was und dann komm ich den Flow. Ich lasse zum Beispiel ein Lied sich entwickeln, manchmal folge ich einem Reim oder irgendeinem verqueren Gedanken. Manchmal versandet das. Das ist das Risiko.

Wie ist "Bayern" entstanden? Das Lied für die "Toten Hosen"? (mit der legendären Zeile: "Ganz egal, wie hart mein Schicksal wär, ich würde nie zum FC Bayern München gehen.")
Van Dannen: Das ist entstanden aus dem Bedauern darüber, dass so viele großartige Talente bei Bayern München auf der Ersatzbank versauern. Letztes gut dotiertes Opfer war Podolski. Klar, in der Version der Toten Hosen kriegt's natürlich was Aggressives. Aber eigentlich war's von mir ein Lied über die Traurigkeit, dass eben so viel spielerisches Potenzial versauert.

Man veröffentlicht einen Text wie diesen und muss sich noch Jahre später dafür rechtfertigen.
Van Dannen: Das ärgert mich manchmal. Ich halte Uli Hoeneß (den Manager des FC Bayern München, die Red.) nicht für einen Teufel und ich hasse auch den Fußballklub FC Bayern nicht wirklich. Wer soviel Erfolg hat, muss auch viel richtig machen. Ich habe aber so viele menschenfreundliche Lieder geschrieben - und nachher bleibt so ein Song mehr im Gedächtnis der Leute.

Wie finden Sie Bayern?
Van Dannen: Ich fand München vom Wetter her immer toll. München sehe ich weiß-blau. Wie es im Wappen ist. Strahlender Sonnenschein und dieses Biergartenflair. Was mich nervt: Bayern in den Medien. Wenn die ihr Bairisch quasseln. Aber das nervt mich auch an anderen Leuten, die Mundart sprechen und denken, der Rest der Republik müsste das verstehen.

Wenn Sie auf Tour sind: Sehen Sie sich die Städte, in denen Sie auftreten, etwas genauer an?
Van Dannen: Ich war jetzt mit den Toten Hosen in Wien - und da hab ich das erste Mal etwas von Wiens Glanz und Gloria gesehen. Vorher nicht. Und das ist ganz schade. Nur auf meiner letzten eigenen Tour haben wir uns die Städte angesehen. Bamberg und Straßburg. Nachher wurde ich verarscht: "Guck mal, da ist auch ein Kirchturm!" (lacht schallend) Ich fand das schön.

Was ist das für ein Deutschland, das Ihnen da begegnet bei Ihren Auftritten?
Van Dannen: Leider Gottes wird es sich immer ähnlicher. Die Fußgängerzonen sehen alle gleich aus.

Und die Leute...
Van Dannen: Auch sehr ähnlich. Die hüpfen selten durch die Straßen. Man sieht aber sehr viel Wohlstand.

Konzerte: 8.10. München (Muffathalle); 23.10. Lindau (Vaudeville); 24.10. Ulm (Roxy)

Das Interview führte Daniel Wirsching
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