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Türkei

26.01.2020

Dutzende Tote: Wieso ignorierte die Türkei Warnungen vor dem Erdbeben?

Als hätte die Naturgewalt es einfach nach oben geklappt: Auch in diesem Gebäude in Elazig suchen Retter nach Überlebenden.

Plus Dutzende Menschen sterben bei einem Erdbeben in der Türkei. Es ist ein Drama mit Ansage: Monatelang zuvor hatte ein Forscher davor gewarnt. Doch niemand hörte auf ihn.

Die ersten Bilder vom Erdbeben sind erst ein paar Stunden alt, als sich im 1200 Kilometer entfernten Istanbul bewegende Szenen abspielen. Fußball-Erstligist Fenerbahce misst sich gerade mit dem Ligakonkurrenten Basaksehir, als aus dem Fanblock des Gastgebers plötzlich unzählige Schals, Mützen, sogar Jacken auf den Platz geworfen werden. Und die Anhänger dazu skandieren: „Elazig, friere nicht, Fenerbahce ist mit dir.“

Die Nächte sind derzeit kalt in Elazig, einer Provinzhauptstadt mit gut 500.000 Einwohnern tief im Osten des Landes. Eiskalt. Bei etwa sieben Grad unter null suchen die Rettungskräfte unter den Trümmern nach Überlebenden – mit Baggern, Bohrern, teilweise mit bloßen Händen.

Am Sonntag feiern sie einen kleinen Erfolg: Sie retten eine 35-jährige Frau und ihr kleines Kind. Zwei Menschen würden noch vermisst, heißt es. Ob es wirklich nur zwei sind, weiß niemand. Die Hoffnung, sie lebend zu finden, schwindet von Stunde zu Stunde. Mindestens 36 Menschen sind tot und etwa 1600 verletzt. Diejenigen, die überlebt haben, aber ihr Zuhause verloren, kämpfen in Zelten und Sporthallen gegen die Minustemperaturen. Für sie sind die Schals und Mützen der Fenerbahce-Anhänger gedacht.

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Fußballfans von Fenerbahce Istanbul warfen Schals und Mützen aufs Spielfeld. Diese sollen den Opfern zugutekommen.
Bild: Muhammed Enes Yildirim/Anadolu Agency via Getty Images

Es war kurz vor neun am Freitagabend. Viele Bewohner von Elazig waren beim Einkaufen oder in Cafés und Restaurants. Auf einmal stürmten alle in heller Panik nach draußen in die Winterkälte. Ein Erdstoß der Stärke 6,6 erschütterte die Gegend um die Stadt. Auf den Straßen sammelten sich verängstigte Menschen, die Sirenen der Rettungsfahrzeuge heulten. Mehrere Gebäude waren in sich zusammengestürzt.

Bis zum Sonntagabend zählen die Behörden fast 650 schwer beschädigte und 76 völlig zerstörte Gebäude. Zelte, Feldbetten und Decken sind in das Unglücksgebiet gebracht worden, um die obdachlos gewordenen Erdbeben-Opfer unterzubringen. Winterfeste Notbehausungen sollen folgen.

Naci Görür ließ sogar Broschüren drucken, um Erdbeben anzukündigen

Naci Görür hat das alles kommen sehen. Der 72-jährige Geologe von der Technischen Universität Istanbul stammt selbst aus Elazig und hat in den vergangenen Monaten die Behörden und Bewohner seiner Heimatregion gewarnt. Ein schweres Beben bahne sich an, hatte Görür im Fernsehen und bei diversen Veranstaltungen gesagt. Er informierte die Regionalverwaltungen und die Armee, er tingelte durch die Provinz, um die Menschen aufzufordern, ihre Häuser erdbebenfest zu machen. Selbst Broschüren ließ er drucken. Niemand hörte ihm zu.

Nun, nach dem Beben, dessen Epizentrum in der Kleinstadt Sivrice südlich von Elazig lag, sagt Görür: „Es ist so gut wie nichts getan worden.“ Im Nachrichtensender CNN-Türk hatte der Wissenschaftler erst im Oktober ausdrücklich Sivrice als mögliches Zentrum eines schweren Erdbebens genannt. Die Leute sollten sich vorsehen, sagte er. Er stieß auf taube Ohren.

„Es ist so gut wie nichts getan worden“: Naci Görür von der Technischen Universität Istanbul hat vor dem Beben in der Region gewarnt.

Erdbeben sind nicht verlässlich vorhersagbar, weil die Wissenschaft anders als bei Vulkanausbrüchen keine messbaren Vorwarnzeichen kennt. Doch es gibt Faktoren, die auf kommende Beben hindeuten, auch wenn der exakte Zeitpunkt nicht berechnet werden kann. Görür ist kein Hellseher und auch kein Spinner. Er begründete seine Warnungen mit der Geschichte – genauer gesagt mit der merkwürdigen Ruhe in der Region um Elazig, in der es seit fast 150 Jahren nicht mehr so richtig gewackelt hatte. Bis zum Freitagabend. Seit dem ersten schweren Erdstoß haben Forscher mehr als 600 Nachbeben registriert, 20 davon waren schwer.

Das dürfte längst noch nicht alles gewesen sein, sagt Görür, der seit Freitag in Fernsehsendern und im Kurznachrichtendienst Twitter seine neue Warnung verbreitet. Besonders die Gegenden östlich von Elazig in Richtung Bingöl und in südwestlicher Richtung nahe Malatya seien gefährdet, sagt er. Görür beobachtet die sogenannte Ostanatolische Verwerfungslinie, auf der diese Städte liegen. Die rund 600 Kilometer lange tektonische Bruchlinie ist seiner Ansicht nach in Bewegung geraten. „Sie hat geschlafen“, sagt Görür. „Aber jetzt ist sie aufgewacht.“

 

Noch ist Zeit, sich auf neue Beben vorzubereiten. Doch die Erfahrung im Erdbeben-Land Türkei zeigt, dass bald nach einem Unglück trotz aller Gefahren der Alltag einkehrt, bei dem die Vorbereitung auf eine mögliche Katastrophe keine Rolle spielt. Eines der Wohnhäuser, die in Elazig zusammenstürzte, war vor dem Unglück wegen schwerer Schäden und Baumängel für unbewohnbar erklärt worden. Geräumt wurde es trotzdem nicht. Ein zwölfjähriger Junge starb in den Trümmern, der Hausbesitzer wurde gerettet.

ERdogan: "Können wir Erdbeben etwa aufhalten?"

Die Regierung vermittelt zwei Tage nach dem Beben nicht den Eindruck, dass sich diesmal etwas ändern wird. Präsident Recep Tayyip Erdogan wirft Kritikern vor, das Unglück für billige tagespolitische Polemik zu missbrauchen. In den sozialen Medien werde seine Regierung gefragt, was sie in den zwei Jahrzehnten seit ihrem Machtantritt gegen Erdbeben getan habe, sagt der Präsident und beantwortet die Kritik mit einer Gegenfrage: „Können wir Erdbeben etwa aufhalten?“

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, nahm an einer Beerdigungsprozession teil.
Bild: Uncredited/Pool Presidential Press Service/AP, dpa

Mindestens zwei Nutzer sozialer Medien sind seit dem Beben festgenommen worden, weil sie mit falschen Behauptungen „Panik und Furcht“ verbreitet haben sollen, wie die Staatsanwaltschaft sagt. Dabei ist Angst angesichts der Zustände im Land durchaus angebracht, findet beispielsweise die Vereinigung der türkischen Geo-Ingenieure. Nicht Erdbeben seien tödlich, sondern schlecht gebaute Häuser, erklärt der Verband am Sonntag. In der Türkei stehen einer Studie der Ingenieure zufolge 18 Provinzhauptstädte, 80 Kreisstädte und rund 500 Dörfer direkt auf aktiven Verwerfungslinien – insgesamt fast 100.000 Gebäude.

All das sollte den türkischen Politikern nicht neu sein. Beim schweren Erdbeben südlich von Istanbul im August 1999 starben mindestens 17000 Menschen. Fast 300000 Häuser wurden durch den Erdstoß der Stärke 7,4 beschädigt oder zerstört, eine halbe Million Menschen wurde obdachlos. Forscher wie Görür halten in der 16-Millionen-Stadt eine Katastrophe jederzeit für möglich – und alle sind sich einig, dass die Metropole schlecht auf ein solches Ereignis vorbereitet ist.

Istanbul liegt etwa 20 bis 30 Kilometer nordöstlich eines Zweiges der Nordanatolischen Verwerfungslinie, die im 20. Jahrhundert eine Reihe mehrerer schwerer Beben verursachte. Vor rund 80 Jahren starben bei einem Erdbeben im osttürkischen Erzincan mehr als 30000 Menschen. Danach rückten die Beben immer weiter Richtung Westen – bis zur Katastrophe von 1999. Die nordanatolischen Beben hätten so viel Energie freigesetzt, dass entlang der Bruchlinie in nächster Zeit keine schweren Erschütterungen zu erwarten seien, sagt Görür – mit Ausnahme der Region Istanbul.

Internationale Kollegen pflichten ihm bei. Im vergangenen Sommer registrierten Wissenschaftler um den Kieler Geophysiker Dietrich Lange vom Geomar-Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung erhebliche tektonische Spannungen unter dem Marmarameer in der Nähe von Istanbul. Sie würden reichen, um ein Beben der Stärke 7,1 bis 7,4 auszulösen. Im September reichte ein Beben der Stärke 5,8, um die Istanbuler zu schocken. Seitdem hat es weitere kleinere Erdstöße gegeben.

Pfusch am Bau: Zwei von drei Bewohnern in gefährdeten Gebäuden

Doch so wie Elazig die Warnungen von Görür ignorierte, geht auch in Istanbul alles seinen gewohnten Gang. Sogar das türkische Katastrophenamt Afad schätzt, dass ein schweres Beben in Istanbul rund 30.000 Menschen töten und 150.000 obdachlos machen würde. Je nach Stärke und Ort des Bebens könnte zudem ein Tsunami durch die Uferbereiche von Istanbul am Marmarameer und am Bosporus rollen.

Dennoch tut die Stadt so, als gäbe es keine Gefahr. Straßen, die als Rettungswege für Feuerwehr und Krankenwagen gekennzeichnet sind und in denen deshalb ein Parkverbot gilt, sind häufig wegen der vielen abgestellten Autos kaum passierbar. Der wichtigste Grund für das Katastrophenszenario ist jedoch der weitverbreitete Pfusch am Bau in der Metropole. Die Bauingenieurskammer hat errechnet, dass zwei von drei Bewohnern der Stadt in Gebäuden wohnen, die nicht den Vorschriften entsprechen. Nach Angaben des ehemaligen Ministerpräsidenten Binali Yildirim müssten bis zu 50.000 Gebäude in Istanbul dringend erdbebenfest gemacht werden.

Manche Wohnblöcke sind so gefährlich, dass sie auch ohne Erdbeben zu Todesfallen werden. Im Februar vergangenen Jahres stürzte im Stadtteil Kartal im asiatischen Teil ohne Vorwarnung ein achtstöckiges Apartmenthaus in sich zusammen. 21 Menschen starben. Wie sich herausstellte, hatten die Besitzer illegal drei zusätzliche Stockwerke auf das für fünf Etagen genehmigte Haus gesetzt, um mehr Geld zu verdienen. Der Staat segnete die fatale Erweiterung im Rahmen einer Amnestie ab, bei der sich Bausünder von Strafen freikaufen können.

In Istanbul und anderen gefährdeten Städten müsse sich unverzüglich etwas ändern, fordern Experten wie Görür. Doch die Regierung bügelt eine Diskussion darüber ab. „In schweren Tagen müssen wir zusammenstehen“, sagt Innenminister Süleyman Soylu. Jetzt sei nicht die Zeit, um eine Debatte über das Fehlen von Vorsorgemaßnahmen vom Zaun zu brechen.

Die Schals, Mützen und Jacken der Fenerbahce-Anhänger sollen übrigens so schnell wie möglich ins Erdbebengebiet geschickt werden. Und die Fans des Istanbuler Stadtrivalen Besiktas haben bereits einen Lastwagen organisiert, der Winterkleidung und 3800 Decken nach Elazig bringen soll.

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