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Großbritannien

19.10.2017

Ein Drink in der besten Bar der Welt

Barchef Erik Lornicz in der American Bar: „Wie schon vor mehr als 100 Jahren wollen wir auch heute neue und moderne Cocktails kreieren.“
Bild: Katrin Pribyl

Die „American Bar“ im Londoner Savoy-Hotel wurde gerade als international erlesenste Adresse gekürt. Wie man sich dort schnell wohlfühlt.

Vielleicht ist es ja die Geschichte. Sehr wahrscheinlich sogar. Sie hüllt einen sofort ein, wenn man durch die in schummriges Licht getauchte Bar schreitet. Der schwere Teppich schluckt die Schritte, ein Pianist am schwarzen Flügel sorgt für Jazz-Klänge. An den Wänden hängen Fotos von prominenten Persönlichkeiten aus mehr als einem Jahrhundert und irgendwie wird man plötzlich Teil davon.

Hier hat sich Schriftsteller Ernest Hemingway seine Freunde „interessanter“ gesoffen und hier erholte sich die Schauspielerin Marilyn Monroe bei einem Glas Champagner von Presseterminen während ihrer London-Besuche. Der britische Staatsmann Winston Churchill trank stets seinen privaten Whisky, der hinter der Bar weggeschlossen war, stritt der Legende nach aber auch regelmäßig über die Rechnung, einmal etwa über eine halb ausgetrunkene Flasche Portwein.

Die American Bar im Londoner Luxushotel Savoy hat unzählige solcher Geschichten parat. Und verzweifelt doch nicht an der Last der Historie oder wirkt wie ein Museum. Im Gegenteil: Gerade wurde sie beim renommierten Ranking „The World’s 50 Best Bars 2017“, das vom Fachverlag William Reed erstellt wird, zur internationalen Topadresse des Jahres gekürt.

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Im hinteren Teil der im Art-déco-Stil eingerichteten legendären Bar, die 1893 öffnete und 1904 in die heutigen Räumlichkeiten umzog, mixt, schüttelt und rührt Martin Hudak seit fast drei Jahren Cocktails. Hinter ihm stehen zwischen etlichen aufgereihten Flaschen und vor der verspiegelten Wand in Szene gesetzt die gewonnenen Trophäen. Der Barkeeper platzt fast vor Stolz über die nun erlangte höchste Ehre in der Branche.

Die American Bar geht mit der Zeit

„Für gewöhnlich meinen die Leute, die American Bar sei in der Geschichte verloren, altmodisch und es gebe nur klassische Drinks“, sagt er, gekleidet in weißem Jackett mit schwarzem Kragen sowie schwarzer Krawatte. Dabei gehe es dem Team um Zukunft und Fortschritt. „Wie schon vor mehr als 100 Jahren wollen wir auch heute neue und moderne Cocktails kreieren.“ Das „Savoy Cocktail Book“ aus den Dreißigern von Harry Craddock ist bis heute die Bibel für Barkeeper.

Tatsächlich versucht die lange Karte der American Bar Tradition mit Innovation zu verbinden. Es ist eine Reise über die Insel, von Kent im Süden Englands über London, wo an die Art-déco-Ära erinnert wird, weiter in den Norden bis ins schottische Edinburgh. Jede Region hat ihren eigenen Charakter, ihre eigene Geschichte und ihre eigenen Aromen, Geschmäcker, Spirituosen, Kräuter und Liköre, die in den Getränken widergespiegelt werden.

In der American Bar saßen schon Hemingway und Monroe.
Bild: Katrin Pribyl

Bekanntestes Highlight unter den modernen Kreationen von Barchef Erik Lorincz ist der „Green Park“. Lorincz gibt 5 cl eines London Dry Gin, 3 cl frischer Zitronensaft, 1,5 cl Rohrzuckersirup, ein rohes Eiweiß und ein paar Tropfen „Celery Bitters“ (beispielsweise von der Münchner Bitter-Manufaktur „The bitter Truth“) in den Shaker. Dazu kommen noch sechs Blätter Basilikum und reichlich Eiswürfel. Dann wird kräftig geschüttelt und es gibt einen erfrischenden grünen Cocktail mit Schaumkrone. „Der Drink ist eine moderne Abwandlung der White Lady, aber immer noch sehr klassisch“, sagt der 36-jährige Barchef, der zahlreiche internationale Barkeeper-Meisterschaften gewonnen hat. Zu jedem Mix können Lorincz und die anderen Barkeeper eine Geschichte erzählen. Dabei sei jeder in der Lokalität willkommen. „Es ist egal, ob man ein Superstar ist oder monatelang Geld gespart hat für ein Geburtstagsfest“, sagt der 27-jährige Barkeeper Hudak.

Barkeeper aus der ganzen Welt wollen hier her

Die Bar ist schon nach wenigen Momenten in gewisser Weise ein Zuhause, alles fühlt sich an wie eine warme Umarmung, aus der man sich kaum lösen will und die Geborgenheit stiftet. „Die American Bar ist wie ein Dorf in einer großen Stadt“, sagt eine Amerikanerin, die früher oft mit ihrem Vater hier war. „Es ist ein Mix aus Menschen, die wie Familie sind, Cocktail-Begeisterten, Touristen und Briten.“ Ein Italiener steigt in das Gespräch ein. Er arbeitet in einer anderen Londoner Bar als Barkeeper und führt an diesem Abend seine Freundin in die American Bar aus. „Als ich vor der Tür stand, hat plötzlich mein Herz begonnen, schneller zu schlagen“, sagt er voller Ehrfurcht. „Dies hier“, er zeigt hinter die Theke, „ist der Traum von tausenden Mixern auf der ganzen Welt“.

In London, der Cocktail-Hauptstadt, sind laut Ranking vier der zehn Topbars beherbergt. Den zweiten Platz belegte das ebenfalls in der britischen Metropole gelegene Dandelyan. London und New York bieten mit Abstand die meisten Spitzenlokale für Cocktailfans. Aus Deutschland hat es allein das „Schumann’s“ in München auf Platz 38 geschafft.

Während in der „American Bar“ die Cocktails im Schnitt rund 20 Pfund (22 Euro) kosten, sprengt die Liste der „Vintage Cocktails“ den Preisrahmen der meisten Gäste. In die Kategorie gehört auch der teuerste Drink im Savoy: Der unter Kennern heilige Sazerac schlägt mit 5000 Pfund zu Buche und setzt sich zusammen aus einem der ältesten überhaupt erhältlichen Cognacs, 858 Sazerac de Forge, sowie 60 Jahre altem Pernod Absinthe und einem Vintage-Cocktailbitter.

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