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Kino

23.08.2017

Einsteins Nichten: Die tragische Geschichte von zwei Schwestern

Paola und Lorenza Mazzetti in der Auffahrt der Villa Il Focardo - dort, wo vor mehr als 70 Jahren das Massaker passierte.
Bild: Cinefattoria/NFP/Bayerischer Rundfunk 2016

Paola und Lorenza Mazzetti sind 17, als die Nazis ihre Familie in Italien auslöschen. Nun kehren sie an den Ort des Grauens zurück. Sie glauben, dass der Täter lebt - im Allgäu.

Es ist der 3. August 1944. In Italien sind die deutschen Besatzertruppen auf dem Rückzug vor der Übermacht der alliierten Streitkräfte. Die Frontlinie in diesen Tagen läuft bereits mitten durch die Toskana. Bei Rignano sull’Arno, 20 Kilometer südostlich von Florenz, ist das Geschützfeuer der Engländer schon von der einen Seite des Tales zu hören, während auf den gegenüber liegenden Hängen die Deutschen noch versuchen, ihre Stellungen zu halten. An der Villa Il Focardo, einem stattlichen Landsitz inmitten der waldreichen Hügel, scheinen die Kämpfe vorüberzugehen. Und doch hat ihr Besitzer Robert Einstein sie verlassen und sich in diesen Stunden, in denen die Deutschen noch nicht fort und die Alliierten noch nicht da sind, in den umliegenden Wäldern versteckt.

Robert Einstein geht auf Nummer sicher – er ist Jude. Seine Frau Nina und die beiden Töchter Luce und Cici hat er in der Villa zurückgelassen. Sie sind Christen, sie haben, denkt er, nichts zu befürchten. Genauso wenig wie die Zwillinge Lorenza und Paola, seine beiden 14-jährigen Nichten, die seit dem Tod ihrer Mutter wie Adoptivkinder im Haus und mit der Familie Einstein leben.

Die Soldaten randalieren, wollen wissen, wo Robert Einstein ist

Irgendwann an diesem Tag im August nähert sich der Villa ein Trupp deutscher Soldaten. Den im Haus verbliebenen fünf Frauen ist mulmig zumute. Tatsächlich beginnen die Soldaten zu randalieren, vor allem aber wollen sie wissen, wo der Hausherr, wo Robert Einstein ist. Seine Frau Nina sagt wahrheitsgemäß, er sei fort. Doch das genügt den Deutschen nicht. Sie sperren die Frauen in ein Zimmer im Obergeschoss und inszenieren nun ein perfides Tribunal. Erst holen sie die Mutter, dann die beiden Töchter Luce und Cici einzeln zu Verhören nach unten. Die beiden Nichten Lorenza und Paola bleiben starr vor Angst zurück. Sie werden von einem jungen Soldaten bewacht. Dann hallen Schüsse durchs Haus.

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Mehr als 70 Jahre später stehen vor der zypressengesäumten Auffahrt zur Villa Il Focardo zwei alte Frauen. Zaghaft treten sie durch die Toreinfahrt. „Ich habe Angst“, sagt die eine, woraufhin die andere ihre Hand ergreift: „Halten wir uns aneinander fest.“ Seite an Seite gehen die beiden hinauf. Es ist nach Jahrzehnten das erste Mal, dass Lorenza und Paola Mazzetti wieder das Zimmer betreten, in dem sie festgehalten wurden, als die Schüsse fielen. Das erste Mal, dass sie sich wieder in jenen Raum im Erdgeschoss wagen, in dem Nina, Luce und Cici ermordet wurden.

Die Großnichten von Albert Einstein überleben, der Rest der Familie stirbt

Es sind bewegende Szenen des Dokumentarfilms „Einsteins Nichten“, der am morgigen Donnerstag in die Kinos kommt. Eindringliche Momente, die zeigen, wie die beiden Schwestern sich der grauenhaften Erinnerung stellen. Ihre Verwandten mussten sterben, während sie weiterleben durften. Sie, die adoptierten Zwillinge, und Robert Einstein, der einen Tag später, nachdem die Alliierten vor der Villa aufgetaucht waren, aus den Wäldern zurückkehrte und Frau und Kinder tot vorfand. 1945, an seinem Hochzeitstag, nahm Robert Einstein sich durch eine Überdosis Schlaftabletten das Leben.

Die beiden Zwillingsschwestern auf ihrer Dachterrasse in Rom.
Bild: Cinefattoria/NFP/Bayerischer Rundfunk 2016

Ein deutsches Filmteam hat jetzt, fast ein Dreiviertel Jahrhundert nach den Ereignissen, die Dokumentation über Einsteins Nichten Lorenza und Paola gedreht. Wie es dazu kam, hat der Zufall mit sich gebracht. Sechs Jahre ist es her, dass Rainer Jahreis und Andreas Englisch, die Produzent von „Einsteins Nichten“, eine Ausgabe von „Aktenzeichen XY“ sahen. Einer der vorgebrachten Fälle an diesem Abend: das Verbrechen an der Familie Einstein 1944 in Italien. Ein ungewöhnlicher Beitrag, fallen Morde durch Wehrmachtssoldaten doch kaum ins Raster der TV-Fahnder – wie die deutsche Justiz sich allgemein nicht eben durch besonderes Interesse an der Aufklärung der zahlreichen NS-Verbrechen im besetzten Italien hervortat.

Dass 2011 trotzdem die Staatsanwaltschaft im pfälzischen Landau und das Landeskriminalamt Baden-Württemberg ermittelten, liegt nicht nur an der Beharrlichkeit von Lorenza Mazzetti. Aufgrund eigener Recherchen vermutete sie damals einen der Verantwortlichen der Bluttat von Il Focardo in der Pfalz. Dass die deutschen Strafverfolger sich ans Fernsehpublikum wandten, hatte wohl auch mit dem prominenten Namen zu tun: Robert Einstein war der Cousin von Albert Einstein, Lorenza und Paola Mazzetti sind somit die Großnichten des in Ulm geborenen weltbekannten Physikers und Nobelpreisträgers.

Die Schilderung des Falls in „Aktenzeichen XY“ war der Ausgangspunkt für die Entstehung von „Einsteins Nichten“. Ein Film, der das Massaker an den Einsteins ebenso dokumentiert wie die „Geschichte von Verlust und Überleben“ der Zwillinge. Rasch finden die Produzenten in Friedemann Fromm den geeigneten Regisseur. Länger dagegen braucht es, die beiden hochbetagt in Rom lebenden Schwestern für das Filmprojekt zu gewinnen. „Es hat gedauert, bis sich die beiden uns anvertraut haben“, erinnert sich Produzent Rainer Jahreis. „Man dringt schließlich mit der Kamera in einen intimen Bereich ein, wenn man da nach 70 Jahren in dem Raum steht, in dem das Massaker geschah.

Auf dem Grab der Familie Einstein sinken die Frauen nieder

Tatsächlich fängt das Filmteam immer wieder berührende Momente ein. So wie jenen, als die Schwestern die Grabstätte ihrer Angehörigen besuchen und Paola auf die im Boden eingelassene Grabplatte mit den Namen von Nina, Luce und Cici niedersinkt und zu schluchzen beginnt. Doch die Schwestern, zum Zeitpunkt der Dreharbeiten fast 90 Jahre alt, trotzdem bemerkenswert vital, werden vor der Kamera nicht nur von ihren Gefühlen mitgerissen. Sie sind auch hellwach in der Erinnerung an die Ereignisse des Sommers 1944.

Eingebrannt hat sich ihnen unter anderem die Szene, wie in der Villa die tödlichen Schüsse fallen, wie der junge deutsche Soldat, der zu ihrer Bewachung abgestellt ist und ihrer Erinnerung zufolge kaum älter als 18, vielleicht 20 ist, am ganzen Körper zu zittern beginnt und hilflos vor ihnen die Arme ausbreitet. Vor allem auf ihn konzentrierte sich in der „Aktenzeichen XY“-Sendung der Fahndungsaufruf. Nicht, weil er des Mordes beschuldigt, sondern weil er als Zeuge gesucht wurde für den oder die wahren Mörder. Nach der Sendung damals gingen Dutzende Hinweise ein, die Ermittlungen verliefen jedoch im Sande.

Das Grab von Robert Einstein auf dem Friedhof von Rignano sull‘Arno nahe Florenz.
Bild: Cinefattoria/NFP/Bayerischer Rundfunk 2016

So wurden die Dreharbeiten zu „Einsteins Nichten“, einer Koproduktion mit dem Bayerischen Rundfunk, von neuerlichen Recherchen begleitet, insbesondere zum militärischen Hintergrund des Massakers. Immer in der Hoffnung, nach so vielen Jahren zumindest die Kampfeinheit bestimmen zu können, die damals die Villa ins Visier genommen hatte. Militärhistoriker wurden befragt, mögliche Truppenverbände erwogen – die BR-Sendung „Kontraste“ widmete all den Hypothesen im vergangenen Frühjahr eine eigene Sendung.

Laura Mazzetti ist überzeugt, dass der Täter in Kaufbeuren lebt

Im Rahmen der Recherchen kam Lorenza Mazzetti auch nach Deutschland. Sie wollte eine Aussage machen bei der Justizbehörde, in deren Zuständigkeit sie inzwischen den Hauptverantwortlichen für die Bluttat vermutete – im Allgäu. Lorenza glaubt, jenen Soldaten, der in Il Focardo das tödliche Tribunal veranlasste, in einem Mann erkannt zu haben, der seit Jahrzehnten als unauffälliger Bürger in Kaufbeuren lebt. „Ich habe sein Gesicht gesehen“, sagt sie im Beitrag des BR, überzeugt, dieselben Züge auf jenen Fotos wiederzuerkennen, die so oft in italienischen Zeitungen abgebildet waren.

Der Mann, den Lorenza Mazzetti meint, ist inzwischen selbst hoch in den Neunzigern – und den Strafverfolgungsbehörden kein Unbekannter. Das Simon Wiesenthal Center listete ihn noch im vergangenen Jahr unter den Namen von Kriegsverbrechern – wegen Beteiligung an einem Massaker 1944 im toskanischen Padule di Fucecchio, wo am 23. August 184 Zivilisten umgebracht wurden. Ein Militärgericht in Rom hatte den früheren Wehrmachtsoldaten dafür 2011 in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt; ausgeliefert wurde er nicht.

Die zeitliche und geografische Nähe dieses Massakers zur Mordtat von Il Focardo macht Lorenza Mazzetti sicher, dass es sich bei jenem in Rom verurteilten Täter um den selben handeln könnte, der auch die Familie von Robert Einstein auf dem Gewissen hat. Die Staatsanwaltschaft Kempten nimmt Lorenzas Aussage denn auch zu Protokoll und leitet die Akte weiter an die Staatsanwaltschaft München I. Im Fernsehbeitrag des BR sagt deren Sprecher jedoch, das Verfahren sei eingestellt worden: Man gehe von Verhandlungsunfähigkeit des Beschuldigten aus. Lorenza Mazzetti reagiert gelassen, fast so, als habe sie nichts anderes erwartet. „Mir genügt, dass ich weiß, wer es getan hat.“

Im Dokumentarfilm spielt Lorenzas Täter-Theorie keine Rolle. Auch nicht ihre Vermutung, was als eigentliches Motiv hinter dem Mordgeschehens stehen könnte. Die Mazzetti-Schwestern glauben nämlich, eine Verbindungslinie zwischen der Tat und ihrem Großonkel Albert Einstein ziehen zu können. Demnach war der jüdische Nobelpreisträger, der 1933 Deutschland verlassen hatte, Hitler und den Nazis verhasst, gerade auch, weil er während des Krieges in Radiosendungen als ihr erklärter Gegner auftrat. Die Nationalsozialisten, glaubt Lorenza, hätten Einsteins Cousin Robert habhaft werden wollen, um auf diese Weise Druck auf den Physiker auszuüben. Womöglich aber hätten sie auch nur blinde Rache an ihm nehmen wollen – durch den Mord an Mitgliedern seiner Familie.

„Man vergisst es, man vergräbt die Erinnerung in seinem Inneren“, sagt Lorenza Mazzetti über ihr Leben im Zeichen des Geschehenen. „Doch es hört nicht auf. Die Erinnerung kommt zurück und mit ihr die Angst.“

„Einsteins Nichten“ Der Dokumentarfilm läuft am morgigen Donnerstag im Savoy-Kino in Augsburg an.

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24.08.2017

Das eigentlich Haarsträubende ist die praktische Untätigkeit der deutschen Strafverfolger. So etwas nennt sich wohl Strafvereitelung und sollte verfogt werden,- im Klartext: Strafverfolgung der Strafverfolger. Dazu gehört, Löcher im Rechtssystem zu schließen. Und wer ist dafür zuständig? Ich möchte keine Belehrung, sondern dass jemand handelt.

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