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Eurovision Song Contest
27.03.2017

ESC 2017: Eine Sängerin zwischen den Fronten

Seit sie drei Jahre alt ist, sitzt Julia Samoilowa im Rollstuhl. Mit dem Auftritt beim ESC 2017 sollte für sie ein Traum in Erfüllung gehen. Nun darf sie nicht einreisen.
Foto: Maria Antipina, dpa

Eigentlich soll beim Eurovision Song Contest die Musik im Mittelpunkt stehen. Doch nun weigert sich die Ukraine, die russische Teilnehmerin einreisen zu lassen. Was dahintersteckt.

Schon immer hat Julia Samoilowa von einem Auftritt auf der großen Bühne geträumt. Seit ihrem dritten Lebensjahr sitzt die 27-jährige Russin wegen einer Muskelerkrankung im Rollstuhl. Der Eurovision Song Contest sollte ihr großer Auftritt werden. Doch nun kommt der 27-Jährigen die Politik in die Quere. Denn die ukrainische Regierung möchte sie nicht zum Finale nach Kiew am 13. Mai einreisen lassen. Der Grund: Im Sommer 2015 war die Sängerin im Ferienort Kertsch auf der Krim-Halbinsel aufgetreten. Die Krim ist seit 2014 von Russland besetzt und die Ukraine verbietet Reisen dorthin, wenn sie nicht vorab von der Ukraine genehmigt wurden. Wer gegen diese Regelung verstößt – so wie die Sängerin –, wird mit einem mehrjährigen Einreiseverbot belegt. Sie darf die nächsten drei Jahre nicht in die Ukraine reisen.

Julia Samoilowa: Musik half ihr im Kampf gegen ihre Krankheit

Dabei hätte die große Bühne in Kiew für die junge Frau aus Uchta im Nordwesten Russlands den vorläufigen Höhepunkt ihres Aufstiegs bedeutet. Schon als Kind hat sie sich für Musik begeistert. Wo auch immer sie war, saugte sie Geräusche und Klänge auf. „Wenn mein Großvater nieste, versuchte ich den Ton nachzuahmen“, schreibt die 27-Jährige auf ihrer Homepage. Musik half ihr auch im Kampf gegen ihre Krankheit. Die Russin sang so gut, dass sie bei der russischen Talentshow „Faktor A“ das Interesse von Millionen Zuschauern weckte. Ein Jahr später trat sie bei der Eröffnungsfeier der Paralympics in Sotschi auf. Sie wäre erst die zweite Rollstuhlfahrerin, die es zum Finale des Eurovision Song Contest geschafft hat. Ob ihr das noch gelingt, ist aber mehr als fraglich.

Russland und die Ukraine waren stets mehr als normale Nachbarn. Die Ukraine war jahrhundertelang Teil des russischen Zarenreichs. Einige der wichtigsten Schlachten Russlands fanden auf ukrainischem Boden statt, und als sich die Sowjetunion auflöste, blieb die russische Schwarzmeerflotte vor dem ukrainischen Hafen Sewastopol liegen. Doch seit der Maidan-Revolution, der russischen Krim-Annexion und den andauernden Kämpfen in der Ostukraine sind die beiden Länder tief zerstritten. Das zeigt sich nun auch beim ESC.

Fünf Kandidaten treten gegeneinander an, nur einer kann Deutschland im Eurovision Song Contest 2017 in Kiew vertreten. Die Galerie zeigt den Vorentscheid in den wichtigsten Bilder.
17 Bilder
"Unser Song 2017": Der Vorentscheid zum ESC in Bildern
Foto: Sascha Steinbach

Jahrelang waren die Ukrainer beständige Punktelieferanten für russische Sänger. Andersherum erreichten ukrainische Künstler unter russischen Wählern Top-Platzierungen. Vergangenes Jahr endete das. Der russische Sänger Sergej Lasarew galt als Favorit, bis der erste Platz an die Ukrainerin Jamala mit ihrem politischen Lied „1944“ ging. Es handelt von den Krimtataren, die von Moskau deportiert und nach Zentralasien zwangsumgesiedelt wurden. Hunderttausende kamen damals ums Leben. Zwar erhielten beide Künstler von den Zuschauern im jeweils anderen Land viele Punkte, von den Länderjurys gab es dagegen nichts.

Nachdem Jamala den Wettbewerb gewonnen hatte, obwohl der Russe Lasarew die meisten Zuschauerstimmen erhalten hatte, witterten manche Russen eine Verschwörung Europas. Ist Samoilowas Kandidatur nun Moskaus Retourkutsche?

Erst kurz vor Anmeldeschluss schickten die russischen Verantwortlichen sie ins Rennen. Von ihrer Reise auf die Krim und die Provokation, die ihre Nominierung auslösen könnte, dürften sie gewusst haben. Beobachter vermuten, Russland wolle die Ukraine bloßstellen. Denn wer würde einer Rollstuhlfahrerin wie Samoilowa mit einer solchen Biografie schon den Erfolg verweigern wollen? Der ukrainische Geheimdienst, der Samoilowas Einreise verboten hatte, teilt mit: „Es tut uns aufrichtig leid, dass die russischen Polittechnologen dieses Mädchen benutzt haben.“ Aber: Gesetz sei Gesetz. Ein russischer Regierungsvertreter bezeichnete das Vorgehen als „zynisch“ und „unmenschlich“.

Derweil bemüht sich die European Broadcasting Union (EBU), die den ESC veranstaltet, um eine Lösung. Sie bot an, die Sängerin zum ersten Mal in der 60-jährigen Geschichte des Wettbewerbs per Live-Schalte auftreten zu lassen. Die Russen lehnen das ab. Sie möchten nicht, dass die EBU neue Regeln einführt, hieß es. Und die Sängerin selbst? Die schweigt. mit dpa

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