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Schule

09.09.2019

Experte über Elterntaxis: "Sie entmündigen ihre Kinder"

Eltern müssen alle Kinder, die sie im Auto zur Schule bringen, vorschriftsmäßig sichern - auch auf kurzen Strecken.
Bild: Ralf Hirschberger, dpa

Viele Eltern bringen ihren Nachwuchs mit dem Auto zur Schule, wo sie den Verkehr und andere Kinder gefährden. Ein Experte kritisiert das und zeigt Alternativen.

Sie parken auf dem Zebrastreifen, blockieren grüne Ampeln: Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto zur Schule bringen. "Da kann die Polizei ein Lied davon singen", sagt Thomas Moss vom Fachverlag der Deutschen Verkehrswacht über das Phänomen der sogenannten Elterntaxis.

Insbesondere jetzt, zum Schulbeginn, erscheint fast täglich ein neuer Artikel, der sich mit dem Thema befasst. Mit Müttern und Vätern, die ihre Sprösslinge direkt vors Tor kutschieren, dort plötzlich wenden oder die Haltestelle für ankommende Busse sperren. Mit ihrem Verhalten behindern sie den Verkehrsfluss und bringen Fußgänger, sich selbst und andere Autofahrer in Gefahr.

Elterntaxis sind ein Problem der vergangenen Jahre

Es sei paradox, sagt Thomas Moss. Denn eigentlich erhoffen sich Eltern mit ihrem Handeln mehr Sicherheit für ihre Kinder. Als "Taxi Mama" provozierten sie aber das Gegenteil: eine für ihre Kleinen unsichere Situation. Dabei birgt die Mitfahrt in einem Auto laut ADAC ein noch größeres Risiko für Kinder zwischen sechs und neun Jahren als die Fortbewegung mit jedem anderen Verkehrsmittel.

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Den Statistiken zufolge kommen außerdem mehr Kinder im Wagen der Eltern zu Schaden als zu Fuß. Überhaupt enden in Deutschland immer weniger Unfälle auf dem Schulweg tödlich. Bei Kindern, die zu Fuß gingen, starben nach Zahlen der Unfallversicherer in Deutschland im Jahr 2017 fünf - damit hat sich die Zahl seit 2008 noch einmal halbiert.

Die Entwicklung der Elterntaxis, sagt Thomas Moss, sei vor allem ein Problem der vergangenen Jahre. Mittlerweile - das belegt eine repräsentative Forsa-Umfrage - kommt sogar ein Fünftel der deutschen Grundschüler mit dem "Taxi Mama" zum Unterricht. Weniger als die Hälfte der Jungen und Mädchen, nämlich 43 Prozent, geht zu Fuß dorthin.

Als eine Ursache dieses Trends sieht Thomas Moss eine andere gesellschaftliche Erscheinung: Helikopter-Eltern, also überfürsorgliche Mütter und Väter. "Sie meinen es zu gut und entmündigen ihre Kinder." Der Nachwuchs könne so keine eigenen Erfahrungen mehr machen und lerne nicht, wie er sich in Gefahrensituationen verhalten muss. "Das sind Kompetenzen, die Kinder dringend brauchen."

Kinder müssen im Verkehr frühzeitig sozialisiert werden

Frühzeitig müssten die Jungen und Mädchen lernen, wie sie einem angeleinten Hund auf dem Gehweg ausweichen können. Dass sie warten, wenn Lieferverkehr aus einer Straße biegt. Dass sie den Blickkontakt mit einem Autofahrer suchen, wenn sie über den Zebrastreifen gehen. "Das gehört zum Erwachsenwerden: im Straßenverkehr sozialisiert zu sein."

Dass es oft nicht so ist, zeigt sich zum Bedauern von Deutscher Verkehrswacht und Polizei einige Jahre später: Wenn die Kinder in der dritten oder vierten Klasse die Radfahrprüfung ablegen. Vielen fehle die Verkehrsreife, bekräftigt Thomas Moss: "Sie sind vollkommen hilflos, weil sie sich nicht zurecht finden."

Um die Kleinen an den Straßenverkehr heranzuführen, rät der Experte, sollten die Grundschüler selbst zum Unterricht laufen. Entschließen sich Mütter und Väter dazu, sollten sie ihre Jungen und Mädchen dennoch nicht alleine gehen lassen. "Am besten tun sich vier Kinder zusammen und gehen dann gemeinsam, vielleicht auch mit einem Elternteil", sagt Moss. In diesem Zusammenhang entstand auch der sogenannte "Walking Bus" oder "Laufende Bus". Eine Idee, die aus Australien stammt und sich über Großbritannien schnell auch in Europa verbreitet hat.

Dabei begleitet ein Erwachsener eine Schülergruppe wie ein Linienbus nach Fahrplan zu festen Haltestellen, um dort weitere Kinder abzuholen. Nach und nach füllt sich der „Walking Bus“, der die Kinder sicher zum Unterricht und wieder nach Hause bringen soll. Auf diese Weise werde nicht nur das Verkehrschaos vor der Schule vermieden, erklärt Moss. Die Kleinen bekämen außerdem frische Luft, Bewegung und Kontakt zu ihrer Umwelt.

Eine Alternative zum Elterntaxi sind Elternhaltestellen an Schulen

Tatsächlich belegen auch mehrere Studien, dass der tägliche Schulweg zu Fuß eine Reihe positiver Effekte auf die kindliche Entwicklung mit sich bringt. Kinder können sich demnach im Unterricht besser konzentrieren, sind körperlich fitter und können Übergewicht leichter abbauen. Bewältigen sie den Schulweg mit anderen Kindern, verbessert sich außerdem das Sozialverhalten.

Natürlich, sagt der Elterntaxi-Experte, sei es nicht überall möglich, Kinder zur Schule laufen zu lassen - etwa in ländlich geprägten Regionen. Dann könnte der Nachwuchs zumindest auf den öffentlichen Verkehr ausweichen. Beharren Eltern auf den Weg zum Unterricht mit dem Auto, seien Fahrgemeinschaften zusammen mit anderen Kindern und Eltern eine Lösung.

Daneben gibt es aber auch einen anderen, derzeit populären Ansatz: Die sogenannten "Elternhaltestellen" gibt es bereits in etlichen Städten Nordrhein-Westfalens, darunter in Duisburg und Waltrop. Bei diesem Konzept werden um die Schulen herum gut sichtbare Sammellhaltestellen eingerichtet. Von dort aus können die Kinder in maximal 15 Minuten gemeinsam zur Schule gehen. Es sei eine Kompromisslösung, sagt Moss, die freilich vom Engagement der Eltern, der Stadt und der örtlichen Polizei abhänge. Trotzdem sei es eine Möglichkeit, um dem morgendlichen Verkehrs-Gewirr konkret zu begegnen.

Zur Wirksamkeit der Elternhaltestellen untersuchte der ADAC in den Jahren 2016 und 2017 die Situation an der Andreasschule in Essen. Den Ergebnissen zufolge konnte der Anteil an Fußwegen sowohl im Sommer als auch im Winter und bei schlechtem Wetter um etwa 20 Prozent gesteigert werden. Demgegenüber halbierte sich der Anteil an Elterntaxis.

Zur Person: Thomas Moss betreut für den Fachverlag der Deutschen Verkehrswacht mitunter die Kampagne "Sicher zur Schule".

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