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Familie
23.10.2020

"Ich liebe mein Kind, aber…" - wenn Mütter mit ihrer Rolle hadern

Die meisten Mütter gehen in ihrer Rolle auf - doch manche hadern auch damit.
Foto: Symbolbild, Christian Charisius (dpa)

Noch immer ein Tabu: Frauen, die mit ihrer Mutterrolle hadern. Wir haben mit vielen solcher Frauen gesprochen - und interessante Einblicke gewonnen.

Es ist dieser Halbsatz, der große Augen hervorruft, offene Münder und nicht selten auch ein erstauntes „Ui“, ein verständnisloses „Puh“ oder ein entsetztes „Wie kann man denn so was sagen?“. Beim ersten Teil des Satzes war die Welt noch in Ordnung. „Ich liebe mein Kind.“ Doch dann kommt das Aber: „ …aber wenn ich noch einmal die Wahl hätte, würde ich es nicht noch mal bekommen.“

Manche Frauen schämen sich dafür, diesen Halbsatz zu denken. Das ist doch nicht normal! Sie trauen sich auch nicht, ihn auszusprechen. Weil eine Mutter das in unserer Gesellschaft nicht tut! „Aber“ – dieser Gedankengang scheint verboten. So empfinden es viele Frauen. Sie bereuen also still und leiden oftmals dabei. Morgen, am Muttertag, bekommen sie vielleicht Blumen gepflückt, der Tisch wird gedeckt – sie sind für ihren Nachwuchs die wichtigste Frau der Welt. Auch ihnen sind ihre Kinder das Wichtigste, sie würden sie nie hergeben. Aber  …

"Dass ich Kinder habe, war immer mein Wunsch, aber das Muttersein mit seinen Nachteilen in Beruf und Gesellschaft habe ich wirklich schon manches Mal bereut ." (zweifache Mutter, 49, Großraum Augsburg)

"Meine Lebenssituation ist sehr schwierig, ohne Kind wäre das sicher anders." (43-jährige Mutter eines behinderten Teenagers, Augsburg).

"Ich würde nicht noch einmal Kinder bekommen, denn meine Kinder sind nicht glücklich. Durch die Schule hatten sie keine schöne Kindheit." (zweifache Mutter, 51, Großraum Augsburg).

"Ich habe 19 Jahre meines Lebens hergeschenkt." (alleinerziehende Mutter, 51, Allgäu).

"Was ich dafür alles aufgeben musste und im Gegensatz zu meinem beruflich sehr erfolgreichen Partner immer noch muss, war mir damals nicht bewusst." (zweifache Mutter, 41, Allgäu)

Die meisten Frauen gehen in ihrer Mutterrolle auf

Natürlich geht es nicht allen Müttern so. Vermutlich viele, hoffentlich die meisten Frauen gehen in ihrer Mutterrolle auf. Manche von ihnen schreiben Blogs über ihr Leben als Mutter, zeigen dort Bilder von Kindergeburtstagseinladungen, Muffins, Basteleien, geben Tipps für Super-Mamis. Durch eine jüngst in Israel erschienene Studie kamen nun auch die anderen zu Wort.

23 Frauen bereuten gegenüber der Soziologin Orna Donath ihr Muttersein, nicht aber ihre Kinder. Über das Internet kam die Debatte um „Regretting Motherhood“ nach Deutschland – und es wurde auch hier heiß diskutiert. Alles Heulsusen oder mutige Frauen? Weiß frau nicht, was sie erwartet, wenn sie Mutter wird? Oder kann frau sich manches einfach nicht vorstellen?

Wieder: Wie kann man denn so was sagen?! Und wieder viele „Aber …“, hinter denen Geschichten, Erfahrungen, Schicksale, Leben stecken. 26 betroffene Mütter aus unserer Region meldeten sich auf den Aufruf unserer Zeitung. Die meisten anonym, weil sie ihre Kinder nicht verletzen und/oder nicht stigmatisiert werden wollen. Das Wort „tabu“ fiel in jedem Gespräch, das wir mit den Frauen führten. Viele Frauen fühlten sich einsam und empfanden es als Erlösung, endlich über ihr „Aber“ zu sprechen.

"Ich definiere mich nicht über meine Kinder. Ich bin nicht nur Mutter, beziehungsweise nicht mehr Mutter, als der Vater Vater ist." (dreifache Mutter, 48, Allgäu).

"Sicherlich gibt es Frauen, die das alles prima auf die Reihe bekommen – ich gehöre leider nicht dazu. Und nochmals diese Schritte zu wagen, Kinder zu bekommen oder einen Partner mit Kindern zu heiraten? Nein, ich glaube nicht." (Mutter einer Patchworkfamilie, 54, Großraum Augsburg).

"Mir fehlt das Muttergen. Natürlich liebe ich meine Kinder. Aber überspitzt gesagt: Ich konnte von Anfang an nichts mit ihnen anfangen." (dreifache Mutter, 38, Großraum Augsburg)

"Ich habe versucht, meinem Kind alles zu geben und es zu fördern, es lernte sogar laufen. Aber Mutterliebe habe ich bis heute nicht gefunden." (Mutter eines behinderten Kindes, 51, Großraum Augsburg).

Mutterbild soll nicht beschmutzt werden

Auf den Aufruf in der Zeitung meldeten sich auch ein Leser und drei „glückliche Mütter“, die gegen diesen Artikel waren. Sie befürchteten, das Mutterbild würde dadurch beschmutzt. Das ist jedoch nicht die Absicht der Frauen, die sich gemeldet haben. Sie wollen keineswegs glückliche Mütter angreifen, sie wollen keineswegs das Muttersein an sich infrage stellen – sie möchten verstanden und gehört werden.

"Meine Kinder haben gespürt, dass sie keine Wunschkinder waren." (zweifache Mutter, 62, Nordschwaben).

"Als die Kinder klein waren, ging ich schon nicht in der Mutterrolle auf. Dauernd Atta-atta-bäh, das war schrecklich, nichts für mich." (Zweifache Mutter, 77, Augsburg).

"Ich würde jetzt, wo meine Kinder da sind, mein Leben für sie geben, aber so noch mal leben würde ich bestimmt nicht." (dreifache Mutter, 65, Nordschwaben).

"Ich schlafe nächtelang nicht, weil ich darüber nachdenke, ich habe ein Kind auf die Welt gebracht, das nicht mehr auf die Beine kommt." (zweifache Mutter, 52, Allgäu).

"Als Mutter fühle ich mich immer verletzlich und angreifbar." (Mutter eines Grundschülers, 47, Großraum Augsburg).

Wie viele Frauen bereuen das Muttersein?

Zehn Prozent der Frauen bereuten das Muttersein, schätzt Christina Mundlos, Soziologin und Autorin des Buches „Mütterterror“, außerdem sei mindestens jede zweite Mutter hierzulande unzufrieden mit ihrer Mutterolle. Viele würden sich nicht outen, weil es für sie der gesellschaftliche Tod wäre und sie von anderen geschnitten oder angegriffen würden.

Sie vermisst die Solidarität unter den Frauen. „Bei manchen Müttern ist die eigene Unzufriedenheit sehr groß, und alles, was herhält, andere Mütter zu kritisieren, wird schnell benutzt, um die anderen ab- und sich aufzuwerten“, hat Christina Mundlos festgestellt. Konkurrenz statt Zusammenhalt, Rivalität statt Verständnis – so wachse der Druck durch die eigenen Ansprüche und die Angst vor dem Versagen noch mehr.

Dabei spielt jenes gesellschaftliche Mutterbild eine Rolle, das laut Christina Mundlos noch gar nicht so alt ist. Dass eine Frau allein für ihre Kinder verantwortlich ist, sei erst mit der industriellen Revolution aufgekommen.

Zuvor arbeiteten Mann und Frau und die Kinder liefen nebenher mit. „Die Rollen waren nicht ganz deckungsgleich, aber dass der Vater tagtäglich um 9 Uhr weg war und die Mutter den ganzen Tag ein Kind auf dem Arm hatte, war nicht der Fall“, sagt Christina Mundlos. „Im Nationalsozialismus wurde das heroische Mutterbild geprägt, dass der einzige Lebenssinn und Zweck einer Frau das Kinderkriegen ist“, erklärt die Soziologin. In den 1950er Jahren kam dann der Rückzug ins Private: Er arbeitet, sie bleibt daheim.

Dass sich dieses Rollenbild gehalten hat, hängt laut Christina Mundlos auch damit zusammen, dass die Frauenbewegung nicht im Lehrplan auftauche und vieles in den vergangenen 40 Jahren vergessen wurde. Gerade finde eine Gegenemanzipation statt, eine Verklärung der Mutterrolle. Dabei seien die Ansprüche an die moderne Mutter mit Familie und Beruf stark gestiegen.

„Frauen können heute nicht mehr direkt von der Berufstätigkeit ferngehalten werden. Wenn man von berufstätigen Müttern erwartet, dass sie neben dem Job zu Hause dasselbe erledigen wie eine Frau vor 40 Jahren ohne Beruf, dann setzt sie das unter Druck“, erklärt Christina Mundlos. Männer und Kinderlose können das oft schlecht nachvollziehen, weil sie sich nicht in die Frauen hineinversetzen können und nicht wissen, wie stark die Bedürfnisse von Müttern beschnitten werden, so die Soziologin. Für Väter ändere sich nicht so viel wie für Mütter.

"Mich überfordern die Anforderungen als Mutter, Frau, Arbeitnehmerin – ich bin immer nur halb da. Der Druck und das schlechte Gewissen von außen sind schlimm." (zweifache Mutter, 48, Nordschwaben).

"Wenn ich noch mal schwanger würde, würde ich definitiv abtreiben. Dabei war ich früher Abtreibungsgegnerin. Den Stress mache ich nicht noch mal mit." (zweifache Mutter, 47, Großraum Augsburg).

"Für mich war die psychische Belastung mit Mann, zwei Kindern und einer kranken Mutter zu groß." (zweifache Mutter, 49, Großraum Augsburg).

"Der Hauptgrund für mein Bereuen ist, dass man als Mutter in der absoluten Konsequenz mutterseelenallein mit dem Kind ist. Oft habe ich das wie ein Gefängnis empfunden." (alleinerziehende Mutter, 50, aus Nordschwaben).

"Ich würde nicht noch einmal Kinder bekommen, weil es Nachteile im Beruf hat und man als Frau dann isoliert ist." (Mutter, 57, Großraum Augsburg).

"Wenn ich gewusst hätte, was mir im Alter blüht, hätte ich keine Kinder bekommen." (zweifache Mutter, 75, Augsburg).

Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ein großes Thema

Aber wie kann eine Frau ihr Kind lieben und trotzdem nicht gerne Mutter sein? „Diese Ambivalenz ist nicht ungewöhnlich, das sind ganz normale psychologische Vorgänge, wenn Kinder die Umwelt verändern und eigene Bedürfnisse zurückgestellt werden müssen“, sagt Oberarzt Karsten Tschauner, Psychiater am Bezirkskrankenhaus Günzburg, wo es auch eine stationäre Mutter-Kind-Einheit gibt.

„Das Leben in einer Leistungsgesellschaft erfordert eine Auseinandersetzung mit der Ambivalenz, zum Beispiel bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, erklärt der Psychiater. Auf der einen Seite liebe die Mutter ihr Kind, doch der gesellschaftliche Druck kann so stark werden, dass sie mitunter ausgeprägte Schuldgefühle entwickele. „Mütter mit postpartalen Depressionen berichten manchmal darüber, dass sie Schwierigkeiten haben, beim Stillen die Nähe des Kindes zu ertragen.“

Es sei wichtig, dass die Frauen über ihre Gefühle sprechen. „Mütter sollten über ihre individuellen Lebensgeschichten und Zukunftspläne reflektieren, das ist auch gut für das Verhältnis zum Kind“, erklärt der Psychiater. Er befürworte, dass über das Tabuthema vermehrt gesprochen wird, damit sich betroffene Frauen trauen, Hilfe zu suchen.

Der Meinung ist auch Christina Mundlos. „Ich beobachte das Phänomen schon seit vielen Jahren. Der Frust ist mittlerweile so hoch, weil der Druck auch höher ist, da ist die Donath-Studie ein Stich ins Wespennest gewesen.“ Es sei nicht nur an der Politik, die Frauen durch mehr und günstige Kinderbetreuung zu unterstützen. Es sei auch an den Frauen, sich gegenseitig zu helfen und über die Halbsätze zu reden, über das „Aber“, und mehr.

Über 20 Mütter aus der Region haben uns ihre Lebensgeschichten erzählt und weshalb sie es bereuen, Mutter zu sein.

Die Gesprächsprotokolle finden Sie hier:

„Das ganze Rundherum ist mir einfach zu viel“

„Als Frau ist man isoliert“

„Man ist mutterseelenallein mit dem Kind“

„Wenn ich gewusst hätte, was mir im Alter blüht …“

„Ich wollte meine Kinder groß werden sehen“

„Wenn ich nochmal schwanger würde, würde ich definitiv abtreiben“

„Ich konnte mit ihnen von Anfang an nichts anfangen“

„Ich wurde wegen meiner Feigheit Mutter“

„Sie können auch der größte Schrecken sein“

„Ich würde mein Leben für sie geben“

„Ich ging in der Mutterrolle nicht auf“

„Meine Kinder haben gespürt, dass sie keine Wunschkinder waren“

„Der Druck und das schlechte Gewissen sind schlimm“

„Ich bete jeden Tag für mein Kind“

„Liebe ist ein Gefühl, aber es kann auch zur Belastung werden“

„Mütter sind nur Menschen, wir sind keine Engel und Heiligen“

„Was ich alles dafür aufgeben musste, war mir nicht bewusst“ 

„Ich habe 19 Jahre meines Lebens verschenkt“

„Ab der 3. Klasse hatten wir kein Familienleben mehr“

„Die Rama-Familie gibt es nicht“

„Muttersein zählt nichts“ 

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