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Fantasy
30.09.2016

Unter Orks und Elfen: Was die Faszination Live-Rollenspiel ausmacht

Die Larp-Gruppe Bracar Keltoi sitzt um ein Lagerfeuer auf dem Fantastika Festival nahe Regensburg. Die Gewänder sind selbst genäht und genietet. Sie tragen Schmuck und Felle.
Foto: Verena Mörzl

Live-Rollenspieler pflegen ein intensives Hobby. Sie schlüpfen mit ihren Gewändern in ein anderes Ich. Warum erwachsene Menschen immer wieder eine Fantasierolle spielen.

Der Schritt ins Zelt bringt die Bracar Keltoi in eine andere Welt. Die Knochen am Windspiel schaukeln neben saftig grünem Efeu. In einem Kupferkessel knistert das Feuer. Ein vollbärtiger Kelte mit seitlich abrasierten Haaren und Pferdeschwanz legt Holz nach. Dann setzt er sich zurück auf die Decke am Boden. Klamme Tierfelle hängen über Holztruhen oder wärmen die Schultern der Stammleute. Darunter tragen die Frauen und Männer Leinengewänder, Mieder und Kutten. Der Rauch zieht durch ein Loch in der Mitte der Jurte in den Himmel. So nennen die Bracar Keltoi ihre Behausung, ein Zelt mit geöffneter Spitze. Der Regen, der hinein tropft, verdampft im Feuer.

Die Bracar Keltoi verbringen das Wochenende in Adlersberg in der Nähe von Regensburg auf dem Fantastika-Festival – in einer anderen Zeit. Sie treffen sich mit Fantasy-Klans, darunter Elfen und Orks – das sind nichtmenschliche Wesen der Unterwelt. Sie tun das, um für wenige Tage dem Alltag zu entfliehen.

Wenn sich die Gruppen jenseits des Festivals treffen, sitzen sie selten gemütlich ums Feuer. Dann haben sie zuvor ein Drehbuch gelesen und sich mit der Rolle auseinandergesetzt, die ihnen zugeteilt ist. Eine Rolle, die nichts mit Theater oder Film zu tun hat. Wenn sich die Bracar Keltoi und die orkischen Blutsbrüder Gijak-Shokrim gegenüberstehen, befinden sie sich im Live-Rollenspiel, dem sogenannten Larp. Ein Trend. Sie beamen sich in eine andere Zeit, werden zu Fantasyhelden oder Kriegern.

Soziologe: Menschen spielen immer Rollen

Doch warum reisen zunehmend junge Leute zurück in die Vergangenheit? In eine Zeit, die eher düster war – mit Hunger, Pest, Angst oder Gewalt. Sie alle eint – manche mehr, manche weniger – das Verlangen, vor Technik und Moderne zu fliehen. Das Handy ist ausgeschaltet, der Hornbecher gefüllt, das Feuer entfacht. Eine Figur der Gruppe Gijak-Shokrim erzählt von genau dieser Motivation: dem Abschalten. Christian Strunk arbeitet als Kalibrierer bei BMW. In seiner Freizeit wird er zu einem orkischen Blutsbruder. Ohne Smartphone, Technik, Schnelllebigkeit. „Weg von den Medien“, sagt er. Grundsätzlich aber, und das betonen alle Rollenspieler, ist Larp ein großes Hobby. Mit großen Freundschaften. Und mit einer langen Vergangenheit, denn: „Menschen spielen seit jeher Rollen“, sagt der Soziologe Dieter Bögenhold von der Alpen-Adria Universität Klagenfurt. „Das ist unser soziales Leben.“

Beim Live-Action-Role-Playing, kurz Larp, verwandeln sich Männer und Frauen in Mittelaltertypen, Kämpfer gegen die Apokalypse oder wie im Fall der Bracar Keltoi eben in Kelten. Aus TV-Produzenten und Kauffrauen werden Schicksals-, Kriegs- und Jurtenmeister. Sie heißen nicht mehr Ingo, Barbara, Anna oder Rafael, sondern Ing, Noreia, Thyrra oder Fen. Sie erleben Abenteuer und lösen in der Gruppe Rätsel. Am Ende steht oft ein Kampf.

Doch nicht nur die Larper, wie die Rollenspieler genannt werden, verspüren den Drang, in die Vergangenheit zu reisen. Historische Vereine und Reenactment-Gruppen – sie spielen historische Ereignisse nach – verbringen ihre Freizeit ebenfalls mit Zeitreisen.

Die Rieser Schwaben aus Nördlingen (Landkreis Donau-Ries) sind eine Art Reenactment-Gruppe. Ihr Thema ist der Dreißigjährige Krieg. Doch sie halten sich dabei – anders als oftmals historische Vereine – nicht zu hundert Prozent an die Geschichte. „Wir picken uns aus der Vergangenheit das heraus, was uns gefällt“, sagt Spieler Florian Hänel, 22. Für die Rieser Schwaben sind das zum Beispiel die Uniformen oder das Lagerleben. Schlacht-Szenen nachzuspielen, scheidet für sie aus, die sind ihnen zu brutal. Außerdem müssten sie intensiver recherchieren, wenn sie den Dreißigjährigen Krieg identisch wiedergeben wollten. „Das ist historisch gesehen eine zu große Verantwortung“, sagt Hänel. Auch er hat in seinem Beruf mit Medien zu tun. Das ganze Leben werde schneller, globaler, sagt er. Reist er in die Geschichte zurück, entkommt er dem. Zumindest zeitweise.

Auch in der Region sind gibt es viele Rollenspieler

Bei den historischen Vereinen steht weniger das Spiel und mehr das Zurschaustellen im Vordergrund. Michaela Thomas ist Vorsitzende des Historischen Vereins Höchstädt (Landkreis Dillingen). Die Mitglieder des Vereins wollen so authentisch wie möglich sein und „die Geschichte lebendig darstellen“, sagt Thomas. Auf alten Bildern recherchieren sie, wie die Vorfahren aussahen. Sie schneidern die Gewänder selbst. Zuletzt entwarf die Vorsitzende das Kostüm der Herzogin Anna von Pfalz-Neuburg für sich, die einmal in Höchstädt gelebt hat. Die Stoffe von früher zu finden, ist oftmals harte Arbeit. Nur ein Faschingskostüm zu nehmen, sei absolut undenkbar, sagt Thomas.

Die Nördlinger leben Heimatgeschichte noch eine Nummer größer. Die ganze Stadt verwandelt sich alle drei Jahre beim Stadtmauerfest in ein mittelalterliches Spektakel. Die Straßenschilder rings um die alten Fachwerkhäuser sind verhüllt. An den Stadttoren stehen Wachen. Schmiede und Bauern zeigen ihr Handwerk, sogar Gänse watscheln durch die Straßen, während die Landsknechte in ihren Lagern mit Stroh, Leder und Fellen leben. Mehr als 80 Gruppen und Musikvereine zeigen, wie das Leben im Ries früher war.

„Das ist der Kern des Homo ludens, der Kern des spielenden Menschen“, sagt Soziologe Bögenhold. Einerseits Flucht, aber andererseits vor allem Spaß, und das sei das Gute. Jeder Roman, jeder Kinobesuch jedes Popkonzert ist laut Bögenhold eine Art Flucht aus dem Alltag. „Aber das ist Bestandteil des Lebens“, sagt er. Das Live-Rollenspiel sei nur eine weitere Form – und eben keine Realitätsflucht, sondern ein Eintauchen in eine Parallelwelt.

Viele Live-Rollenspieler machen ihre Kostüme selbst

Die Zeitreise der Larper beginnt meist mit der Gründung einer Spielergruppe, mit der Suche nach einer Geschichte und der Gewandung. Heißt: Die Freizeit-Kelten oder Wochenend-Krieger schneidern und kleben ihre Kostüme selbst. Dabei entstehen prachtvolle Mäntel mit Metallschuppen oder Nieten, wie sie die Bracar Keltoi tragen. Kaum einer geht ohne Profi-Ausstattung aus dem Haus. Manche Rüstungsteile, Leinenkleider oder Horntrinkbecher gibt es zwar zu kaufen. Doch jeder Spieler will eine einzigartige Figur darstellen. Kreativität ist gefragt, die nicht bei allen gleich ausgeprägt ist. „Hassnieten“, ruft Fen durch das Zelt. Das Anbringen der Verzierungen bleibt für ihn ein Teufelsding. Mit Kleidern, Schmuck, Strick, Rüstungen, Kutten und Schwertern summiert sich der Wert einer Gewandung auf oftmals weit über 1000 Euro.

In der Jurte singen einige Kelten zu mittelalterlichen Klängen und Klampfe: „Heyyo, heyyo, Krüge hoch, wir trinken darauf.“ Und Ing erzählt, was das Beeindruckende am Larp ist. Da wäre das Schneidern, das Schauspielern, das Texten, das Handwerk. „Es aktiviert die Talente“, sagt er. Und fördert die Kreativität. Und dann ist da natürlich der Spaßfaktor, der ihnen wichtig ist.

Ein bisschen Trinkkultur gehöre natürlich auch dazu. „Wir sind die Kelten um die 800 vor Christus“, sagt Kriegsmeister Ing. „Da waren die Kelten noch cool, relativ zumindest. Danach eher barbarisch.“ Die Bracar Keltoi sind ein echter Kelten-Klan, von denen nach deren Informationen nur überliefert ist, „dass die Frauen so stark waren wie zwei Männer der Feinde“.

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