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Après Streif

27.01.2019

Feiern, feiern, feiern: Wie die Promis in Kitzbühel Party machen

Mario Adorf, Arnold Schwarzenegger und seine Freundin Heather Milligan (von links) bei der Weißwurst-Party im Stanglwirt. 
Bild: Helmut Fohringer, dpa

Plus Rund um die legendären Skirennen hat sich in Kitzbühel ein einzigartiger Party-Kult entwickelt. Jeder, der etwas auf sich hält im Promi-Zirkus, muss zum Stanglwirt. Ein Einblick in das Schickimicki-Spektakel.

Natürlich ist er auch da. Der Hinterseer Hansi. Im kanarienvogelgelben Zweiteiler steht der jodelnde Schlagerstar mit Skivergangenheit an vorderster Front. Mitten drin im Trubel. Trotz leichten Schneefalls trägt er Sonnenbrille zu blondem Haupthaar und solariumbrauner Haut. Einst gewann er in seinem Heimatort Kitzbühel den Weltcup-Slalom. Jetzt steht er im Zielbereich und verteilt Küsschen. Lächelt. Selfie hier, Selfie da. Wunderbar. Fast wünscht man sich, er würde auch noch einen seiner Hits trällern. „Zwei Paar Ski und du und i, Schnee und Sonnenschein und wir allein, mehr braucht man nicht zum Glücklichsein.“ Hollarodidüdeldo. Stattdessen wummern aus riesigen Boxen Bässe, dass die Eiszapfen im Takt vibrieren. Drüber knattern Hubschrauber durch die Luft. Kitzbühel am Hahnenkamm-Wochenende ist laut, sehr laut.

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Ortswechsel. Runter vom Berg, rein in die Fußgängerzone. In Kitzbühel ein Fußmarsch von fünf Minuten. Zu Zehntausenden pilgern alljährlich Österreicher aus der ganzen Republik in den kleinen Ort, der so malerisch zwischen verschneiten Bergen gelegen ist. Rund um die legendäre Abfahrt auf der Streif hat sich ein einzigartiger Kult entwickelt. Der Geruch von Grog liegt in der Luft. Dazu ein Hauch von Bratwurst, gemischt mit dem Erbrochenen aus der Ecke. Nicht alles, was oben reingeschüttet wird, findet den normalen Weg wieder heraus.

Max und Michael sind aus Wien angereist. Mit leichter Schlagseite lehnen sie an einem der zahllosen Getränkestände. Es ist kurz nach 11 Uhr. „Wir sind jedes Jahr hier und feiern drei Tage durch“, erzählt Max, Alkoholgeruch umweht jeden, der ihm zu nahe kommt. Michael nickt. „Ist einfach die beste Party“, fügt er in breitem Wienerisch an. Hinter dem Tresen steht Resi. Nüchtern. „Ist schon der Wahnsinn, was hier abgeht“, sagt sie und schenkt nach. Fünf Euro kostet bei ihr ein Becher Red Bull mit Schuss. Wer will, bekommt das Gebräu auch warm.

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Ein Bugatti parkt mitten in der Fußgängerzone von Kitzbühel

Ein Mann im rosa Hasenkostüm drängelt sich vorbei, Handy in der einen, Bierdose in der anderen Hand. Im Gesicht Österreichs Farben Rot-Weiß-Rot. Die Massen schieben sich durch die engen Gassen. Vorbei an den Auslagen der Läden. Das Strickjäckchen aus Kaschmir, 450 Euro. Die Rolex, 13100 Euro. Ex-BVB-Torwart Roman Weidenfeller steht vor der Weinbar Hillinger. Lächelt in eine Handykamera. Verschwindet im Warmen. Kantige Türsteher sorgen für Privatsphäre. Ein cremefarbener Bugatti mit Starnberger Kennzeichen parkt mitten in der Fußgängerzone im Halteverbot. Ein paar Witzbolde haben Anzügliches in den Schnee auf dem Dach gemalt.

Stargast an der Streif ist Arnold Schwarzenegger mit seiner Freundin Heather Milligan. Der Schauspieler und Politiker ist schon zum siebten Mal in Kietzbühel.
Bild: Felix Hörhager, dpa

Nirgendwo sonst kommen Spitzensport, Geld-Adel, Promis aller Kategorien und Normalos auf so engem Raum zusammen wie an diesem Wochenende in Kitzbühel. Fast so legendär wie das Abfahrtsrennen ist die Weißwurstparty am Freitag beim Stanglwirt. Dort muss hin, wer etwas auf sich hält im Promi-Zirkus. Stargast ist auch in diesem Jahr der Arnie. Arnold Schwarzenegger. Österreichs Stolz. Ein Mann wie ein Berg. Im Trachtenjanker zuzelt er die erste Weißwurst aus der Kunstdarmhülle. Der unvermeidliche Alfons Schuhbeck steht daneben, FC-Bayern-Sticker auf der Brust. Mario Adorf ist auch da. Und Alpen-Rock-’n’-Roller Andreas Gabalier. Dazu jede Menge namenlose Models. Und Verona Pooth. Und H. P. Baxxter, how much is the Weißwurst? Im Mittelpunkt steht aber einer, den keiner gesehen hat. Seal, der Ex-Mann von Heidi Klum, soll zu einem Geheimkonzert vor erlesener VIP-Schar eingeflogen worden sein. Beweisfotos gibt es nicht. Man munkelt eben. Geschichten wie diese gehören zu Kitzbühel wie das Rennen selbst.

Früher grasten auf der Streif Kühe, im Winter war Ruhe

Dessen Mythos hat seinen Ursprung auf einer Alm hoch über dem Ort. Im Sommer grasten dort Kühe, im Winter war Ruhe. Der Bauer, dem sie einst gehörte, ist einer Flasche Champagner wohl nie nahegekommen. Dafür hieß er Straiff. Ihm verdankt das berühmteste Rennen der Welt seinen Namen. Und geschäftstüchtig waren sie hier schon immer. 1928 nahm die Hahnenkammbahn als erste in Österreich den Betrieb auf, drei Jahre später fand das erste Hahnenkamm-Rennen statt, damals noch auf der Fleckalm. Ab 1937 ging es über die Alm vom Straiff-Bauer hinab ins Tal. Schnellster damals: Thadäus Schwabl. 3:53,1 Minuten war er unterwegs. Fangzäune gab es nicht, dafür Bäume, die diese Funktion erfüllten. Die Skier waren aus Holz und im Zielbereich fror eine Handvoll Zuschauer vor sich hin.

Eine geht noch: Moderatorin Verena Pooth verteilt Weißwürste. 3500 werden bei der Weißwurstparty verzehrt. Neben ihr Schönheitschirurg Werner Mang.
Bild: Wolfgang Grebien, Witters

Seitdem ist alles anders geworden. Der Streckenrekord liegt bei 1:51,58 Minuten, aufgestellt im Jahr 1997 vom Österreicher Fritz Strobl. Bis zu 100000 Menschen drängen am Hahnenkamm-Wochenende in die 8000-Seelen-Gemeinde. Hotelzimmer kosten bestenfalls das Doppelte. Das Rennen wird mit gigantischem Aufwand in die ganze Welt übertragen. Spektakel pur. Dieser Glanz wirkt auf Menschen mit Geld wie Licht auf einen Schwarm Motten. Nirgendwo sonst in Österreich sind Immobilien und Grundstücke teurer als in Kitzbühel.

Die Politikerin Dagmar Wöhrl, das Model Franziska Knuppe und die Moderatorin Verona Pooth (links) feiern bis tief in die Nacht. 
Bild: Felix Hörhager, dpa

Die Maklerorganisation RE/MAX hat ausgerechnet, dass sich der Wert eines Einfamilienhauses im Bezirk Kitzbühel von 2016 auf 2017 um 257818 Euro gesteigert hat. Der durchschnittliche Preis eines Hauses betrage 1,32 Millionen Euro. Ein Viertel der Objekte koste über zwei Millionen Euro. Besonders beliebt bei den Reichen und Schönen sind luxuriöse Wohnungen im Chalet-Stil. Vollholz-Alpenromantik mit Hirschgeweih an der Wand und Whirlpool im Keller. Je nach Lage kosten diese Schmuckstücke zwischen 7500 und 15000 Euro pro Quadratmeter. Ein Ende der Preisspirale ist nicht absehbar. Luxusimmobilien in Toplagen sind rar.

Viele Einheimische können sich das alles längst nicht mehr leisten, den Hinterseer Hansi mal ausgenommen. Über ein Drittel der bewohnten Immobilien in Kitzbühel sind Zweitwohnsitze. Der Großteil der Käufer kommt aus München. Mancher sagt, Kitzbühel sei inzwischen dessen südlichster Vorort. Die deutsche Milliardärin Maria Elisabeth Schaeffler heiratete 2014 im Schatten des Hahnenkamms den Ex-BDI-Chef Jürgen Thumann. Stilecht gehört ihr eines der teuersten Häuser im Ort. Zudem soll sie jüngst ein zweites Grundstück für 23 Millionen Euro gekauft haben. Die Quandt-Erbin Susanne Klatten oder Richard Oetker haben sich ebenfalls eingekauft.

Das Volksmusikduo Marianne und Michael feiern bei der Weißwurstparty im Stanglwirt.
Bild: Felix Hörhager, dpa

All das ist Kitzbühel. Was es ist, verdankt es zu einem Großteil dem berühmtesten Skirennen der Welt. „One Hell of a Ride“ haben es die Marketingstrategen getauft. Einen Höllenritt. 3312 Meter lang. Gefürchtet. Bewundert. Wer dort gewinnt, kann ein Leben lang von diesem Ruhm zehren. Wer dort stürzt, kann ein Leben lang darunter leiden. Auch das ist der Mythos Streif. Sie fordert ihre Opfer. Immer wieder schüttelt sie Fahrer ab. Bänder reißen, Knochen splittern. Schon so manche Karriere endete hier. Hans Grugger und Daniel Albrecht stürzten einst so schwer, dass sie mit Schädel-Hirn-Traumata wochenlang im Koma lagen.

Drunten im Zielbereich herrscht immer Stille, wenn es wieder einen erwischt hat. Die Musik wird leiser gedreht, während oben der Rettungshubschrauber kreist. Es sind seltene Momente der Zurückhaltung. Denn die Party muss weitergehen. All der Champagner will getrunken werden.

Comedian Harry G. nimmt die Schickimicki-Gesellschaft in Kitzbühel aufs Korn

Einer, der sich intensiv mit Kitzbühel beschäftigt hat, ist der Comedian Markus Stoll. Besser bekannt unter seinem Künstlernamen Harry G. Die aktuelle Bühnentour ist ausverkauft, seine kurzen Filme auf Facebook finden ein Millionenpublikum. Seinen Beitrag über Kitzbühel, in dem er die Schickimicki-Gesellschaft aufs Korn nimmt, haben 1,6 Millionen Menschen gesehen. „Ich schau das Rennen immer im Fernsehen“, sagt er am Telefon. „Ich wollte auch mal live dabei sein, aber da ist mir einfach zu viel los.“ Sogar eine Einladung zur Weißwurstparty hat er in diesem Jahr ausgeschlagen, „ich hab keinen Bock auf Micaela Schäfer“. Das „Model“ ist bekannt für seine freizügigen Auftritte und war schon häufig in Kitzbühel anzutreffen. „Die ist für mich ein Synonym dieser ganzen Sinnlosigkeit.“

Fernsehkoch Alfons Schuhbeck, Arnold Schwarzenegger und seine Freundin Heather Milligan (links) bei der Weißwurstparty.
Bild: Helmut Fohringer, dpa

Der Comedian ist selbst ein ausgezeichneter Skifahrer, hat die Streif bezwungen und bewundert die sportliche Leistung der Athleten. „Dass die teilweise über 100 Stundenkilometer schnell sind und sich mit dieser Geschwindigkeit in einen völlig uneinsehbaren Hang stürzen, bekommst du vor dem Fernsehen gar nicht mit“, sagt er. Erst wenn es mal schiefgehe, „wird dir klar, wie schnell die Jungs eigentlich unterwegs sind. Wenn sie stürzen und erst vom dritten oder vierten Fangnetz aufgehalten werden.“

Die Sängerin Victoria Swarovski, die Moderatorin Cathy Hummels, das Model Alena Gerber, die Moderatorin Jennifer Knäble, das Model Monica Ivancan, die Unternehmerin Dagmar Wöhrl, das Model Franziska Knuppe und die Schauspielerin Stephanie Stumph (von links) feiern bei der Weißwurstparty im Stanglwirt.
Bild: Felix Hörhager, dpa

Den ganzen Begleiterscheinungen kann er privat aber nichts abgewinnen. „Das ist nicht meine Welt. Ich finde das Skirennen super. Alles was drum herum passiert, ist halt immer ein rechtes Gehabe.“ Kitzbühel müsse aber wohl der Traum eines jeden Marketingstrategen sein. „Das ist das gefährlichste Skirennen der ganzen Welt in einem der Skiorte der Welt – also wenn du das nicht vermarkten kannst… Da kannst wahrscheinlich auch eine Praktikantin hinsetzen.“

Das Geschäftsmodell funktioniert tatsächlich hervorragend. Kitzbühel ist in. Mit viel Hingabe pflegt es den Mythos Streif, der dem Ort und seinen Nachbargemeinden alljährlich rund 40 Millionen Euro in die Kassen spült. Trotzdem sind alle froh, wenn es am Sonntagabend wieder ruhig wird. Resi vom Getränkestand sagt, dass sie jetzt ein paar Tage Pause machen müsse. Es dauere immer bis Dienstag, ehe das Pfeifen in den Ohren wieder verschwindet. Das Partyvolk zieht weiter.

Nur einer bleibt – der Hinterseer Hansi. „Zwei Paar Ski und du und i, Schnee und Sonnenschein und wir allein, mehr braucht man nicht zum Glücklichsein.“

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