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"Gemischtes Hack"
28.02.2020

Tommi Schmitt: "Ich vermeide zu sagen, dass ich 'Podcaster' bin"

Tommi Schmitt ist Comedy-Autor und die eine Moderations-Hälfte des erfolgreichen Podcasts "Gemischtes Hack".
Foto: Marvin Ruppert

Exklusiv Comedy-Autor Tommi Schmitt geht im Interview dem Erfolg seines Podcasts "Gemischtes Hack" auf den Grund und erklärt, warum der FCA für ihn besser als der FCB ist.

Herr Schmitt, Sie moderieren seit 2017 zusammen mit Felix Lobrecht den extrem erfolgreichen Podcast "Gemischtes Hack". Wie viele Hörer haben Sie eigentlich mittlerweile?

Tommi Schmitt: Viel zu viele. Sagen wir es so: Die Gefahr, dass wir Kult werden, wird immer größer.

Nun gibt es eine ganze Menge Podcasts, in denen sich zwei Künstler mehr oder weniger lustig unterhalten. Warum geht gerade "Gemischtes Hack" derart durch die Decke?

Schmitt: Das ist eine Frage, die mir häufig gestellt wird, die ich mir aber selbst wirklich sehr selten stelle. Wahrscheinlich ist das einfach kein großes Thema für mich, weil ich die wachsende Hörerschaft ja nie sehen konnte. Für mich war das immer nur eine Zahl. Würde ich beim Aufnehmen in Gesichter blicken, hätte ich vielleicht eine fundierte Meinung dazu, beziehungsweise würde über das "Geheimnis" nachdenken. Generell ist es, glaube ich, so, dass Audio und damit Podcast immer mehr an Relevanz gewinnen. Die Menschen versuchen effizienter zu sein, heißt: Auch auf dem Weg zum Bäcker oder beim Wäscheaufhängen wollen sie passiv unterhalten werden. Wo vor fünf Jahren noch der Fernseher als Hintergrundgeräusch angeschaltet wurde, wird nun auf Podcasts zurückgegriffen. Ich melde mich aktuell immer freiwillig zum Kochen oder Einräumen der Spülmaschine, weil ich dabei Fest & Flauschig (ein Podcast von Jan Böhmermann und Olli Schulz, Anm. der Red.) hören kann. Darüber hinaus wollen die Leute vermutlich gewisse Themen eingeordnet wissen. Und da wir in einem Land leben ohne wirklich durchgehende Latenight-Show im Fernsehen, gibt es diese vertraute, humoristische Einordnungs-Funktion aktuell in keinem anderen Medium. Vielleicht sind Podcasts auch deshalb in Deutschland so erfolgreich. Und wir waren vielleicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort und machen das auch ganz passabel, so selbstbewusst darf ich sein.

Wann im Podcast "Gemischtes Hack" geschnitten wird

Sie schneiden normalerweise nichts aus dem Podcast heraus - auch wenn Sie manchmal ein ungutes Gefühl haben, wegen etwas, das Sie gesagt haben. Was muss passieren, dass Sie Ihre Regel doch einmal brechen?

Schmitt: Wenn ein Witz überhaupt nicht funktioniert! Nein, Quatsch. Allzu private Dinge halten wir so gut es geht aus dem Podcast raus. Vielleicht kommt es auch mal vor, dass wir humoristisch etwas über die Stränge schlagen, dann müssen wir da nochmal mit der Schere ran. Aber das kommt so gut wie nie vor. Wir leben aktuell in schnelllebigen Zeiten. Manchmal passiert es leider, dass wir über eine Situation, Person oder Stadt scherzen und nach der Aufnahme erreicht uns beispielsweise die Eilmeldung, dass in ebendieser Stadt ein Anschlag stattfand oder eine bestimmte Person überraschend verstorben ist. Dann schneiden wir aus Pietätsgründen natürlich schon mal was raus, um nicht eine völlig unsensible Folge abzuliefern. Aber auch das, toi toi toi, ist zum Glück nur selten geschehen.

Hauptberuflich sind Sie nicht Podcaster, sondern Comedy-Autor für verschiedene Fernsehformate, unter anderem "Late Night Berlin"  und "Luke - Die Woche und ich". Da ist Ihre Rolle ja eigentlich eher im Hintergrund. Wie fühlt es sich denn an, wenn ein Witz in einer Fernsehsendung besonders gut ankommt? Es weiß ja erst einmal keiner, dass er von Ihnen stammt…

Schmitt: Ich könnte jetzt cool und abgeklärt daher reden, aber ich finde das bis heute total aufregend. Mir ist das auch völlig egal, dass niemand weiß, dass ein Witz von mir stammt. Das bringt der Autorenjob ja eben mit sich und ist völlig okay so. Ein Fliesenleger posaunt ja auch nicht überall in der Stadt herum: "Waren Sie schon mal bei den Hubers zuhause? Den Boden hab ich verlegt!"

Bei vielen Sendungen, die völlig verschieden daherkommen, waren dieselben Autoren am Werk

Wie reagieren Sie, wenn Ihnen jemand sagt, dass ihm der Humor bei Klaas Heufer-Umlaufs "Late Night Berlin" gefällt, nicht aber bei Luke Mockridges "Luke – die Woche und ich"? Schließlich sind es beides Sendungen, für die Sie arbeiten.

Schmitt: Dann sage ich, dass Geschmäcker eben verschieden sind. Und das ist doch fantastisch. Wie schlimm wäre das denn, wenn alle Leute da draußen zurzeit denselben Humor-Geschmack hätten? Sich über den Humor anderer Menschen aufzuregen, ist doch dieser Tage – zumindest in meiner Generation – ein elementares Gesprächsthema, ohne das man Twitter direkt zumachen könnte. Ich muss ohnehin immer schmunzeln, wenn Deutsche die Qualität von Humor bewerten. Großartig! In den USA könnte man daraus übrigens eine Sendung machen. Aber es ist doch ganz einfach: Manche Menschen mögen Brot, manche lieber Brötchen. Und wir Autoren sind Bäcker. Außerdem: Sie ahnen ja nicht, wie viele TV-Sendungen es gibt, die völlig verschieden daherkommen, bei denen aber jeweils zum Teil dieselben Autorinnen und Autoren am Werk waren. Das amüsiert mich anschließend immer sehr, wenn ich dann in den sozialen Medien Reaktionen zu gewissen Shows lese.

Tommi Schmitt: "Gute Witze, auch Klassische kommen spontan"

Gibt es Themen, über die man keine Witze machen kann?

Schmitt: Natürlich gibt es die. Aber die Frage exakt zu beantworten, über was man Witze machen darf und was nicht, halte ich für unmöglich. Das hat meiner Meinung nach noch niemand hinbekommen und ich habe wirklich viel dazu gelesen. Dazu die immer gleiche Frage: Wer ist "schlimmer", die, die einen Scherz machen oder die, die drüber lachen? Ich glaube, Taktgefühl ist hier ein wichtiger Ratgeber. Und das Image der oder des Sprechenden. Denn dann wird der Kontext klarer. Erzählt zum Beispiel ein Krimineller einen Witz über eine bestimmte Straftat oder erzählt ihn ein Latenight-Moderator, dann ist es derselbe Witz, dieselbe Pointe, derselbe Wortlaut, aber ein absolut anderer Takt und ein ebenso verschiedener Kontext. Seien wir ehrlich: Es kommt oft auch einfach darauf an, wer etwas sagt. Der Kontext ist und bleibt einfach entscheidend. Zwischen den Zeilen lesen können sollte Grundvoraussetzung als Humorkonsument sein, das wäre meine Traumvorstellung. Dann wären wir auch alle nicht mehr so empört.

Was antworten Sie, wenn Sie auf einer Party von Ihrem Job erzählen und Ihr Gegenüber sagt: "Dann erzähl mal einen Witz"?

Schmitt: Ich kann keine Witze erzählen. Witze funktionieren in diesem Timing auch nicht. "Erzähl mal einen Witz", das ist bereits eine schrecklich hohe Rampe, da kann man nur scheitern. Gute Witze, auch Klassische kommen spontan. Sonst fühlt man sich wie auf dem Geburtstag der Großtante, die der ganzen Runde groß ankündigt, wie gut man Udo Lindenberg imitieren könnte. Und dann stehst du da in der Stille zwischen Donauwelle und Fanta-Kuchen und singst "Sonderzug nach Pankow". Da lacht niemand. Das können Sie mir gerne glauben.

Als Autor waren Sie im Hintergrund, durch "Gemischtes Hack" stehen Sie inzwischen selbst im Rampenlicht. Was macht das mit einem?

Schmitt: Ich stehe ja nicht wirklich im Rampenlicht, sondern sitze im Mikrofonschatten. Aber klar, da hat sich schon was verändert. Es ist schon absurd, wenn man weiß, wie viele Menschen einem pro Woche zuhören oder im Internet folgen, klar. Auch die Verantwortung wird mir immer bewusster. Aber ich hoffe, dass ich mich nicht allzu groß verändert habe. So bin ich auch nicht aufgewachsen. Ich habe einen großen Bruder, wenn ich damals aufgemuckt habe, gab's auf die Mappe. Und das war auch ganz richtig so und kommt mir heute zu Gute.

Werden Sie eigentlich oft auf der Straße erkannt?

Schmitt: Aktuell gibt es ja irgendwie drei Arten von Männern. Die, die mit Mütze, Bart und Brille so aussehen wir Mark Forster. Die, die ohne Bart und mit dunkelblondem Haar so aussehen wir Joris, Tim Bendzko und ich, und die, die komplett anders aussehen als die beiden eben genannten Gruppen. Trotzdem erkennen mich die Leute mittlerweile sehr oft. Aber das ist alles cool und immer sehr herzlich. Einmal saß ich in Hamburg beim Friseur und der hat sich dann während des gesamten Zeitraums des Haareschneidens über Podcasts und vor allem über mich negativ ausgelassen, ohne zu wissen, dass ich da vor ihm sitze. Da hätte ich gerne, dass er mich erkannt hätte. Das war wahnsinnig unangenehm und lustig zugleich.

Nun sind Sie durch Audio bekannt geworden - sind Sie schon einmal an Ihrer Stimme erkannt worden?

Schmitt: Ja, tatsächlich an der Supermarktkasse. Da hat eine junge Kassiererin mit ihrem ganzen nordrhein-westfälischem Charme zu mir gesagt: "Sind Sie Tommi Schmitt? Sie klingen so. Aber ich dachte, Sie sind viel dicker." Herrlich. Was man so alles aus einem mürrischen "Nein, ich will diese Punkte nicht sammeln" raushören kann.

Wenn Sie über Ihre Arbeit sprechen, scheinen Sie Ihren Traumjob gefunden zu haben. Sie haben aber schon einen anderen Traumjob aufgegeben: Sie, als großer Fan von Borussia Mönchengladbach, haben für den Verein gearbeitet. Denken Sie da manchmal sehnsüchtig zurück?

Schmitt: Ja, wegen der Menschen. Da arbeiten schon echt coole Leute, bei Borussia. Ich kam direkt von der Uni, als ich mein Volontariat in der Presseabteilung begann. Das war natürlich sehr aufregend und es hat sehr geholfen, dass da alle so furchtbar nett zu mir waren. Und das, obwohl ich echt nur maximal okay in meinem Job war. Oft war ich mehr damit beschäftigt, ein möglichst lustiges Hintergrundbild für meinen PC zu suchen als den bestmöglichen Text für die Homepage zu schreiben. Als Fan muss ich sagen, ist es sogar ganz gut, jetzt wieder ein bisschen Abstand zu haben und nicht mehr dort zu arbeiten. Einfach, weil das Geheimnis und das Besondere wieder da sind. Früher bin ich zum Arbeiten halt ins Stadion gefahren, da entsteht natürlich eine gewisse Routine. Jetzt fahre ich wieder zum totalen Mitfiebern und Singen hin und kenne bis zum Anpfiff die Aufstellung nicht. Toll!

 

Warum der FC Bayern für Tommi Schmitt keine bessere Manschaft als der FC Augsburg ist

Sie fahren ja auch oft zu Auswärtsspielen, wie diese Woche zum FCA. Was macht für Sie die Faszination an Fußball aus?

Schmitt: Ich mag das Drama am Fußball. Das Ehrliche und Unbekannte. Nicht so sehr das Glamouröse. Deshalb fahre ich ja auch nach Augsburg. Ich schaue mir lieber ein Relegationsspiel als ein Champions League-Finale an. Ich mag es auch, mit meiner Mannschaft durch ein Tal zu gehen. Dieses Leiden, fantastisch. Auch wenn das bei Borussia nun schon ein paar Jahre her ist. Das Lustige ist: Wenn man so über den Fußball denkt, wie ich, ist das Dilemma ja, dass man immer hofft, dass die eigene Mannschaft gewinnt, aber trotzdem darf sie gleichzeitig nicht immer gewinnen, weil ich dann das Interesse verlieren würde. Fans des FC Bayern oder von Paris Saint-Germain tun mir nämlich leid. Über einen 2:0-Heimsieg gegen Düsseldorf oder Dijon können die sich doch gar nicht mehr freuen. Fürchterlich. Ständiger Erfolg ist meiner Meinung nach nicht die Maxime dieser Sportart. Betrachtet man den Fußball wie ich, ist der FC Bayern – zumindest für den Fan - keine bessere Mannschaft als der FC Augsburg. Fußball ist Theater. Fußball ist mehr als dieses merkwürdige Spiel über 90 Minuten. Wenn es nur das wäre, würden wir nicht jedes Wochenende ins Stadion pilgern. Ein toller Gesang zum richtigen Zeitpunkt bereitet mir genauso viel Freude wie eine tolle Flanke zum richtigen Zeitpunkt.

Haben Sie Angst davor, dass Sie so bekannt werden könnten, dass Sie sich nicht mehr ohne weiteres auf den Stehplätzen zwischen die anderen Fans mischen können?

Schmitt: Erstens glaube ich nicht, dass ich so bekannt werde und zweitens gibt es für Fans wichtigeres als irgendeine bekannte Nase im Block. Da könnten auch Lady Gaga und Barack Obama stehen. In den 90 Minuten zählt nur Gladbach. Außerdem verhalte ich mich ja wie immer. Trinke Bierchen, singe Liedchen, rufe unqualifizierte Bemerkungen rein und gehe wieder nachhause.

Andererseits ist Ihnen ja auch bewusst, dass es auch wieder bergab gehen könnte mit der Bekanntheit. Wie wäre es für Sie, wenn Sie wieder "nur" Autor wären?

Schmitt: Das wäre absolut in Ordnung und cool. Außerdem klingt Autor auch viel besser. Ich vermeide es so gut es geht zu sagen, dass ich "Podcaster" bin. Das kommt auf der Coolness-Skala direkt hinter Influencer, YouTuber, Society-Expertin und Finanzminister. Insofern geht es dann ja sogar wieder bergauf. Alles positiv sehen! Und wer weiß: Vielleicht mache ich ja auch ganz was anderes.

Zur Person: Tommi Schmitt ist Comedy-Autor und schreibt für eine Vielzahl deutscher Fernsehsendungen. Seit 2017 moderiert er zusammen mit dem Stand-up-Comedian Felix Lobrecht den Podcast "Gemischtes Hack", der als einer der erfolgreichsten Podcasts Deutschlands gilt. Die Fragen hat Tommi Schmitt per E-Mail beantwortet.

Lesen Sie dazu auch unser Interview mit Tommi Schmitts Podcast-Partner Felix Lobrecht: "Meine Aufgabe ist, manchmal drüber und eklig zu sein"

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