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Wissenschaft

07.12.2018

Genmanipulation an Embryonen: Menschen made in China

Die Wissenschaftlerinnen Zhou Xiaoqin (links) und Qin Jinzhou in einem Labor in Shenzhen in der südchinesischen Provinz Guangdong.
Bild: Mark Schiefelbein, dpa

Plus Seit der Forscher He Jiankui genmanipulierte Babys geschaffen haben will, ist die Empörung groß. Das ist nur ein Teil eines Plans auf dem Weg zur Weltmacht.

Wo ist der berüchtigte chinesische Genforscher He Jiankui? Von ihm fehlt jede Spur. Am Mittwoch vergangener Woche wurde der 35-Jährige zuletzt gesehen – und zwar von der ganzen Welt. Da machte der Skandalprofessor öffentlich, dass er das Erbgut von Zwillingen verändert hat. Er stellte dieses höchst umstrittene Experiment erst per Video auf Youtube und dann auf einer Fachkonferenz in Hongkong vor. Auf dem Heimweg in die benachbarte Sonderwirtschaftszone Shenzhen, wo er an der Southern University of Science and Technology arbeitet, ist He Jiankui offenbar verschwunden.

Ist er untergetaucht? Hat er sich abgesetzt? Wurde er gar inhaftiert? Die Gerüchteküche brodelt, verschiedene Medien spekulieren über seinen Verbleib. Anfangs gab es Berichte, dass Jiankui auf dem Gelände der Universität unter Hausarrest stehe und nach einer sechsstündigen Unterredung mit dem Uni-Präsidenten von Sicherheitskräften bewacht werde. Dem hat die Universität inzwischen widersprochen.

Fest steht, dass das chinesische Wissenschaftsministerium die Experimente an Babys scharf kritisiert und He Jiankui weitere Forschungen untersagt hat. Die Regierung stufte seine Versuche als illegal ein. Doch Experten vermuten, dass weitere Universitäten und Privatfirmen in China die Gen-Schere auch weiterhin auf das menschliche Erbgut anwenden. „Ich wage zu sagen, dass es zahlreiche weitere Labore gibt, die in dieser Richtung weiterarbeiten“, sagt Wang Haifeng, ein chinesischer Biowissenschaftler, der derzeit für eine Privatfirma arbeitet. „Die meisten der Forscher sind bloß zu schlau, um jetzt schon darüber zu reden.“

Der umstrittene Genomforscher He Jiankui ist seit gut einer Woche verschwunden. Und keiner weiß, ob er untergetaucht ist oder festgenommen wurde.
Bild: Mark Schiefelbein, dpa

Moralische Bedenken gibt es in China kaum

In China arbeitet die Gen-Forschung vergleichsweise ungezügelt und unkontrolliert – moralische Bedenken und staatliche Kontrollen schränken sie deutlich weniger ein als in westlichen Ländern. Und auch wenn Wissenschaftsminister Xu Nanping sich nun hinstellt und die Versuche als „Verstoß gegen Ethik-Richtlinien“ brandmarkt, steckt letztlich staatliche Strategie hinter den bahnbrechenden Experimenten. Die Führung des Landes verspricht sich von der generell laxen Handhabung der Regeln einen Vorsprung in der Biotechnik. Bisher führen immer noch die Amerikaner – aber je näher die Experimente an den Menschen rücken, desto größer sind in den christlich geprägten Kulturen die Hemmungen, den nächsten Schritt zu gehen.

Chinas Regierung zeigt generell enormen Ehrgeiz, in Schlüsseldisziplinen ganz vorne mitzuspielen. „China soll eine weltweite Führungsstellung in Wissenschaft und Technik einnehmen“, sagte Präsident Xi Jinping im Mai vor Mitgliedern der Chinese Academy of Sciences (CAS). Es stehe ein „Qualitätssprung“ bevor. Bisher habe China einen Rückstand aufholen müssen. Nun werde es zum Vorreiter und Innovator. Zur Verwirklichung dieser Vorhaben formuliert das Land Fünfjahrespläne, die Fördermittel kanalisieren und konkrete Ziele setzen. Die Zielevorgaben gelten dann für Ministerien und Behörden in der Hauptstadt und in den Provinzen, für die Partei, für die Staatsbetriebe und sogar für Privatfirmen, in denen ebenfalls durchweg Parteimitglieder sitzen.

Letztlich fällt auch die Übernahme des Augsburger Roboterherstellers Kuka unter diese Anstrengungen. Denn Automatisierung und „Industrie 4.0“, also die intelligente Fabrik, gehören zu den erklärten Schlüsseldisziplinen des Plans „Made in China 2025“. Zu dem gehören eben Roboter, Elektroautos und Hochgeschwindigkeitszüge. Innovationen in der Luftfahrt, der Logistik und bei alternativen Energie. Neue Werkstoffe, smarte Netze und nicht zuletzt die Biotechnologie.

China plant eine Mission zum Mond

In einem getrennten Plan hat Xi zusätzlich das Ziel gesetzt, bis 2030 bei der Nutzung künstlicher Intelligenz an der Weltspitze zu stehen. Auch die bemannte Weltraumfahrt erhält derzeit einen kräftigen Schub: China plant eine Mission zum Mond, um hier symbolisch mit den Amerikanern gleichzuziehen.

Während Weltraumraketen und Hochgeschwindigkeitszüge jedoch Varianten des Altbekannten darstellen, könnte der rücksichtslose Vorstoß in den Bereichen Biomedizin und künstliche Intelligenz unsere Lebensweise erdbebenartig verändern. Im derzeit laufenden „Fünfjahresplan für bio-pharmazeutische Forschung“ rechnet die Regierung bis 2020 mit Ausgaben in Höhe von 75 Milliarden Euro, das sind rund 15 Milliarden Euro pro Jahr. Zu dieser Summe kommen noch Milliardenbeträge aus anderen Töpfen, etwa der Förderung für medizinische Forschung.

Zum Vergleich: In Deutschland liegt der Jahresetat des gesamten Forschungsministeriums bei 18 Milliarden Euro. Der Privatsektor zieht derweil in China ebenfalls mit. Im Jahr 2017 floss nach Daten des Wirtschaftsdienstes Bloomberg eine Milliarde Dollar privaten Kapitals in den chinesischen Biotech-Sektor. Im laufenden Jahr wird es voraussichtlich ein Vielfaches mehr sein. Erste Priorität hat auf der Wunschliste der chinesischen Führung die Genomforschung. Kein Wunder, dass die ersten Klon-Affen und Crispr-Babys in China geboren wurden. Nachdem das Land in der traditionellen Pharmazeutik hoffnungslos hinterherhinkt, will es nun eine Entwicklungsstufe überspringen und gleich mit Biotechnik loslegen.

Die Chinesen haben eine andere Einstellung zur Gentechnik

Die Regierung will also Fortschritte sehen, doch in der Bevölkerung ist die Grundeinstellung zur Gentechnik zumindest gespalten. In einer Umfrage auf der Webseite der Volkszeitung sagen beispielsweise 91 Prozent der Teilnehmer, dass sie keine gentechnisch veränderten Lebensmittel essen möchten. Dennoch ist die Offenheit gerade gegenüber experimenteller medizinischer Forschung vergleichsweise hoch. Vor allem scheint der Schritt zur Veränderung menschlicher Zellen nicht so groß zu sein wie in westlichen Ländern. Eine Mischung aus Fortschrittsgläubigkeit und genereller Unbefangenheit trägt zu der toleranten Stimmung bei. Noch ausgeprägter ist jedoch das generelle Desinteresse. „Ich habe ganz andere Sorgen, das geht mich nichts an, um Gene und so ein Zeug sollen sich die da oben kümmern“, sagt eine Frau mit Baby im Pekinger Einkaufsviertel Sanlitun.

Im offiziell atheistisch-materialistischen Weltbild der kommunistischen Partei sind menschliche Embryonen in den frühen Phasen eben nur Zellen, deren Schutz geringere Priorität hat als der wissenschaftliche Fortschritt. In der Phase der Ein-Kind-Politik von 1980 bis 2016 waren auch behördlich befohlene Zwangsabtreibungen bis in den siebten Monat hinein nicht unüblich, wenn Frauen zum zweiten Mal schwanger wurden. Ein Konsens darüber, einen Embryo oder das menschliche Erbgut an sich als schützenswert anzusehen, ist nicht zu erkennen.

Die chinesische Wissenschaft selbst ist jetzt erst aufgewacht, nachdem sie Befürchtungen über eine verfrühte Anwendung auf den Menschen lange heruntergespielt hat. Über hundert Forscher haben nun die Arbeit von He Jiankui als „riskant, nicht gerechtfertigt und rufschädigend für die chinesische Biomedizin“ kritisiert. „Die Büchse der Pandora ist offen. Vielleicht gibt es noch eine winzige Chance, sie wieder zu schließen.“ Die Wissenschaftler fordern nun plötzlich eine Regulierung ihres eigenen Fachs.

Auf dem Weg zum „Design-Baby“?

Ihre Sorge ist berechtigt. Molekularbiologe Wang, der für das Unternehmen Shanghai South Gene Technology forscht, verweist auf Ultraschalluntersuchungen als Beispiel dafür, wie die Nutzung medizinischer Möglichkeiten außer Kontrolle geraten kann. Viele Eltern suchen sich in den Jahren der Ein-Kind-Politik in China das Geschlecht ihres Kindes aus. Auf 100 neugeborene Mädchen kamen 116 Jungen. Selektive Abtreibungen waren zwar illegal, aber weit verbreitet. Das hat konkrete Auswirkungen auf die Realität. Viele der heute 30-jährigen Männer finden deshalb keine Frau.

Was, wenn die Eltern sich nicht nur das Geschlecht, sondern auch die Intelligenz und das Aussehen aussuchen können? „Es ist praktisch unmöglich, die Anwendung dieser Techniken zu kontrollieren, wenn die Büchse der Pandora einmal offen ist“, sagt Wang. Er vergleicht die Lage mit Schönheitsoperationen: Die Wiederherstellung von Gesichtszügen diente ursprünglich der Behandlung entstellter Patienten. Heute ist die Hemmschwelle gegen null gesunken. Für junge Frauen der gehobenen Schicht gehört es in vielen Ländern Asiens zum Lebensstil dazu, „sich die Nase machen zu lassen“. In Südkorea, wo die Einkommen sich auf europäischem Niveau bewegen, lassen zweieinhalb Mal mehr Menschen den Schönheitschirurgen an sich heran als in Deutschland. Das Beispiel zeigt, wie unbefangen die Ostasiaten mit weitreichenden Eingriffen umgehen.

Ein Einblick in ein Labor in Shenzhen: Auf dieser Mikroplatte sind Embryonen zu sehen, die manipuliert worden sind.
Bild: Mark Schiefelbein, dpa

Wenn es nicht nur um die eigene Schönheit geht, sondern darum, ihren Kindern einen Vorsprung im Leben zu verschaffen, brennen bei chinesischen Eltern heute schon alle Sicherungen durch. Sie leisten sich nach Möglichkeit die beste erreichbare Privatschule. Vor den Eintrittsprüfungen für die Universitäten schicken sie den Nachwuchs zuhause durch eine Lernhölle. Familienvermögen gehen dann dafür drauf, den Sohn oder die Tochter an eine bekannte Elite-Universität zu schicken. Die University of Illinois at Urbana-Champaign hat sich gerade gegen ein Ausbleiben chinesischer Studenten infolge der Politik des US-Präsidenten versichern lassen – die Asiaten sind die üppigste Einnahmequelle der Hochschule.

Sobald der Wettlauf um die genetische Aufrüstung der eigenen Nachkommen losgeht, wird es wohl kein Halten mehr geben, befürchten Experten. Biowissenschaftler erwarten nun, dass es viel schneller so weit kommt als bisher erwartet, wie der offene Brief zeigt. Nachdem die Machbarkeit jetzt bewiesen ist, kommt nun die Anwendung. Als Nächstes wird ein Schwarzmarkt für diese Behandlungen entstehen.

Scharlatane bieten schon heute Gentherapien an

Schon heute bieten Scharlatane in „Gentherapien“ für mehr Intelligenz, höhere sportliche Leistungen oder gegen unheilbare Krankheiten an. Geldgierige Ärzte haben beispielsweise einer Patientin, die unter Gelbsucht litt, eine neue Leber versprochen. Dafür sollte sie ihre gesamten Ersparnisse überweisen. Meist spritzen sie, wie in diesem Fall, irgendwelche Stammzelle ins Gewebe, wo diese einfach eingehen. Doch Crispr ist anders: Es bewirkt im Allgemeinen wirklich etwas. Was genau? Das weiß niemand. „Es ist aber normal, dass eine neue Technik mit einer hohen Fehlerquote beginnt“, sagt Wang. In diesem Fall betreffen die Fehler dann lebende Menschen.

Vermutlich werden Geschäftemacher in China jedoch kaum auf die offizielle Zulassung der Technik warten, bevor sie blauäugigen Eltern erste Genmanipulationen anbieten. Ein Blick in chinesische Webforen zeigt, dass die Internetnutzer des Landes tendenziell auf Seite der wagemutigen Forscher stehen. Sie haben Sympathie für die Idee, den ethischen Bedenken der westlichen Länder mit Trotz zu begegnen. „Es gibt die unberührte Natur schon nicht mehr, seit Menschen die ersten Werkzeuge gemacht haben“, schreibt der Blogger Regentropfen-jagen-fallende-Blätter. „Es ist Zeit für die nächste Stufe der Evolution der Menschheit.“

Und die soll in China stattfinden.

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