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Geruchsforscherin Sissel Tolaas
24.06.2013

München riecht nach Bier, Fleisch und Parfüm

Sissel Tolaas erforscht den Duft von Städten, Gegenständen und Lebewesen. Für ein Projekt fing die Chemikerin jetzt auch den Duft der bayerischen Hauptstadt.
Foto: dpa (Archiv)

Sissel Tolaas erforscht den Duft von Städten, Gegenständen und Lebewesen. Für ein Projekt fing die Chemikerin jetzt auch den Duft der bayerischen Hauptstadt. Ein Gespräch.

Sie erschnuppert die Düfte Kalkuttas, Londons, Berlins. Sie riecht an Häusern, Straßenecken, Laternen. Einfach an allem, was ihr unter die Nase kommt. Denn Sissel Tolaas’ Welt sind die Gerüche. Der Berliner Stadtteil Charlottenburg etwa riecht für sie nach teurer Seife und Geld, Neukölln nach Polyester, Reinigungen und Kebab. Für das derzeit laufende Münchner Projekt „A space called public“ fing die 52-jährige Wissenschaftlerin jetzt auch den Duft der bayerischen Hauptstadt ein: ein Mix aus Bier, Fleisch und teurem Parfüm.

Was riechen Sie jetzt gerade in Ihrer Wohnung in Berlin?

Tolaas: Im Moment habe ich eine Pause. Dadurch, dass ich die ganze Zeit arbeite, muss die Nase auch mal zur Ruhe kommen.

München, sagen Sie, riecht nach Bier, Fleisch und teurem Parfüm. Wie stellen Sie einen solchen Stadtduft zusammen?

Tolaas: Bei dem Projekt in München geht es um ein Porträt der Stadt – nicht um ein generelles Stadtforschungsprojekt, wie ich es in anderen Städten bereits gemacht habe. Ich habe mir mehrere Orte in München unter die Nase genommen und bin zu dem Resultat gekommen, dass die Düfte Bier, Fleisch und teures Parfüm besonders konzentriert vorkommen. Es gibt tausende Gerüche in München, aber es ist tatsächlich so, dass überall, wo man im Stadtzentrum von München hingeht, diese drei vorkommen.

Gibt es eine Stadt, die Sie besonders gerne riechen?

Tolaas: Bei mir gibt es da keine Hierarchie. Für mich gibt es nur interessante Gerüche. In jeder Stadt, in der ich bisher gearbeitet habe, waren sie unglaublich vielfältig.

Das heißt, es gibt für Sie auch keinen Geruch, den Sie extrem abstoßend finden?

Tolaas: Nein. Ich versuche, das neutral anzugehen. Nichts stinkt, nur das Denken macht es dazu. Sieben Jahre lang habe ich meine Nase trainiert, um zu dem Punkt zu kommen, Gerüche neutral wahrzunehmen.

Das ist wichtig, weil Sie auch mit – für ungeübte Nasen – unangenehmen Gerüchen experimentieren. Für einen Versuch zogen Sie ein Abendkleid an und trugen anstelle eines Parfüms Angstschweiß auf.

Tolaas: Ich versuche, meine Projekte in der Realität auszuprobieren, recherchiere so und beobachte die Reaktionen. Und hier ging es um die Frage, was passiert, wenn man einen anderen Duft als üblich nimmt. Einen Duft, der sagt: Lass mich in Ruhe. Und das ist auch der Fall gewesen. Die Leute gingen sehr weit weg von mir und waren irritiert. Denn normalerweise versucht man, einen Zusammenhang zwischen dem Geruch und dem Aussehen herzustellen.

In Ihrem Labor in Berlin bewahren Sie rund 7000 Gerüche auf. Wie sammeln Sie diese?

Tolaas: Das Archiv ist in einem Zeitraum von 1990 bis 1997 entstanden. Es handelt sich um Gerüche aus verschiedenen Situationen auf der ganzen Welt. Das war meine Grundlagenforschung, um überhaupt zu dem Punkt zu kommen, an dem ich jetzt gerade bin. Damals sammelte ich die Quelle des Duftes, einen Gegenstand, den ich in eine Box eingeschlossen habe.

Und heute fangen Sie Düfte anders ein?

Tolaas: Mittlerweile habe ich technologische Instrumente zur Verfügung, mit denen ich in Gerüche erfassen kann. Das können Sie mit einer Kamera vergleichen. Doch mein Apparat macht kein Foto, sondern saugt Luft an und isoliert die Moleküle.

Wie kam es dazu, dass Sie das Riechen zu Ihrem Beruf gemacht haben?

Tolaas: Mir hat es einfach gereicht, die Welt und alles nur mit den Augen wahrzunehmen. Ich wollte versuchen, was passiert, wenn man auch seine anderen Sinne aktiviert. Die Ergebnisse haben mich sehr überrascht und deswegen wurde das Riechen meine Art und Weise, die Welt wahrzunehmen.

Die Geruchsidentität eines Menschen ist von Geburt an so einzigartig wie sein Fingerabdruck. Woran liegt es, dass man den Eigengeruch seines Gegenübers im Normalfall nicht wahrnimmt?

Tolaas: Weil wir das nicht gelernt haben. Viele Menschen haben nicht einmal die Möglichkeit, ihren eigenen Geruch kennenzulernen, weil er, kaum sind wir geboren, mit anderen Düften überdeckt wird. Dabei nimmt die Nase alles wahr – lange vor den Augen. Das ist im Grunde genau so wie bei Tieren, bei Hunden zum Beispiel. Nur, wir Menschen machen uns diesen Prozess nicht bewusst. Man kann das aber trainieren, wenn man will – so wie etwa die Muskeln oder das Gehirn. Das ist ganz einfach: Man muss einfach nur riechen.

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