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Gesundheit
18.06.2014

Volksleiden Rücken kostet Milliarden

Die TK rät bei Rückenschmerzen zu einer Schmerztherapie bevor operiert wird.
Foto: Arno Burgi, dpa

Keine Krankheit produziert mehr Fehltage als Rückenschmerzen. Oft verschlimmern Operationen die Probleme für die Betroffenen. Warum sanfte Therapien in vielen Fällen besser sind.

Stechender Schmerz vom Rücken bis ins Bein – Laufen, aber sogar Sitzen und Liegen kann bei Rückenschmerzen zur Quälerei werden. Nach dem neuen Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse geht fast jeder zehnte Fehltag bei Beschäftigten in Deutschland auf Rückenleiden zurück. Allein dadurch entstehen Krankenkassen, Firmen aber auch den Betroffenen Kosten in vielfacher Milliardenhöhe. Zudem wird nach Ansicht der Kassenexperten in Krankenhäusern viel zu oft chirurgisch eingegriffen, obwohl eine sanftere Schmerztherapie angeblich meist besser helfe.

Teure Eingriffe bringen oft keine Linderung

Oft sind es die Patienten selbst, die beim Arzt nicht die ersehnte schnelle Hilfe finden, etwa bei Bandscheibenvorfällen, und deswegen ihre Hoffnungen auf eine Operation setzen. Der Chef der Techniker Krankenkasse, Jens Baas, hat für die Entscheidung zur scheinbar naheliegenden Therapie Verständnis, wie er bei der Vorstellung des neuen TK-Gesundheitsreports „Risiko Rücken“ sagt – das Dumme ist nur: Die ersehnte Linderung brächten die teuren Eingriffe oft nicht.

Mindestens jeder dritte Patient entwickelt nach den Eingriffen chronische Schmerzen: „80 Prozent derjenigen, die vorher gesagt bekommen haben ,Du musst operiert werden‘, mussten hinterher nicht operiert werden“, erläutert Baas. Das hätten Erfahrungen mit Versicherten gezeigt, die einen sanfteren Therapieweg einschlugen.

Oft werden Rückenschmerzen durch Muskelprobleme ausgelöst

Der Mediziner Thomas Nolte von der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie warnt deshalb vor übereilten Versuchen, nur durch Bildverfahren wie Röntgenaufnahmen oder Computer-Tomografie die Ursache von Rückenschmerzen herauszufinden. „Durch Diagnostik wird häufig eine Fehlentwicklung eingeleitet“, sagt er.

Denn oft würden die Schmerzen durch Probleme in den Muskeln ausgelöst, die etwa durch Röntgenbilder gar nicht erkennbar seien. So würden viele Versicherte an den Bandscheiben operiert, wenn auf den Bildern hier Probleme festgestellt werden. Die Patienten hätten danach oft aber immer noch dieselben Schmerzen – die Bandscheiben seien oft gar nicht die eigentliche Ursache der Schmerzen. Nolte rät stattdessen zu einer Schmerztherapie mit Physiotherapeuten und Psychologen.

Eine sanfte Schmerztherapie bringt laut Untersuchung oft bessere Ergebnisse

Die Ergebnisse sprächen für sich: Vier Fünftel der Patienten, die länger als sechs Wochen Rückenschmerzen haben und diesen sanfteren Weg einschlagen, könnten nach rund einem Monat ins Alltagsleben zurückkehren. Solche Werte erreichten Operationen nicht.

Laut dem Schmerzexperten Nolte ist zuvor eine eingehendere Beschäftigung mit den Patienten ideal. Spezielle Therapeutenteams in Schmerzzentren sollten dabei neben Wirbelsäule und Muskeln auch die Psyche der Betroffenen in den Blick nehmen. Eine Kombination mit psychologischen Ansätzen helfe oft, denn von Rückenleiden sind laut der TK-Studie nicht nur körperlich hart Arbeitende etwa im Tiefbau oder der Altenpflege betroffen.

Krankenkassenchef: Keine Werbung für Schmerztherapie wegen hohen OP-Kosten

Krankenkassenchef Baas bestreitet, dass seine Kasse vor allem aus Kostengründen für diese Alternativen zur OP werbe. Entscheidend sei, dass den Patienten so besser geholfen werde.

Schnell dürfte sich an den hohen Operations-Zahlen wohl nichts ändern. Allerdings hat die Koalition nun Anlauf für eine Klinikreform genommen, die unter anderem auch auf mehr Qualität in den Krankenhäusern und weniger unnötige Operationen abzielt. Patienten sollen zudem leichter zweite Arztmeinungen vor einem Eingriff einholen können.

Dennoch gibt es auch Rückenleiden, bei denen eine OP auch künftig erste Wahl sein wird – aber eben bei Weitem nicht alle. Kommt der Operationssaal also in dem Bereich bald aus der Mode? Experten glauben nicht an schnelle Änderungen, nicht zuletzt, weil die Zahl der Kliniken, die an der Bandscheibe operieren, in den vergangenen Jahren erst einmal deutlich gestiegen ist. Deutschlandweit insgesamt über 700 sollen es insgesamt sein. Basil Wegener, dpa

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