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Häusliche Gewalt

06.03.2021

"Gewalt gegen Männer ist mit extremen Tabus behaftet"

20 Prozent der Opfer von häuslicher Gewalt sind Männer. Aber das Thema ist mit Tabus behaftet.
Foto: Daniel Karmann, dpa, AZ-Infografik

Plus Enrico Damme hilft Männern, denen häusliche Gewalt widerfährt. Über das Thema zu sprechen, sei schwierig, sagt er und gibt Tipps, wie das Umfeld helfen kann.

Herr Damme, 20 Prozent der Menschen, denen häusliche Gewalt widerfährt, sind Männer. Dennoch ist das Thema quasi nicht erforscht, es gibt eine Studie aus dem Jahr 2004, auf die sich viele beziehen. Ist das wirklich alles?

Enrico Damme: Es gab in der Zwischenzeit schon ein paar kleinere Studien. Aber die einzig große und repräsentative Untersuchung, die es zum Thema Männer, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, gibt, ist jene aus dem Jahr 2004. Wenn wir uns also auf Zahlen beziehen, wie viele Männer betroffen sind, dann sind das die Zahlen aus der polizeilichen Kriminalstatistik. Das Bundesfamilienministerium plant allerdings für dieses Jahr zusammen mit dem Innenministerium eine Dunkelfeldstudie, die sich mit Gewalt gegen alle Geschlechter befassen soll.

 

20 Prozent sind  nicht gerade wenig und dennoch wird kaum darüber gesprochen, dass auch Männern häusliche Gewalt widerfährt. Ist das bei den Betroffenen ein Tabu?

Damme: Es gibt natürlich unterschiedliche Charaktere. Manchen Menschen fällt es leichter, über das Thema zu sprechen, anderen nicht. Aber grundsätzlich ist es schon so, dass das Thema nach wie vor mit extremen Tabus behaftet ist und mit Scham. Das liegt daran, dass es in der Gesellschaft ein bestimmtes Männerbild gibt: Männer dürfen keine Schwäche zeigen, Männer können keine Opfer von Gewalt sein. Dagegen versuchen wir vorzugehen. Zu zeigen: Es ist keine Schande, Gewalt zu erfahren, es ist aber nicht gut, sich keine Hilfe zu holen. Dabei hilft es sehr, wenn Männerschutzvereine oder auch das Hilfetelefon für Männer bekannter werden. Denn das zeigt Betroffenen: Es gibt auch andere Männer, denen es wie mir geht. Es ist normal, sich Hilfe zu holen. Sonst gäbe es die Hilfetelefone nicht. Und diese Hilfsangebote werden auch angenommen.

Eines dieser gesellschaftlichen Vorurteile ist, dass Männer Frauen körperlich überlegen sind, dass sie also gar nicht Ziel von körperlicher Gewalt werden können. Heißt das, ihnen widerfahren andere Formen von Gewalt?

Damme: Körperliche Gewalt ist meistens nur die Spitze des Eisbergs. Davor wird oft schon mit anderen Methoden Druck ausgeübt. Wenn ein Mensch ständig unter Druck steht, zählt das auch als Form von Gewalt. Sie kann ausgeübt werden, indem die Partnerin die Kontakte eines Betroffenen sehr stark einschränkt oder seinen Bewegungsradius. Ihn ständig kontrolliert. Das wären Formen von psychischer Gewalt. Es kommt auch vor, dass eine Partnerin einem Mann Geld oder Essen vorenthält. In diesen Fällen spricht man von ökonomischer Gewalt.

Was hilft Betroffenen denn, sich zu öffnen, zu erzählen, in welcher Situation sie sich befinden?

Damme: Das ist schwer allgemein zu beantworten, weil Menschen so unterschiedlich sind. Wir merken aber zum Beispiel, dass es Männern schwer fällt, von Gewalt zu sprechen. Wie es ihnen wirklich geht, erzählen sie oft in anderen Kontexten. Zum Beispiel in einem Burn-Out-Seminar. Wenn es also explizit nicht um Gewalt geht, dann kommt heraus, was dahinter steckt. Das liegt daran, dass das Thema Gewalt gegen Männer so tabuisiert ist. Die Angebote müssen auch möglichst niedrigschwellig sein, damit sie helfen. Wir haben zum Beispiel gute Erfahrungen damit gemacht, in Orten, in denen es Männerschutzwohnungen gibt, gezielt in Apps zu werben. Also gezielt Männer anzusprechen und ihnen zu sagen, wo sie sich hinwenden können. Ein weiterer wichtiger Punkt, ist, das Umfeld zu sensibilisieren. Freunde oder Arbeitskollegen. Männer gehen eher nicht in eine Beratungsstelle, sie sprechen eher mit einem Freund abends in einer Kneipe darüber, wie es ihnen wirklich geht.

Enrico Damme arbeitet für die Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz.
Foto: Frank Scheinert

Wenn das Umfeld eine wichtige Rolle spielt, worauf können Freunde, Bekannte oder Kollegen denn achten? Welche Anzeichen sollten sie aufhorchen lassen?

Damme: Manchmal gibt es natürlich sichtbare Spuren von Gewalt. Dann können sie nachfragen, was passiert ist. Wenn Menschen sich plötzlich zurückziehen, nicht mehr gut erreichbar sind, nicht mehr von zu Hause sprechen oder nach Hause einladen, dann können das auch Anzeichen dafür sein, dass etwas nicht stimmt. Wichtig ist dabei auch, dass auch andere Stellen sensibel auf das Thema reagieren. Dass etwa Polizisten und Polizistinnen in Männern nicht nur die Täter von häuslicher Gewalt sehen, sondern genau hingucken. Das Gleiche gilt für Ärzte oder Mitarbeiter im Jugendamt.

Gibt es denn in Deutschland analog zu Frauenhäusern auch Männerhäuser?

Damme: Ja, es gibt in Deutschland neun Männerschutzwohnungen. Die sind für Männer und ihre Kinder. Die älteste wurde vor 20 Jahren in Oldenburg eröffnet. Daneben gibt es zwei in Nordrhein-Westfalen, eine in Baden-Württemberg und drei in Sachsen. In Bayern gibt es eine in Augsburg und eine in Nürnberg.

 

Frauenhäuser und Frauenhausplätze gibt es deutlich mehr und dennoch reichen die Plätze oftmals nicht aus. Neun Schutzwohnungen für Männer scheinen da ziemlich wenig, ist das genug?

Damme: Unser Ziel ist es, dass in den kommenden fünf bis zehn Jahren in jedem Bundesland mindestens fünf Schutzwohnungen entstehen. Dann kann man vielleicht von einer flächendeckenden Versorgung sprechen. Das ist aber gar nicht so leicht umzusetzen, weil oftmals nicht klar ist, wer für dieses Thema zuständig ist. Die bestehenden Schutzwohnungen sind etwa zu zwei Dritteln ausgelastet. Dennoch reichen sie natürlich nicht aus. Ein betroffener Mann kann ja oftmals nicht einfach sein Umfeld verlassen, seine Kinder, seine Arbeitsstelle und wo ganz anders hingehen.

Zur Person: Enrico Damme arbeitet für die Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz in Dresden. Ihr Ziel ist es, umfassend zum Thema Gewalt gegen Männer aufzuklären, Betroffene zu beraten und ein bundesweites Netzwerk mit Männerschutzwohnungen aufzubauen.

Hier bekommen von Gewalt Betroffene Hilfe:

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06.03.2021

Ein Großteil der männlichen Opfer wird nicht zugeben von der Frau gequält zu werden. Es gibt durchaus prügelnde Frauen. Viele quälen aber auch auf psychischem Weg.

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