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Interview

01.03.2017

Gibt es die Frühjahrsmüdigkeit wirklich?

Die Winterdepression verschwindet - und weicht der Frühjahrsmüdigkeit? Na toll! Doch woher kommt, dass sich viele Menschen zu dieser Jahreszeit so schlapp fühlen?
Bild: Karl-Josef Hildenbrand dpa

Müde, schlapp, lustlos - kennen Sie diese Symptome? Vielleicht leiden Sie ja an Frühjahrsmüdigkeit, wie angeblich jeder Zweite in Deutschland. Das sagt ein Arzt zu dem Phänomen.

Herr Dr. Beck, gibt's die Frühjahrsmüdigkeit wirklich?

Markus Beck: Es gibt sie zumindest nicht als international anerkannte medizinische Diagnose. Bei einer Prüfung im Medizinstudium wird wohl nie ein Professor sagen: "Jetzt erzählen Sie mir mal was über die Frühjahrsmüdigkeit."

Trotzdem: Kennen Sie die Symptome der Frühjahrsmüdigkeit?

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Beck: Unwohlsein, Müdigkeit, Antriebschwäche, mangelnde Kondition... darüber klagen im Frühling manche Menschen.

Und woher kommt die Frühjahrsmüdigkeit?

Beck: Das Wetter hat offensichtlich Einfluss auf unser Empfinden und unseren Organismus. Es gibt ja wetterfühlige Menschen. Manche fallen zum Beispiel im November in depressive Stimmung. Aber verlässliche Studien zur Häufigkeit der Frühjahrsmüdigkeit sind mir nicht bekannt.

Dr. Markus Beck ist Allgemeinarzt in Augsburg und sagt Phänomen der Frühjahrsmüdigkeit: "Das Wetter hat offensichtlich Einfluss auf unser Empfinden."
Bild: Bayerische Landesärztekammer

Jeder Zweite soll in Deutschland unter Frühjahrsmüdigkeit leiden...

Beck: Das sagt man so. Die Menschen sehen das aber nicht als Krankheit. "Ich hab die Frühjahrsmüdigkeit, was soll ich tun?" - das hat als ernsthafte Beschwerde in meiner Sprechstunde bisher niemand gesagt. Die Frühjahrsmüdigkeit ist eher auf der sozialen Ebene ein Thema, etwa im Gespräch mit Freunden oder Kollegen.

Was macht das Frühlingswetter mit uns?

Beck: Ich vermute, dass die steigenden Temperaturen und Wetterumschwünge hinter den Symptomen stecken. Innerhalb kürzester Zeit wechseln sich Minustemperaturen und warmes und zum Teil föhniges Wetter ab. Das kann Menschen, deren Kreislauf nicht stabil ist, Probleme machen. Genauso, wenn die Temperaturen nach unten gehen.

Immer wieder werden Botenstoffe mit der Frühjahrsmüdigkeit in Verbindung gebracht. Was ist da dran?  

Beck: Im Frühjahr nimmt das Schlaf-Hormon Melatonin ab und das Wach-Hormon Serotonin zu. Ich persönlich bin von dieser Erklärung als alleinige Begründung von Frühjahrsmüdigkeit aber nicht so überzeugt. Ich glaube: Wenn es draußen heller wird, schlafen viele Menschen weniger, beziehungsweise schlechter und sind deshalb müder. Das hängt auch vom persönlichen Schlafverhalten ab. Außerdem hat bei vielen die Kondition über den Winter gelitten.

Was kann man gegen die Frühjahrsmüdigkeit tun?

Beck: Es hilft, den Kreislauf in Schwung zu bringen: Vitamine, frisches Obst und Gemüse, genügend trinken, Freunde treffen, sich bewegen und raus an die frische Luft - alles Dinge, die der Frühling ohnehin mit sich bringt. Wenn es die Gesundheit erlaubt, helfen auch Sport, Wechselduschen und Saunagänge.

Und wie lang hält so eine Frühjahrsmüdigkeit an?

Beck: Das kann dauern, bis sich die Witterung stabilisiert hat - normalerweise ist das etwa im Mai der Fall. Wetterfühligen Menschen kann das Wetter aber unabhängig von der Jahreszeit Probleme machen, zum Beispiel bei Föhn oder Kälte.

Woran erkennt man, ob mehr als eine Frühjahrsmüdigkeit dahinter steckt?

Beck: Für einen Arzt ist entscheidend: Klagt jemand, seit Wochen müde zu sein, sollte man das nicht einfach als Frühjahrsmüdigkeit abtun. Tritt eine Müdigkeit konsequent auf, verstärkt sie sich und bessert sich nicht, indem man an die frische Luft geht? Dann kann auch eine körperliche oder psychische Krankheit dahinter stecken. Dann muss man der Sache als Arzt nachgehen.

Dr. Markus Beck, 60 Jahre, ist Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbands Augsburg und hat als Allgemeinmediziner eine Praxis in Augsburg.

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Tipps gegen die Frühjahrsmüdigkeit
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