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Großbritannien
15.03.2021

Einsatz gegen Frauen: Londoner Polizei beendet Mahnwache für Sarah Everard

Demonstranten liegen am Parliament Square zu einem "die-in" auf dem Boden. Die Polizei in London ist wegen ihres Einsatzes bei einer Mahnwache für die auf ihrem Nachhauseweg entführte und getötete Sarah Everard heftig in die Kritik geraten.
Foto: Aaron Chown, dpa

Nach dem Mord an einer Frau in London gab es eine Mahnwache am Ort der Trauer, doch als die Polizei einschritt, eskalierte die Lage.

Der Musikpavillon ertrinkt fast in einem Meer aus Blumen – und es werden stündlich mehr. Auch am Montagvormittag kamen zahlreiche Menschen in den Park Clapham Common im Londoner Süden, legten einen Strauß ab, gedachten Sarah Everard, die vor knapp zwei Wochen auf dem Nachhauseweg nahe des Parks entführt und ermordet wurde. Die 33-Jährige steht seit einigen Tagen für alle Frauen, für die Belästigungen sowie das unbehagliche Gefühl, alleine im Dunkeln unterwegs zu sein, zum Alltag gehören. Manche Trauernde haben Tränen in den Augen, andere berichten von eigenen schrecklichen Erfahrungen, von Ängsten und mangelnder Unterstützung der Behörden. Zwischen den Blumen und Kerzen steht auf einem Plakat geschrieben: „Auf dem Nachhauseweg will ich mich frei fühlen, nicht mutig.“

Nach Mord an Sarah Everard in London: Polizei greift bei Mahnwache ein

An jenem Ort, wo nun bedrückende Stille herrscht, war am Samstagabend eine Mahnwache eskaliert, nachdem die Polizei unter Verweis auf die Corona-Maßnahmen Teilnehmerinnen des Protests weggezerrt, auf den Boden geworfen und gewaltsam abgeführt hatten. Das harsche Auftreten der Polizei sorgte für einen lauten Aufschrei im Land – und das nicht nur, weil ausgerechnet ein 48 Jahre alter Polizist als Tatverdächtiger im Fall Everard in Untersuchungshaft sitzt. Wut äußerten vor allem zahlreiche Frauen, die sich seit langem von Staat und Gesellschaft im Stich gelassen fühlen. Am Sonntag demonstrierten deshalb Hunderte Menschen vor dem Parlament in Westminster gegen den harschen Polizei-Einsatz am Samstag. Londons Bürgermeister Sadiq Khan bezeichnete das Vorgehen der Beamten als „inakzeptabel“, es sei „weder angemessen noch verhältnismäßig“ gewesen.

Demonstrantinnen und Demonstranten bei der Mahnwache für die getötete Sarah E. in London.
Foto: Victoria Jones/PA Wire/dpa

Im Zentrum der Kritik steht vor allem Cressida Dick, die erste Frau an der Spitze der Londoner Polizei. Schwindendes Vertrauen der Bevölkerung in die Metropolitan Police, hässliche Szenen bei einer Mahnwache für eine Frau, die mutmaßlich von einem Mann aus den eigenen Reihen getötet wurde: Die unter massiven Druck geratene Dick sah sich Rücktrittsforderungen ausgesetzt, die sie jedoch zurückwies. „Was passiert ist, macht mich nur noch entschlossener, diese Organisation anzuführen.“ Rückendeckung erhielt sie vom Premierminister. Er habe vollstes Vertrauen in die Met-Chefin, sagte Boris Johnson gestern. Er sei „sehr betroffen“ angesichts der schockierenden Bilder vom Wochenende, versprach aber, dass die Regierung sicherstellen werde, dass „unsere Straßen sicher sind“. „Der Tod von Sarah Everard muss uns in dem Entschluss vereinen, Gewalt gegen Frauen und Mädchen auszutreiben und jeden Teil des Justizsystems dafür einzusetzen, sie zu schützen und zu verteidigen.“

Nach Mord an Sarah Everard in London: Frauen betrachten Straßen als gesetzlose Orte

Genau hier erkennen Frauenrechtlerinnen jedoch das größte Problem. So wurden beispielsweise im Zeitraum 2019/2020 weniger als 2000 Vergewaltigungen strafrechtlich verfolgt – und damit nicht einmal drei Prozent der mehr als 55.000 Vergewaltigungen, die bei der Polizei gemeldet wurden. Frauen betrachteten Straßen als gesetzlose Orte, sagte Vera Baird, die Opferschutzbeauftragte für England und Wales. „Es wirkt für sie, so wird uns erzählt, dass Männer tun können, was sie wollen und sagen können, was sie wollen – und niemand ergreift Maßnahmen.“

Menschen legen in London Kerzen und Blumen für die Opfer des Feuers im Grenfell-Tower nieder. Vier Wochen nach der Brandkatastrophe mit mindestens 80 Toten haben sich einige Hundert Menschen in der Nähe des Wohnturms zu einer Mahnwache versammelt.
Foto: Jonathan Brady (dpa)

Nun haben der Fall Everard und seine Folgen das Thema Belästigung und Gewalt gegen Frauen endlich auf die politische Tagesordnung gerückt. Und auch die Rolle der Polizei wird heftig diskutiert. Innenministerin Priti Patel forderte einen umfassenden Bericht über die Ereignisse während der Mahnwache an. Aber die „erschütternden Szenen“ kommen für die konservative Regierung zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Ausgerechnet am gestrigen Montag ging ein von Patel eingebrachter Gesetzentwurf zur zweiten Lesung ins Parlament ein, der den Ordnungsbehörden mehr Möglichkeiten einräumen soll, Proteste zu beschränken. Die Vorlage sieht vor, der Polizei zusätzliche – und weitreichende – Kompetenzen zu geben.

Mahnwache nach Mord an Sarah Everard war wegen Corona untersagt worden

Die Mahnwache, zu der ursprünglich die Bewegung „Reclaim these Streets“ („Erobert euch diese Straßen zurück“) aufgerufen hatte, war von den Behörden aufgrund des Lockdowns wenige Stunden vor dem geplanten Start untersagt worden. Die Initiative nahm daraufhin ihren Appell zu der Versammlung zurück, doch das hielt viele Londoner nicht davon ab, trotzdem an den improvisierten Gedenkort zu kommen.

Gedenken: Tausende haben bei einer Mahnwache in London der Opfer des Terroranschlags gedacht.
Foto: Tim Ireland (dpa)

Bereits am Samstagmittag strömten Hunderte Menschen, darunter auch Herzogin Catherine, in den Park. Mit Anbruch der Dunkelheit eskalierten dann die Spannungen zwischen einigen Aktivistinnen und der Polizei, weil laut Behörden Abstandsregeln missachtet worden waren. Eine Sprecherin von „Reclaim these Streets“ äußerte sich „zutiefst traurig und wütend über die Szenen, die Polizisten beim Überwältigen von Frauen während einer Mahnwache gegen männliche Gewalt zeigen“.

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