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Zahl der Corona-Neuinfektionen erreicht höchsten Wert seit April
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Coronavirus

14.09.2020

Großveranstaltungen und Corona: Wie groß ist die Gefahr wirklich?

Großveranstaltungen sind in Deutschland wegen der Pandemie noch bis mindestens Ende Oktober untersagt. Geht es auch anders?
Bild: Hendrik Schmidt, dpa

Plus Viele Menschen an einem Ort, dichtes Gedränge und vielleicht auch noch schlechte Belüftung: Großveranstaltungen gelten als Infektionsherde. Zurecht?

Das DFB-Pokalspiel vom Wochenende erregt gerade die Gemüter. Hansa Rostock hat gegen VfB Stuttgart gespielt - vor 7500 Zuschauern. Und das, obwohl Großveranstaltungen in Deutschland noch bis Ende Oktober verboten sind. Normalerweise passen knapp 30.000 Menschen in das Ostsee-Stadion. Der Grund für die Aufregung: Offenbar haben sich einige Fans weder an die Abstands- noch an die Hygienevorschriften gehalten. Und nun stellt sich wieder einmal die Frage: Wie schlimm sind Großveranstaltungen eigentlich? Sind sie zurecht verboten?

Seit Beginn der Corona-Pandemie gelten Großveranstaltungen als Infektionsherde, weil sie immer wieder Ursprung für Corona-Ausbrüche waren. In Südkorea etwa hatten sich im Februar Tausende Anhänger einer Sekte mit dem Coronavirus infiziert, weil sie alle an einem Treffen in Daegu teilgenommen hatten. Der nordrhein-westfälische Kreis Heinsberg war Anfang März einer der am schwersten von der Corona-Pandemie betroffenen Kreise. Auch hier war eine Großveranstaltung der Auslöser: eine Prunksitzung in Gangelt. Im oberpfälzischen Landkreis Tirschenreuth war wohl ein Starkbierfest in Mitterteich zumindest eine Ursache dafür, dass die Infektionszahlen in die Höhe schnellten. Dort gab es sogar Ausgangssperren.

Coronavirus und Großveranstaltungen: Was ist dazu bisher bekannt?

Seither sind Großveranstaltungen in Deutschland verboten und im Verruf. Doch das Verbot wird immer wieder diskutiert, denn gerade Konzertveranstalter, Kulturschaffende und Sportler leiden darunter. Die Frage ist also: Was ist bisher bekannt zur Übertragung des Coronavirus' auf Großveranstaltungen?

Die Antwort: Recht wenig, denn der Erreger ist noch ziemlich neu. "Großveranstaltungen sind momentan verboten. Auch zu recht, weil ein gewisses Risiko von ihnen ausgeht", sagt etwa Stefan Moritz. Er leitet die klinische Infektiologie an der Uniklinik Halle und hat dort gerade die Studie Restart 19 zum Thema Corona und Großveranstaltungen durchgeführt. Denn, so sagt er: "Wir wissen noch sehr wenig, woran dieses Risiko liegt." Aber so viel ist klar: "Das Risiko sind natürlich die Kontakte der Menschen untereinander auf einer Großveranstaltung. Und wir wollen einmal schauen, wie viele Kontakte sind das eigentlich und wo finden sie statt", sagt Moritz. So soll herausgefunden werden, ob es möglich ist, das Risiko einer Ansteckung zu minimieren - und Großveranstaltungen langsam wieder zuzulassen.

Großveranstaltungen und Corona: Was fassen Konzertbesucher häufig an?

So sah es während des Auftritts von Tim Bendzko für die Studie der Uni Halle aus.
Bild: Hendrik Schmidt, dpa

Ende August hat die Uniklinik Halle deshalb zusammen mit dem Musiker Tim Bendzko ein Konzert für 4200 Zuschauern ausgerichtet - gekommen sind am Ende 1400 Menschen. Sie alle mussten einen negativen Corona-Test vorweisen und bekamen ein kleines Gerät umgehängt, das genau aufgezeichnet hat, wer mit wem in Kontakt kam und wie lange. Zudem bekamen die Studienteilnehmer flu­o­res­zie­rendes Desinfektionsmittel, um herauszufinden, was Zuschauer besonders häufig anfassen. Ergebnisse der Studie gibt es noch keine, teilt die Uniklinik Halle auf Anfrage mit.

Auch andere Universitäten haben sich mit der Frage beschäftigt, ob es richtig war, Großveranstaltungen abzusagen, um die Pandemie einzudämmen. So haben etwa Forscher der Universität Linz untersucht, wie sich das Verbot von Eishockey- und Basketballspielen in den USA auf die Zahl der Neuinfektionen ausgewirkt hat. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass eine Großveranstaltung im Innenbereich die Zahl der Neuinfizierten um 8,3 Prozent erhöht hätte. "Wir schließen daraus, dass das Verbot von Großveranstaltungen eine effektive Maßnahme ist, um die Ausbreitung der Corona-Pandemie zu verlangsamen", schreiben die Autoren.

Noch ist die Studienlage zu Verbreitung von Corona auf Großveranstaltungen dünn

Die Studienautoren David Nunan und John Brassey vom Centrum für evidenzbasierte Medizin an der Universität Oxford schreiben zu der Frage, welche Beweise es dafür gibt, wie sich Corona auf Großveranstaltungen verbreite: "Momentan stammen die Beweise, um diese Frage zu beantworten, allesamt von Einzelfällen - etwa Vorfälle auf Kreuzfahrtschiffen oder Berichte von Covid-19-Fällen in Lateinamerika, die mit dem Karneval zusammenfielen." Allerdings lassen sich nach Ansicht der Autoren berechtigte Schlussfolgerungen von anderen Infektionskrankheiten ableiten. So gebe es genug Untersuchungen dazu, dass sich etwa Atemwegserkrankungen auf Massenveranstaltungen schnell verbreiten, heißt es in dem Text der beiden Autoren.

Auch für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist das Thema Großveranstaltungen und Ansteckungsgefahr keinesfalls neu. Die WHO befasst sich seit längerem eingehend damit und berichtete etwa im Jahr 2011, dass Massenveranstaltungen immer wieder zum Ausbruch von Krankheiten beitragen.

Ansteckende Krankheiten verbreiten sich auf Großveranstaltungen schnell

So zeigte etwa eine Studie, dass 39 Prozent der Menschen, die während der Hadsch ins Krankenhaus mussten, sich mit einer Lungenentzündung angesteckt hatten. Bei den olympischen Winterspielen 2002 in Salt Lake City brach eine Atemwegserkrankung aus und während der Schweinegrippe-Pandemie 2009 waren Musikfestivals in ganz Europa Infektionsherde. Doch auch die WHO räumt ein, dass es bisher wenige Studien gibt, die sich damit beschäftigen, wie Krankheiten auf solchen Großveranstaltungen verbreitet werden.

Dennoch gab die WHO 2011 neue Regelungen dazu heraus, wie solche Großveranstaltungen besser und hygienischer ablaufen können. Für die aktuelle Corona-Pandemie wurde ein Instrument, das helfen soll Risiken für Großveranstaltungen besser einzuschätzen und abzumildern, angepasst. Dank dieses Analysewerkzeugs sei es gelungen, die olympischen Winterspiele in Vancouver und die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika 2010 auszutragen, obwohl gerade die Schweingrippe grassierte, schreiben mehrere Autoren im renommierten Medizinjournal The Lancet. Auch der Afrika-Cup konnte 2015 in Äquatorialguinea trotz der Ebola-Pandemie stattfinden - dank dieser Regelungen.

Bei Corona sei allerdings Vorsicht geboten, heißt es in dem Lancet-Artikel weiter. "Denn obwohl es inzwischen angemessene Möglichkeiten gibt, die öffentliche Gesundheit zu überwachen, und Möglichkeiten das Ansteckungsrisiko zu reduzieren, ist die Beweislage für die Übertragung von Infektionen während Großveranstaltungen immer noch dünn."

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