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25.11.2018

Häusliche Gewalt: Wie sehr leiden ältere Frauen?

Wird der Mann gewalttätig, verfallen Frauen häufig in Hilflosigkeit. Das gilt offenbar besonders für Ältere.
Bild: Maurizio Gamb, dpa (Symbolbild)

Häusliche Gewalt macht vielen Frauen das Leben schwer. Trotzdem schweigen Ältere oft. Aber warum?

Es erscheint wie eine ausweglose Situation: Die Ehe dauert schon Jahrzehnte, die Drohungen und die Ohrfeigen des Mannes werden immer schlimmer, aber die Möglichkeiten, ihnen zu entkommen, scheinen begrenzt. Erfahren Frauen Gewalt in der Partnerschaft, ist das eine belastende Situation - offenbar besonders für Ältere.

Statistisch sind nur wenige Fälle verzeichnet. Aber die Dunkelziffer sei sehr viel höher, betont Birgit Gaile, Leiterin des Augsburger Frauenhauses: "Im Alter spitzt sich die Gewalt oft zu, wenn Männer in die Rente kommen und mehr Zeit zuhause verbringen oder weil Krankheiten die Persönlichkeit verändern." Aber warum suchen ältere Frauen so selten Hilfe auf?

"In diesem Alter sind Scham und die Angst vor der Einsamkeit groß", sagt sie. Das Frauenhaus Augsburg habe im vergangenen Jahr vier ältere Frauen aufgenommen. Ihnen habe insbesondere psychische Gewalt zu schaffen gemacht. "Da geht es um massive Kontrolle, sie dürfen zum Beispiel das Haus nicht verlassen. Ihre Ehemänner üben großen Druck auf sie aus", sagt Gaile. Auch die Finanzen regle meistens der Mann. Beides sei bei dieser Generation ausgeprägter als bei nachfolgenden. Die Folge: Isolation vor der Außenwelt.

Ältere Frauen halten an den Prinzipien der Ehe fest

Je länger sich die Angestellten mit den Frauen unterhalten, desto häufiger öffnen sie sich und reden auch über sexuelle Bedrohung oder sogar Übergriffe, erzählt Gaile. Doch Hilfe suchen sie sich erst spät - oder gar nicht. "Sie meinen, sie müssten das in der Ehe aushalten, schließlich haben sie lebenslange Treue geschworen. Das macht das Lösen vom Partner schwierig", erläutert die Leiterin des Frauenhauses. Ein weiteres Hindernis könnte sein, dass sich die Frauen im Frauenhaus meistens ein Zimmer mit anderen, oft Jüngeren teilen müssen. "Damit tun sich die Älteren schwer, sie wollen ihre Privatsphäre", sagt Gaile. Erst seit Kurzem habe das Augsburger Frauenhaus eine Apartmentstruktur, das könne die Hemmschwelle senken.

 

Ähnliche Hindernisse sieht auch Susanne Oswald, stellvertretende Leiterin des Frauenhauses Kaufbeuren-Ostallgäu: "Diese Frauen stecken schon so lange in der Gewaltspirale, dass es schwer ist, einen neuen Schritt zu wagen und die Kraft für einen Neustart zu finden." Die Einrichtung in Kaufbeuren suchen jährlich zwei bis drei Frauen über 60 wegen häuslicher Gewalt auf, meistens seien sie Deutsche, sagt Oswald: "Aber sie bleiben maximal eine Woche, erholen sich und gehen wieder zurück."

Die Kinder seien ein Faktor, der sie am Bleiben hindert. Viele Töchter und Söhne haben offenbar kein Verständnis für eine Trennung der Eltern, sagt die Frauenhausleitung. Ein Grund dafür ist der finanzielle Druck. In dieser Generation seien Frauen noch häufig Zuhause geblieben und haben sich um Kinder und Haushalt gekümmert, erläutert Oswald: "Die Frauen haben eine winzige Rente und sind finanziell abhängig, alleine schaffen sie es einfach nicht."

Finanzielle Versorgung hilft Frauen, sich von ihren Männern zu lösen

Um die Frauen von dieser Abhängigkeit zu lösen, bieten die Frauenhäuser auch finanzielle Beratung an. "Wir kümmern uns darum, dass ihre Versorgung sichergestellt ist, indem die Frauen zum Beispiel ein eigenes Konto bekommen", sagt Oswald. Darüber hinaus sei es wichtig, ihnen die Schuldgefühle zu nehmen und Perspektiven zu bieten. Wer bleibt, bekomme je nach Bedarf eine Therapie und eine Wohnung vermittelt, fügt Gaile an.

Dass Frauen Hilfe suchen, habe mit den Begleitumständen zu tun. Es komme zum Beispiel vor, dass die Polizei Frauen ins Frauenhaus gebracht hat, wenn sie bei häuslicher Gewalt eingeschritten sind. Speziell für solche Fälle gibt es in jedem bayerischen Polizeipräsidium eine Beauftragte der Polizei  - meistens eine Frau - für Kriminalitätsopfer. Denn die meisten Opfer sind laut Pressestelle des Polizeipräsidiums Schwaben Nord Frauen, dadurch sei der Zugang leichter. Ihre Aufgabe ist, Opfer von körperlicher oder seelischer Gewalt sowie Stalking und sexuellen Straftaten zu beraten, zu unterstützen und ihnen Hilfe zu vermitteln, teilt Peter Grießer, Polizeisprecher im Präsidium Oberbayern Nord, mit. An sie können sich Frauen auch wenden, aber: "Sie sind dem Legalitätsprinzip, also zur Strafverfolgung, verpflichtet."

 

Anders ist das bei Hilfeeinrichtungen und Beratungsstellen wie dem Weißen Ring oder eben den Frauenhäusern. Das Bayerische Familienministerium  empfiehlt den Frauennotruf in München mit seiner wöchentlichen Ressourcengruppe für Frauen ab 60. "Das Angebot muss besonders niedrigschwellig und gut vernetzt sein, damit es die älteren Frauen erreicht und sie es annehmen können", teilt Pressesprecherin Heike Baumann mit. Gaile appelliert an Betroffene, den Mut aufzubringen, mit diesen Einrichtungen Kontakt aufzunehmen. Und sie rät Betroffenen, sich dafür Unterstützung aus dem familiären Umfeld zu suchen: "Die Frauen verdienen eine gewaltfreie Zukunft, sie haben ja noch einige schöne Jahre vor sich."

Die Zahlen zu häuslicher Gewalt finden Sie hier.

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