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25.08.2020

Heinsberg: Ein halbes Jahr nach dem Corona-Schicksalstag

Beschaulich, hübsch und zwischenzeitlich gefährlich: In der Region Heinsberg breitete sich das Virus rasend schnell aus.
Bild: Jonas Güttler, dpa

Jeder kennt jetzt Heinsberg: Der Landkreis war der erste Virus-Hotspot hierzulande. So geht es den Leuten dort heute.

Ist das die Halle? Wilfried Gossen atmet ein und sagt: „Das ist die Halle.“ Hinten eine Theke, vorne eine Bühne mit roten Vorhängen – Typ gepflegtes Dorfgemeinschaftshaus. Es erschließt sich nicht auf den ersten Blick, warum man sich auf quasi historischem Boden befindet. In einem kleinen Dorf, das mal als „Coronas Ground Zero“ beschrieben wurde. Auch für Gossen, Präsident des Karnevalvereins „Langbröker Dicke Flaa“ erscheint die ganze Sache immer noch unwirklich, wie er sagt: „Dass ausgerechnet hier der erste Hotspot in ganz Deutschland war …“

In der Halle im Ort Langbroich-Harzelt, der zur Gemeinde Gangelt gehört, hatte der Verein im Februar Karneval gefeiert, rund 300 Gäste waren da. Eine gute Woche später, am 25. Februar, wird dann die erste Corona-Infektion in Nordrhein-Westfalen bestätigt. Bis heute ist nicht klar, wo und wie sich der Mann ansteckte. Was aber schnell klar ist: Er hatte mitgefeiert in Langbroich-Harzelt. Und viele andere Gäste der Sitzung werden danach ebenfalls positiv getestet. Der Kreis Heinsberg, in dem Gangelt liegt, wird zum Corona-Hotspot und steht für einen historischen Wendepunkt: Die Pandemie hat endgültig Deutschland erreicht.

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Nach Corona-Ausbruch: Wie geht es den Menschen im Kreis Heinsberg heute?

Wie ist es den Bewohnern seither ergangen? Fernsehteams überrannten damals den Ort, es herrschte Quarantäne und die Schulen schlossen. „Niemand konnte das Virus einschätzen, man hörte aber schon über diverse WhatsApp-Gruppen, wer ins Krankenhaus gekommen ist, wer infiziert ist“, sagt Stefan Keulen, einer der zwei Sitzungspräsidenten des Karnevalsvereins. Alle hätten Angst gehabt, sich angesteckt zu haben – und für nicht wenige traf es zu. Keulen erlebte als einer der Ersten, was Homeschooling bedeutet: 18 Wochen lang seien seine Kinder nicht in der Schule oder in der Kita gewesen. Dass es damals ausgerechnet die kleine Sitzung traf, war Zufall. Vorwürfe musste sich niemand machen, denn es wurde ja damals noch überall Karneval gefeiert. Keulen gerät dennoch ein wenig ins Grübeln, wenn man ihn darauf anspricht. „Es war schon da, aber keiner wusste es. Und alle haben ganz normal weitergemacht“, sagt er.

Ein paar Kilometer weiter sitzt Landrat Stephan Pusch (CDU) in seinem Büro. „Ich glaube, dass die Heinsberger auch heute noch ein bisschen problembewusster sind für das Thema Coronavirus als Menschen aus Ecken, in denen es nie so schlimm eingeschlagen ist“, sagt er. Vielen sei jemand bekannt, der gestorben ist oder beatmet wurde. Viele hätten Bekannte mit Spätfolgen. Rund 15 Prozent der Bevölkerung wurden positiv getestet.

Stephan Pusch war kurz der wohl bekannteste Landrat Deutschlands

Pusch ist mit seiner anpackenden Art zum bekanntesten Landrat des Landes aufgestiegen. „Papa Pusch“ – das sind so Titel, die ihm verliehen wurden. Gerade war er im Urlaub, woran er im Februar überhaupt nicht hätte denken können. Pusch gibt offen zu, sich vor diesem Tag im Februar nicht wirklich mit Corona beschäftigt zu haben. Ein explodiertes Atomkraftwerk, ein großer Stromausfall – das waren Dinge, die man mal als Szenario erprobt hatte. Aber eine Pandemie?

Er hat in kurzer Zeit sehr viel dazugelernt. Mit der momentanen politischen Diskussion ist Pusch wenig zufrieden. Aus seiner Sicht wird viel zu viel über steigende Fallzahlen gesprochen und zu wenig darüber, dass sich das glücklicherweise noch nicht auf den Intensivstationen widerspiegelt. Er erinnert sich noch gut an die Zeit, als unklar war, ob das Gesundheitssystem Corona standhält. „Ich plädiere dafür, den Leuten einfach zu sagen, wie es ist: Wir müssen noch eine Zeit lang mit dem Mist klarkommen – ob wir es nun ,zweite Welle‘ nennen oder nicht.“ (dpa)

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