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Interview

10.07.2020

Herr Bischof, was tun Sie gegen Priestermangel?

Bertram Meier: "Berufungen lassen sich nicht machen, aber glaubwürdige Vorbilder und Berufungskümmerer in den Gemeinden können helfen, dass sich junge Menschen für diesen Beruf wieder mehr interessieren."
Bild: Silvio Wyszengrad

Exklusiv Seit Jahrzehnten sinkt die Zahl der Priesterweihen in der katholischen Kirche. Was der Augsburger Bischof Bertram Meier dagegen tun will.

Herr Bischof, 2019 ist die Zahl der Priester-Neuweihen bundesweit auf 55 gesunken – der niedrigste Wert seit 1962.   Nach Recherchen unserer Redaktion wird die Zahl der neugeweihten sogenannten Weltpriester im Jahr 2020 bei 57 liegen. Auch wegen der Corona-Krise?

Bischof Bertram Meier: Dass sich Corona negativ auf die Zahl der Priesterkandidaten auswirkt, halte ich für eine These, für die es keine Beweise gibt. Corona ist für Menschen auch zur Chance geworden, Glaube, Kirche und Gottesdienst neu zu entdecken. Als ein Beispiel unter vielen anderen erinnere ich an die Hauskirchen, die vorher oft nur ein müdes Lächeln hervorgerufen haben, jetzt aber wieder salonfähig wurden. Corona ist durchaus eine Gelegenheit, im Glauben wesentlicher zu werden. Vielleicht kommen auch wieder mehr junge Menschen zum Nachdenken darüber, was wirklich zählt im Leben. Übrigens freue ich mich sehr, dass alle vier Propädeutiker aus Passau im Herbst nach Augsburg zurückkehren, um bei uns ins Priesterseminar einzutreten.

Das Propädeutikum ist die Einführungsphase vor dem Studium…

Meier: Und auch für das neue Studienjahr haben sich schon einige Interessenten mit dem Ziel angemeldet, den Weg zum Priestertum einzuschlagen. Mal schauen, was daraus wird!

Wie lässt sich – gerade auch im Bistum Augsburg – die Zahl der Neuweihen wieder steigern?

Meier: Berufungen lassen sich nicht machen, aber glaubwürdige Vorbilder und Berufungskümmerer in den Gemeinden können helfen, dass sich junge Menschen für diesen Beruf wieder mehr interessieren. Wir müssen den Mut haben, unaufdringlich und doch gezielt junge Menschen anzusprechen.

Wäre ein Jahr ohne Priester-Neuweihe im Bistum Augsburg eine Horrorvorstellung für Sie?

Meier: Natürlich wäre ich als Bischof darüber sehr enttäuscht. Aber ich sähe auch darin keine Katastrophe. Denn es gab in der Kirchengeschichte immer schon Phasen, in denen die Kirche angezählt wurde. Doch Totgesagte leben am längsten.

An welche Phasen denken Sie?

Meier: Ich denke dabei an das 19. Jahrhundert – auch bei uns in Bayern nach der Säkularisation. Aber es blieb nicht bei der Krise. Bereits in den 20er-Jahren des 19. Jahrhunderts setzte eine religiöse Erneuerung ein, die der Kirche in Bayern und weit darüber hinaus neue spirituelle und pastorale Akzente gab. Ein großer Protagonist dieser Kirchenreform war Johann Michael Sailer, der bayerische Kirchenvater. Auch in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts gab es zahlenmäßig kleine Weihejahrgänge. Und noch lebt die Kirche.

Der Priestermangel ist gleichwohl ein Problem.

Meier: Was für mich mindestens so wichtig ist wie der Priestermangel, ist der Gläubigenmangel. Auch vor Corona mussten die wenigsten Gotteshäuser wegen Überfüllung geschlossen werden. Priester- und Gläubigenmangel sind zwei Seiten einer Medaille. Es geht um die Frage: Wie können wir die Kirche(n) nicht nur strukturell effizient organisieren, sondern geistlich mit Tiefgang erneuern, dass sie für die Menschen lebensrelevant sind?

Bischof Bertram Meier bei seiner Bischofsweihe.
Bild: Silvio Wyszengrad

Im Jahr 2019 wurden drei Weltpriester im Bistum Augsburg neugeweiht, 2020 sind es ebenfalls drei. Welche Auswirkungen hat die recht überschaubare Zahl der Neuweihen für das Bistum Augsburg?

Meier: Zunächst die gute Nachricht: Nach derzeitigen Prognosen können wir im Bistum Augsburg mit Ruhe und Gelassenheit unsere Raumplanung 2025 halten und konsequent umsetzen.

Dabei geht es um die Neustrukturierung des Bistums, unter anderem um die Zusammenführung von Pfarreien zu Pfarreiengemeinschaften.

Meier: Ja. Die schlechte Nachricht: Die Ansprüche an die Seelsorger und die Belastungsfähigkeit der Priester machen mir Sorge.

Warum?

Meier: Die Priester sollen ja in erster Linie Seelsorger sein und weniger Verwalter und Gemeindemanager. Es wird darauf ankommen, dass sich noch mehr Frauen und Männer aus dem Volk Gottes – sogenannte Laien – hauptberuflich und ehrenamtlich einbringen, um die Priester zu unterstützen, das heißt sie freizusetzen für das, was sie tatsächlich studiert haben und wofür sie ausgebildet sind: Theologie und Seelsorge. Viele Pfarrer sind eigentlich fachfremd unterwegs, weil sie mit so Vielerlei beschäftigt sind. Letztlich geht es darum, ernst zu machen mit dem, was wir gern vollmundig „kooperative Pastoral“ nennen. Da ist noch Luft nach oben. Die einzelnen Ämter, Dienste und Aufgabenfelder müssen sich noch mehr vernetzen. Falsche Konkurrenzen helfen nicht weiter, sondern schwächen das Anliegen der Evangelisierung.

Angesichts von meist deutlich unter zehn Weihen im Bistum Augsburg in den vergangenen Jahren und mit Blick auf die aktuelle Debatte um eine Neuorganisation der Priesterausbildung: Halten Sie dennoch weiter an Ihrem Priesterseminar fest oder wären Sie unter bestimmten Umständen offen für eine Zusammenlegung?

Meier: Manchmal ist ein Blick in die Geschichte hilfreich. Augsburg hat das älteste und zugleich jüngste Priesterseminar in Deutschland: Dillingen und Augsburg. Schon bevor es Priesterseminare gab, existierten Formen der Priesterausbildung, die sich durch Vielfalt auszeichneten. Mir schwebt für die Zukunft auch für die Priesterausbildung ein duales System vor. Die theoretische und praktische Ausbildung könnten noch mehr verzahnt werden. Auch gemeinsame Module mit anderen pastoralen Berufungsgruppen, den zukünftigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Pfarrer – dazu gehören auch die Diakone – könnten noch ausgebaut werden. Kurz: Theorie und Praxis müssen ineinander gehen. Dafür dienen Zeiten im Priesterseminar und auch Phasen in Pfarrhäusern, um das wirkliche Leben kennenzulernen. Als Bischof von Augsburg ist es mir ein Herzensanliegen, die Priesterausbildung für den Klerus in unserer Diözese möglichst passgenau zu gestalten.

Wie genau?

Meier: Es geht mir um die drei „G“: gemeinsam, ganzheitlich, geistlich. Das sind für mich die drei Säulen, auf denen die Formung unserer Priesterkandidaten ruht. Ob und wie hier Kooperationen im Bistum und interdiözesan realisiert werden können, ist Zukunftsmusik. Jedenfalls möchte ich als Bischof selbst zusammen mit den Verantwortlichen im Bistum für das Profil des Augsburger Klerus wesentlich Mitsorge tragen.

Könnten Sie sich Augsburg als möglichen Standort für die Ausbildung im Pastoralkurs vorstellen? Es gibt ja den Vorschlag einer Arbeitsgruppe der Deutschen Bischofskonferenz: Demzufolge ist neben Paderborn in Kooperation mit Erfurt und Rottenburg-Stuttgart ein noch durch die Freisinger Bischofskonferenz für Bayern festzulegender Standort vorgesehen.

Meier: Diese Frage ist verfrüht, weil über Standorte der Priesterausbildung in der Bischofskonferenz weder diskutiert noch entschieden wurde.

Zur Person: Bertram Meier wurde 1960 in Buchloe geboren und 1985 in Rom zum Priester geweiht. Im Januar 2020 wurde er von Papst Franziskus zum neuen Bischof von Augsburg ernannt. Seine Bischofsweihe musste wegen der Corona-Pandemie verschoben werden und folgte erst am 6. Juni im Augsburger Dom.

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