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Interview

25.11.2019

Hirnforscher Gerhard Roth: "Raser suchen nach einem Kick"

Besonders junge Fahrer suchen bei illegalen Autorennen immer wieder den Temporausch - und verletzen dabei oft genug Unbeteiligte oder sich selbst.
Foto: Federico Gambarini, dpa (Symbolfoto)

Plus Illegale Autorennen sorgen immer wieder für tödliche Unfälle. Der Hirnforscher Professor Gerhard Roth erklärt, warum besonders junge Männer zu Rasern werden.

Herr Roth, Raser, die wie in Stuttgart oder Berlin den Tod von anderen Verkehrsteilnehmern billigend in Kauf nehmen, werden oft als "hirnlos" bezeichnet – so auch von einer Stuttgarter Richterin. Aber im Schädel haben diese Männer doch nicht plötzlich einen Hohlraum. Sehen Sie das auch so?

Prof. Gerhard Roth: "Hirnlos" ist zu einem Modewort geworden. Das Rasen hat sogar sehr viel mit dem Gehirn zu tun, denn es steuert unser Verhalten. Bestimmte Faktoren, die im Gehirn vorliegen, können erklären, warum ein junger Mensch zum Raser wird.

Weil ein Gehirn-Areal das Kommando übernommen hat und irrationales Handeln die Vernunft unterdrückt?

Roth: Es gibt in der Tat ein Hirnareal, in dem Intelligenz und Verstand sitzen. Wir nennen es das obere Stirn-Hirn, der dorsolaterale präfrontale Cortex. Weiter unten hat das untere Stirn-Hirn, der orbitofrontale Cortex, mit der Vernunft zu tun. Hier wird etwa kritisch nachgefragt: Ist das Handeln sozial erwünscht, ist es mit den Gesetzen und Regeln vereinbar? Kurzum: Intelligenz und Verstand allein bewirken gar nichts. Es muss das Bewusstsein dazukommen, ob etwas gut oder böse ist, gut oder schlecht ausgehen kann.

Das heißt, der Verstand allein würde zulassen, dass ich rase?

Roth: Ja, durchaus. Aber Ihr unteres Stirn-Hirn würde wohl raten: Moment! Es drohen Risiken, bedenke die möglichen Folgen! Da spielen die eigene Erfahrung hinein und auch die sozialen Rahmenbedingungen.

Aber diese Reaktion scheint beim Raser gebremst oder blockiert.

Roth: Weil beide Areale von einer Hirnregion beeinflusst werden, in der unsere unmittelbaren Antriebe sitzen. Das sind außerhalb der Hirnrinde, dem Cortex, angesiedelte Zentren des limbischen Systems. Hier wird im Gegensatz zum Cortex erst einmal unbewusst vorgearbeitet. Da wird signalisiert: Das wäre jetzt schön! Genau das musst du jetzt machen!

Da hast du jetzt Lust drauf?

Roth: Genau. Hier kommen der Spaß an der Sache ins Spiel und die unmittelbare Motivation. Das wird – und sei es auch ein irrsinniger Wunsch nach Rasen – an das obere und untere Stirn-Hirn weitergeleitet. Der Verstand reagiert offen und meldet: Ja, dann musst du dir nur eine flotte Karre besorgen und gehst zum Autoverleiher. Das untere Stirn-Hirn aber mahnt: Vorsicht, das ist gefährlich, das kann schiefgehen oder ist kriminell. Darauf kommt es an. Ein Mensch kann hoch intelligent sein, aber wenn das untere Stirn-Hirn ihn nicht warnt, setzt er sein Vorhaben um.

Gibt es ein Raser-Gen?

Roth: Nein, das gibt es nicht, sondern nur Gene, die eine gewisse Veranlagung bestimmen. Aber es gibt frühkindliche und familiäre Einflüsse, etwa in dem Sinn: Mein Vater und mein Bruder sind Raser, und die haben Spaß. Also lerne ich: Ich werde auch Raser. Das ist häufig so. Oder: Alle meine Kumpels rasen, also rase ich auch. Das ist ein wichtiger Faktor, der Nachahmungsfaktor. Der zweite Faktor ist ein bestimmtes Bedürfnis nach einem Kick, etwa weil ich nicht genug Spaß im sonstigen Leben bekomme, weil ich das, was ich sonst erlebe, als langweilig empfinde. Daher brauche ich den ultimativen Kick. Manche machen dann Bungee-Jumping oder andere gefährliche Dinge. Oder sie rasen eben. Das nennt man Aufregungs-Sucher. Ein typisches psychopathologisches Bild.

Bei jungen Männern, die an Langeweile und Alltagsroutine leiden?

Roth: Ja, genau. Sie wollen etwas Aufregendes haben. Das kann auch ohne Vorbild sein, aber tritt meist in Kombination auf. Der dritte Faktor – vor allem bei jugendlichen und jüngeren Männern, denn bei Frauen gibt es das nur sehr selten – ist ein Minderwertigkeitsgefühl. Das wird kompensiert durch Rasen oder Poser-Fahrten durch die Innenstadt. Und schließlich, das gehört auch dazu, ist so ein Verhalten immer vom kulturellen Hintergrund abhängig. In machen Kulturen ist es eben so: Ein junger Mann muss sich und anderen beweisen, dass er ein ganzer Kerl ist. Das wäre der vierte Faktor.

Wie wahrscheinlich ist es, dass ein junger Mann zum Raser wird?

Roth: Rund 80 Prozent der jungen Männer entwickeln in der Pubertät einen Drang in diese Richtung. Aber in den meisten Fällen wird er zum Glück durch die Erziehung und die Kultur gezügelt. Die Warnung "Tu das nicht!" ist somit bei uns zwar durch unsere Erziehung verankert, aber mit dem Auto schnell zu fahren ist durchaus ein natürlicher Trieb, der bis weit ins Erwachsenenalter anhält.

Aber wie kommt es, dass ein Raser trotz Gefahren stur weiterrast? Ist es das ausgeschüttete Dopamin, das ihn in einen Rausch versetzt?

Roth: Das Dopamin erzeugt selbst keinen Rausch. Es erzeugt nur den Befehl: Tu das und das, und dann wirst du einen Rausch kriegen. Aber der Rausch selbst wird durch die hirneigenen Drogen, die wir endogene Opioide nennen, hervorgerufen. Diese Drogen sind chemisch mit den künstlichen Drogen mehr oder weniger identisch und sorgen normalerweise für schöne Gefühle, etwa wenn uns eine Landschaft, eine Speise oder eine Person gefällt.

Und dann läuft etwas aus dem Ruder?

Roth: Ja, bei hohen Geschwindigkeiten, die der Raser nicht fürchtet, sondern als positiv empfindet, werden die hirneigenen Drogen in großer Menge ausgeschüttet.

Zur Person: Gerhard Roth (77) war Professor an der Universität Bremen und von 2003 bis 2011 Präsident der Studienstiftung des deutschen Volkes.

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