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17.01.2019

Interview mit Reinhold Messner: "Der Everest ist nicht mehr mein Berg"

Der Extrembergsteiger Reinhold Messner ist eine lebende Legende. Und auch mit 74 Jahren noch oft in den Bergen, zuletzt in Nepal.
Bild: Frank Rumpenhorst, dpa

Reinhold Messner erreichte einst als erster den Gipfel des Achttausenders ohne Flaschensauerstoff. Wenn er heute über den Berg spricht, klingt er enttäuscht.

Herr Messner, wann waren Sie zuletzt in den Bergen unterwegs?

Reinhold Messner: Vor zwei Tagen. Ich war am Pokalde in Nepal. Ich bin erst gestern Nacht zurückgekommen.

Ist das in der Nähe des Mount Everest?

Messner: Ja, ist es. Ich habe den Mount Everest auch gesehen. Ich war sogar oben, knapp unter dem Berg.

Und was ist das für ein Gefühl, wenn Sie den Berg wiedersehen, den sie 1978 zusammen mit Peter Habeler ohne zusätzlichen Sauerstoff bestiegen haben?

Messner: Es ist nicht so, dass ich vor diesem Berg stehe und denke: „Oh mein Gott! Was hast du damals geschafft!“ Der Mount Everest ist einfach immer noch ein riesiger Klotz. Der Berg ist nicht der schönste Berg der Welt – auch wenn er der höchste ist. Es gibt viel schönere und elegantere Berge, die mich heute vielleicht eher herausfordern würden. Ich habe schon lange eingesehen, dass der Everest nicht mehr mein Berg ist.

Was meinen Sie damit?

Messner: Der Everest ist mittlerweile so von Tourismus eingenommen. Ich habe nichts dagegen, aber es ist nicht nach meinem Geschmack.

Der Everest ist der meistbestiegene der 14 Achttausender in der Welt. Er ist an die 5000 Mal bestiegen worden.

Messner: Es sind bereits mehr. Der Berg wurde fast 6000 oder 7000 Mal bestiegen. Aber es ist auch kein Wunder, dass es mittlerweile so viele sind.

Warum das?

Messner: Der Mount Everest wird alle Jahre präpariert. Es werden Pisten gebaut, auf denen die Touristen hinaufgebracht werden. Das ist ihr gutes Recht. Es gibt inzwischen Sherpas, die sich bemühen, die Preise so human zu halten, dass es auch mit einem bescheidenen Einkommen möglich ist, auf den Everest zu steigen. Aber die Zeiten, in denen man das alles selber machte, sind vorbei. Früher kam man da hin und es gab nichts dort. Es gab nur ein paar helfende Sherpas, die aber nicht vorausstiegen. Dafür mussten wir selbst an der Logistik arbeiten. Man wurde mit dem schlechten Wetter vom Berg heruntergeblasen. Man hat gezweifelt: Geht das? Ist das nicht zu riskant? Und am Ende ist es dann vielleicht doch gelungen. Aber es gab keine Kommunikation nach außen.

Das ist heute anders.

Messner: Heute steigen die Leute da hoch, fotografieren oder filmen unentwegt und schauen dann nur auf ihr Handy, wie viele Likes sie kriegen. Es geht nicht mehr um das Erlebnis, da oben zu stehen oder wieder herunter zu steigen. Es ist die Zahl der Likes, die ihnen die Freude gibt. Da frage ich mich, in welcher Zeit wir leben.

Ist Ihnen der Gedanke mal gekommen, dass Sie mit Ihren Rekorden den Massentourismus am Mount Everest auch angestoßen haben könnten?

Messner: Ich glaube, es ist umgekehrt. Dieser Massentourismus wäre auch ohne uns gekommen. Die meisten Leute steigen nicht so rauf wie Peter Habeler und ich. Vor allem steigt niemand mehr in Eigenregie hinauf. Und ich habe nur vorgelebt, dass man das auch mit einem Minimum machen kann. Ich bin ja später nochmals alleine auf den Everest gegangen. Es ist vom Berg geduldet, wenn wir reduziert, mit wenigen Hilfen, mit keiner Vorbereitung von anderen und keiner Piste hinaufgehen. Aber man ist natürlich viel einfacher am Gipfel, wenn man von Fremden, in diesem Fall von Sherpas, vorbereitete Pisten benutzt.

Wie werden diese Pisten geschaffen?

Messner: Sie müssen sich das so vorstellen: Im Frühling gehen 200 Sherpas als Straßenarbeiter zum Mount Everest und bauen eine Piste vom Basislager bis zum Gipfel. Das kostet Millionen. Und diese Summe wird dann auf die einzelnen Klienten, die ja später kommen, verteilt. Und am Ende der Expedition zerfällt diese Piste wieder und im folgenden Jahr wird sie wieder aufgebaut. Eigentlich ist es die Hybris schlechthin. Es ist ein Beweis dafür, dass der Mensch am Berg lebt, wie er heute lebt. Er ist ein reiner Konsument. Er konsumiert, was er konsumieren kann, und lässt es sich mundgerecht vorbereiten.

Der Everest wird auch als der größte Müllberg der Welt bezeichnet.

Messner: Das hat sein Erstbesteiger Sir Edmund Hillary gesagt. Er hat den Everest als den höchsten Müllberg der Erde bezeichnet. Und das ist natürlich eine gute Aussage. Der Müll reicht zum Teil bis zum Gipfel.

Ich kann am Gipfel zum Beispiel eine Cola-Dose finden?

Messner: Also, es ist besser geworden. Das muss man wirklich sagen. Ich komme ja gerade aus Nepal und war in Kathmandu. Die Stadt ist viel sauberer als früher. Ich habe das früher öffentlich kritisiert, dass Kathmandu so stickig und dreckig sei. Es ist sauberer geworden. Und die Regierung hat jetzt Regeln ausgearbeitet, dass eigentlich jede Expedition ihren Müll vom Berg runternehmen oder sonst eine Strafe zahlen muss.

Zum Schluss möchte ich Ihnen noch einen Witz erzählen: Zwei Yetis treffen sich im Himalaja. Da sagt der eine Schneemensch zu dem anderen: „Du, ich habe gerade Reinhold Messner gesehen.“ Antwortet der andere Yeti: „Was, den gibt es wirklich?!“ Können Sie über diesen Witz lachen?

Messner: Der Witz ist gut. Aber eigentlich ist er nicht zum Lachen. Der Witz erzählt die Tatsachen im Hintergrund. Wer über diesen Witz nachdenkt, versteht auch, was ich zum Yeti zu sagen habe.

Und das wäre?

Messner: Die Yeti-Geschichte basiert auf einer Legende, überliefert aus Tibet aus Jahrtausenden. Sie kam vor hundert Jahren nach Europa. Der Yeti ist eine reine Sagenfigur. Die Legende hat aber eine zoologische Entsprechung. Das heißt: Die Legendenfigur ist keine Kopfgeburt, sondern sie ist aus der Natur genommen. Die zoologische Entsprechung ist ein ganz spezieller Bär. Da gibt es keinen Zweifel mehr. Und dieser Bär kam nur an der Nordseite des Himalajas vor. Dann und wann sind diese Bären auch über die Pässe gewandert, wenn sie zum Beispiel auf Weibchensuche waren. Und dabei sind ab und zu Fußspuren fotografiert worden. Ich bin der Frage zehn Jahre nachgegangen und heute folgen mir 99,9 Prozent der Wissenschaftler: Das ist kein Schneemensch oder Neandertaler, sondern ein Bär, der diese Fantasiegeschichte ausgelöst hat. Interview: Kerstin Steinert

Reinhold Messner ist 74 Jahre alt und einer der bekanntesten Extrembergsteiger der Welt. Er stand als Erster auf allen 14 Achttausendern – jeweils ohne Flaschensauerstoff. Bei einer gemeinsamen Besteigung des Nanga Parbat im Himalaja verunglückte sein Bruder Günther 1970 tödlich. Der Südtiroler Messner ist gerade mit seinem Vortrag „Weltberge – Die 4. Dimension“ bundesweit unterwegs: Am 22. Januar kommt er nach Kempten, am 15. März nach München. Das Interview wurde Anfang Januar geführt.

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