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Knochenfund im Vatikan

08.11.2018

Ist einer der mysteriösesten Kriminalfälle Italiens bald gelöst?

Das Schicksal des verschwundenen Mädchens bewegt viele Menschen – wie diese, die 2012 beim „Marsch für Wahrheit und Gerechtigkeit für Emanuela“ auf dem Petersplatz demonstrierten.
Bild: Andrew Medichini/AP, dpa

Bauarbeiter finden in einer Vatikan-Villa in Rom menschliche Überreste. Das weckt Erinnerungen an einen mysteriösen Kriminalfall. Was ein Kardinal dazu sagt.

35 Jahre sind vergangen, seit Emanuela Orlandi in Rom spurlos verschwand. Die damals 15-Jährige wurde noch gesehen, als sie am Nachmittag des 22. Juni 1983 eine Musikschule in der Innenstadt verließ. Seither ist das Mädchen, das heute eine 50 Jahre alte Frau wäre, wie vom Erdboden verschluckt.

Orlandi war Tochter eines Vatikanangestellten und wuchs im Kirchenstaat auf. Für ihre Familie, die nach wie vor nur wilde Gerüchte über ihren Verbleib kennt, ist es ein anhaltendes Martyrium. „Wir haben Recht auf Wahrheit und Gerechtigkeit und werden nie aufgeben“, sagte Emanuelas Bruder, Pietro Orlandi, vergangenen Sommer.

Die Spekulationen um Emanuela Orlandi treiben dieser Tage wieder die seltsamsten Blüten – seitdem in der vergangenen Woche Bauarbeiter Knochenreste auf dem Gelände der Apostolischen Nuntiatur in Rom gefunden haben. Zur Pflege der Beziehungen mit anderen Staaten unterhält der Vatikanstaat Botschaften in der ganzen Welt. Die Vatikanbotschaft bei der Republik Italien liegt in einem römischen Nobelviertel, das Areal ist allerdings „extraterritorial“ und gehört zum Vatikan. Schnell lag da der Verdacht nahe, die menschlichen Überreste unter dem Pförtnerhaus könnten zu einer Leiche gehören, die fernab aller Aufmerksamkeit bestattet werden sollte: Emanuela Orlandi.

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Auf dem Gelände der Vatikanbotschaft in Rom wurden die Knochen gefunden.
Bild: A. Pizzoli, afp

Die Gerüchte über den Verbleib des Mädchens rissen nie ab

Der Vatikan schaltete die italienische Staatsanwaltschaft ein – auch um Anschuldigungen zuvorzukommen, er halte etwas verborgen, sagte Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin dem bischöflichen italienischen Pressedienst SIR zufolge am Mittwochabend. Spekulationen über einen Zusammenhang mit dem Fall Orlandi wies der zweitmächtigste Mann der katholischen Kirche nach dem Papst zurück. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun gegen Unbekannt wegen Mordverdachts und vernimmt die Bauarbeiter, die bei Renovierungsarbeiten den Knochenfund machten. Am Montag hatte die Spurensicherung zum zweiten mal Skelettteile sichergestellt. Während beim ersten Ortstermin Teile eines Oberkörpers gefunden wurden, tauchten ein Schädel und ein Unterkiefer auf, die möglicherweise von einer zweiten Person stammen. Ergebnisse von DNA-Tests sollen in einer Woche vorliegen.

Gerichtsmediziner ließen durchsickern, dass die Körperteile von einer Frau im Alter zwischen 25 und 30 Jahren stammen könnten. Orlandi verschwand als 15-Jährige. Was mit ihr passierte, ist völlig unbekannt. Die Gerüchte rissen nie ab. Im September 2017 veröffentlichte der italienische Journalist Emiliano Fittipaldi eine Liste, die ihm angeblich aus dem Vatikan zugespielt wurde. Darin waren vom Vatikan aufgebrachte Kosten „über Aktivitäten betreffend die Bürgerin Emanuela Orlandi“ aufgelistet, insgesamt rund 250000 Euro. Wer wollte, konnte aus dem Dokument den Leidensweg Orlandis herauslesen: Kosten für die Unterbringung des Mädchens in London, für das „Legen einer falschen Fährte“ sowie die Rechnung einer Gynäkologin. „Verlegung in den Vatikanstaat“ lautete der letzte Posten aus dem Juli 1997. Wurde das Mädchen, die Tochter eines Mitarbeiters in der päpstlichen Präfektur, also entführt und ermordet?

Sogar der Papst-Attentäter soll mit ihrem Verschwinden zu tun haben

Andere Fährten hatten sich schon als falsch erwiesen. So hieß es, das Mädchen sei im Grab eines Bosses der römischen Unterwelt in einer Kirche des Opus Dei in Rom begraben. Nachforschungen der Polizei im Jahr 2012 bestätigten dies nicht. Zuvor war ihr Verschwinden mit dem Attentat Mehmet Ali Agcas auf Papst Johannes Paul II. am 13. Mai 1981 in Verbindung gebracht worden. Der Attentäter habe, wie es hieß, durch die Entführung Orlandis und eines anderen Mädchens freigepresst werden sollen.

Falsche Fährte: In dieser Kirche in Rom sei Emanuela begraben, hieß es. War sie aber nicht.
Bild: M. Percossi, dpa

Das zweite Mädchen ist Mirella Gregori. Auch die damals 15-Jährige verschwand 1983 in Rom, 40 Tage vor Orlandi. Gregoris Schwester Maria Antonietta sagte kürzlich: „Ich will mir keine falschen Hoffnungen machen, aber in der Tiefe meines Herzens hoffe ich, dass diese Knochen von Mirella sind.“ In ein paar Tagen weiß sie vielleicht mehr.

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