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Fall Susanna

12.06.2018

Ist er wirklich erst 20 Jahre alt? - Ermittler prüfen Angaben von Ali B.

Die 14-jährige Susanna wurde Opfer eines Gewaltverbrechens.
Bild: Boris Roessler, dpa

Viele Fragen zum Gewaltverbrechen an der 14-jährigen Susanna aus Mainz sind noch offen. Nun werden die Aussagen des Mordverdächtigen Ali B. genauer geprüft.

Zur Aufklärung des gewaltsamen Todes der 14-jährigen Susanna gleichen die Ermittler nun Aussagen des Tatverdächtigen Ali B. und von weiteren Zeugen ab. Man arbeite auf Hochtouren an der Auswertung der umfangreichen Angaben des inhaftierten 20-Jährigen und von Ergebnissen der Rechtsmedizin. Das sagte am Montag die Sprecherin der Wiesbadener Staatsanwaltschaft, Oberstaatsanwältin Christina Gräf. Der Haftbefehl gegen Ali B., der zuvor in einer Flüchtlingsunterkunft in Wiesbaden gelebt hatte, lautet auf dringenden Verdacht des Mordes und der Vergewaltigung.

Der Iraker hatte in einer fast sechsstündigen Vernehmung vor dem Wiesbadener Amtsgericht gestanden, das aus Mainz stammende Mädchen umgebracht zu haben. Er sitzt in Frankfurt/Main in Untersuchungshaft.  Nach einer Flucht in den Irak war der junge Mann am Samstag im Beisein von Bundespolizisten mit einer Lufthansa-Maschine zurück nach Deutschland geflogen worden. 

Untersuchungen gegen zweiten Tatverdächtigen noch nicht abgeschlossen

Das vollständige Ergebnis der DNA-Analyse zu Susanna liege noch nicht vor, erklärte die Oberstaatsanwältin. Daher könne sie noch keine Angaben zu den widersprüchlichen Aussagen über die mutmaßliche Vergewaltigung des Opfers machen. Ali B. hatte diesen Vorwurf der Ermittlungsbehörden in seiner Vernehmung bestritten. 

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Als Tatmotiv gab der junge Mann laut Staatsanwaltschaft an, "dass er aufgrund von Verletzungen im Gesicht von Susanna, die infolge eines Sturzes entstanden sein sollen, befürchtet habe, dass diese die Polizei informieren werde". Laut Ermittlern kannte Susanna den Bruder von Ali B. und habe sich eine Beziehung mit ihm vorstellen können. Daher habe sie sich in der Flüchtlingsunterkunft öfter aufgehalten und auch den Tatverdächtigen gekannt.

Neue Erkenntnisse zu dem zeitweise zweiten Tatverdächtigen, einem 35 Jahre alten Türken, habe es durch die Vernehmung von Ali B. nicht gegeben, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Der Mann werde aber immer noch als Beschuldigter geführt. Die Untersuchungen gegen ihn seien noch nicht abgeschlossen.

Papiere werden geprüft: Ist Ali B. wirklich 20 Jahre alt?

Die Ermittlungen konzentrierten sich auch darauf, an Papiere des Irakers heranzukommen, sagte Gräf. Ali B. war ohne Dokumente vermutlich im Oktober 2015 mit dem damals großen Flüchtlingsandrang über die Türkei und Griechenland nach Deutschland eingereist. Auch sein Alter müsse überprüft werden. Die Hinweise auf den mutmaßlichen Täter waren von einem 13-Jährigen gekommen, der ebenfalls in der Flüchtlingsunterkunft lebte. Dieser habe bei der Polizei ausgesagt, die Informationen über die Tat direkt von Ali B. erhalten zu haben.

Wann dem 20-Jährigen der Prozess gemacht werden kann, ist nach Angaben der Oberstaatsanwältin noch offen. Da es sich um eine Haftsache handele, werde beschleunigt ermittelt. Ein Datum für den Start eines Verfahrens sei aber noch nicht absehbar.

Wegen der noch offenen Fragen bei den Ermittlungen nach dem Verschwinden des Mädchens wies die Polizei in Mainz Versäumnisse zurück. "Wir haben alles getan, was uns rechtlich, inhaltlich und faktisch möglichst ist, zu vollziehen", sagte ein Polizeisprecher. Das gelte auch schon für die Zeit, bevor die Mutter von Susanna offiziell eine Vermisstenanzeige gestellt habe.

Chef der Bundespolizei holte Ali B. im Nordirak ab

Susannas Mutter hatte sich nach dem Verschwinden ihrer Tochter im Internet an die Öffentlichkeit gewandt und dabei auch die Arbeit der Polizei kritisiert. Nachdem bekanntgeworden war, dass die Leiche des Mädchens in Wiesbaden liegen soll, war auch die Zuständigkeit der Ermittlungsbehörden von Mainz nach Wiesbaden gewechselt.

Der Chef der Bundespolizei, Dieter Romann, war persönlich in den von Kurden regierten autonomen Nordirak geflogen, um den Verdächtigen abzuholen. Der Einsatz sei "komplett" von der Bundespolizei ausgeführt worden, sagte eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums am Montag. Romann sei nicht auf Geheiß des Innenministers nach Erbil geflogen. Horst Seehofer (CSU) und der zuständige Innenstaatssekretär waren aber nach Angaben des Bundespolizeipräsidiums über die Maßnahmen laufend informiert. Regierungssprecher Steffen Seibert erklärte, man sei erleichtert darüber, dass der Tatverdächtige nun in Deutschland den zuständigen Behörden vorgeführt werde. 

Hessens Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU) betonte, nun müsse der Staat der Bevölkerung zeigen, dass er handlungsfähig sei und die Sicherheit gewährleisten könne. Jetzt sei "die Stunde der Ermittler". Auch müsse die Frage beantwortet werden, ob man die Entwicklung hätte früher erkennen können. Auch der Präsident des Oberlandesgerichts (OLG) Frankfurt, Roman Poseck, sprach von "einer Bewährungsprobe für den Rechtsstaat".

Sondersitzung im hessischen Landtag zum Mordfall Susanna

Im Mordfall Susanna wird es am Donnerstag eine Sondersitzung des Innen- und des Rechtsausschusses im hessischen Landtag geben. Innenminister Peter Beuth und Justizministerin Eva Kühne-Hörmann (beide CDU) sollten über den aktuellen Sachstand zu dem Tötungsdelikt und zur Festnahme des mutmaßlichen Mörders der Jugendlichen, Ali B., informieren, teilten die Landtagsfraktionen der Regierungsparteien CDU und Grüne am Dienstag in Wiesbaden mit.

CDU-Landtagsfraktionschef Michael Boddenberg und Grünen-Landtagsfraktionschef Mathias Wagner erklärten, die Regierungsparteien setzten sich "für eine rückhaltlose Aufklärung der Tat ein". Dazu sei es aber notwendig, dass die Ermittler ihre Arbeit machen könnten. "Spekulationen helfen nicht weiter."

Die Antwort auf solch ein grauenvolles Verbrchen könne nur ein rechtsstaatliches und gründliches Verfahren sein, erklärten Boddenberg und Wagner. "Blanker Populismus hilft niemandem weiter."

Erneute Demonstrationen am Montagabend in Mainz

Rund 150 Menschen wollten am Montag in Mainz mit einem stillen Gedenken ein Zeichen der Trauer und des Miteinanders setzen. Bürger, Gewerkschafter, Kirchen und Politiker sowie Mitschüler von Susanna versammelten sich und zündeten Kerzen an. "Diese Tat ist so brutal und unmenschlich, dass uns der Atem stockt", sagte Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD). Es gehe darum, zusammenzustehen und nicht den Rechtsstaat infrage zu stellen. Es seien auch Dinge schief gelaufen: "Wie kann jemand in einem Land sein, wenn es mutmaßlich Vorstrafen gibt? Wie kann eine Ausreise so leicht gelingen?" Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hatte zum Gedenken aufgerufen. Regionsgeschäftsführerin Astrid Clauss sagte, die Kerzen sollten Anteilnahme und Hoffnung zeigen.

In der Nähe davon protestierten etwa 35 Menschen des Bündnisses "Kandel ist überall" mit einer Mahnwache gegen illegale Einwanderung. "Wir brauchen unbedingt jetzt endlich geeignete Maßnahmen, die solche Vorfälle verhindern", sagte AfD-Politikerin und Mitorganisatorin Christiane Christen mit Blick auf den Tod von Susanna. "Da muss man an den Grund gehen. Der Grund ist illegale Grenzöffnung." Die Gruppierung "Kandel ist überall" wird dem rechtspopulistischen Spektrum zugerechnet. Sie demonstrierte nach dem gewaltsamen Tod der 15-jährigen Mia in Kandel schon mehrfach in der pfälzischen Stadt. (dpa, afp)

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