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Kinostart
10.05.2016

Peggy Guggenheim: Sie sammelte Kunst, Hunde und Männer

Peggy Guggenheim in Venedig 1948, als sie ein Bild ihrer Tochter Pegeen Vail in Händen hielt.
Foto: Roloff Beny/dpa

Ein neuer Film verdichtet das exzentrische Leben der Galeristin Peggy Guggenheim. Was bis heute beeindruckt: ihr Gespür für gute Kunst. Und ihre endlose Zahl an Affären.

Die Schmetterlingsbrille war schon recht gewagt. Aber dann gab es diese noch viel größere Sonnenbrille, mit der sie aussah wie ein Hammerhai. Dazu die ausladenden Mobile-Ohrgehänge, die Alexander Calder angefertigt hatte: Für Peggy Guggenheim konnte es nicht exzentrisch genug sein. Doch das Auffallen um jeden Preis war nur eine ihrer Seiten. Was bis heute beeindruckt: ihr Gespür für gute Kunst. Und ihre endlose Zahl an Affären.

Alles ging Hand in Hand in der außergewöhnlichen Biografie Peggy Guggenheims. Das ruft jetzt ein aufwendiger Dokumentarfilm in Erinnerung. Lisa Immordino Vreeland lässt das Leben der 1979 verstorbenen Kunst-Ikone durch Erzählungen und Kommentare zahlreicher Wegbegleiter und Kenner in erstaunlich vielen Facetten aufleuchten. Wobei der an O-Tönen reiche Film eine interessante Ergänzung erfährt durch verschollen geglaubte Interviews, die Peggy Guggenheim kurz vor ihrem Tod gegeben hat.

Was war das für eine Frau, die sich einst draufgängerisch auf moderne Kunst stürzte? Ob die 1898 in New York geborene Marguerite Guggenheim aus reichem Haus kam, ist eine Frage der Perspektive. Ihre Verwandten waren wohl noch mehr betucht. Jedenfalls konnte man sich neben Nachbarn wie den Rockefellers allen Luxus leisten. Peggy besuchte mit ihren Schwestern elitäre Privatschulen – während Mutter Florette ihre Ticks pflegte und eine französische Zofe nur für die tägliche Coiffure beschäftigte. Als Peggy 13 ist, bricht für sie eine Welt zusammen: Ihr geliebter Vater Ben, ein Schürzenjäger, kommt beim Untergang der Titanic ums Leben. Ganz Gentleman, überließ er seinen Platz im Rettungsboot einer Dame.

Peggy Guggenheim hatte zahlreiche Affären

Die junge Rebellin schnappt ihre 450000 Dollar Erbe und geht nach Paris, wo sie schnell Literaten und Künstler kennenlernt. Marcel Duchamp wird zu einer Art Lehrer für sie, und überhaupt schmeckt ihr das Leben der Bohème und besonders der Surrealisten viel mehr als das ihrer Familie. Mit dem Dichter Ezra Pound spielt sie Tennis; Man Ray fotografiert sie – sie, die klar formuliert, was sie will. Aus Guggenheims äußerst freizügigen Memoiren lernen wir, dass sie mit 23 ihren ersten Sex hatte und dabei ihrem künftigen Ehemann, dem Künstler Laurence Vail, so ziemlich alles abverlangte, was sie von pompejanischen Fresken her kannte.

Peggy wird bald Mutter zweier Kinder, aber in ihrer Gier nach Abwechslung füllt sie das nicht aus. Neue Liebhaber lassen nicht lange auf sich warten, und Samuel Beckett, mit dem die selbst ernannte Nymphomanin 1934 vier Tage nonstop im Bett verbringt, gibt ihr schließlich den Rat, sich richtig mit der Kunst zu beschäftigen. Beim Tod der Mutter erbt sie noch einmal 450000 Dollar und kann damit 1938 in London eine Galerie eröffnen. Die Surrealisten, Kandinsky und Picasso finden Beachtung, aber Peggy bleibt vorerst ihre beste Kundin.

Dass man über sie lacht? Egal. Sie geht inzwischen unbeirrt ihren Weg, und als der Krieg kommt, schafft sie es sogar, ihre Sammlung „entarteter Kunst“ – die der Louvre als nicht rettungswürdig einstuft – nach Amerika in Sicherheit zu bringen. Im Schlepptau: André Breton und der stets auf seinen Vorteil bedachte Max Ernst, der sich gerne von Peggy heiraten lässt und den neuen Komfort bis zum geckig-mondänen Pelzmantel auskostet.

Peggy Guggenheim und ihr Faible für die alte Welt

Sie tröstet sich mit Kunst, gründet 1942 die legendäre Galerie „Art of This Century“ und schreibt mit ihrem Einsatz für Pollock und Rothko amerikanische Kunstgeschichte. Ihre Landsleute müssten ihr dafür heute noch die Grabplatte küssen: Das war endlich die Loslösung vom alten Europa. Doch ihr Faible für die Alte Welt hat Peggy nie ganz verlassen: 1947 macht sie ihren Traum wahr und zieht für immer nach Venedig. Einen unvollendeten Palazzo am Canal Grande lässt sie umbauen; hier umgibt sie sich mit ihrer Sammlung und ihren Hunden – und lässt die Öffentlichkeit an ihrem Genuss teilhaben.

Filmstart „Peggy Guggenheim“ läuft u. a. in Augsburg und München.

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