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Kuh-Urteil

17.05.2019

Kuh tötete Frau: Warum der Todesfall die Tiroler Almbauern beunruhigt

Sepp Mayr (links), Vertreter der Almbauern, hadert mit den Folgen des „Kuh-Urteils“. Rechts Käser Johann Schönauer.
Bild: Mariele Schulze Berndt

Plus Ein Gericht verurteilt einen Bauern zur Zahlung von einer halben Million Euro. Seine Kühe hatten eine Frau getötet. Nun befürchten andere Landwirte Schlimmes.

Der Mann, über den ganz Österreich spricht, geht immerhin ans Telefon. „Für mich ist das Urteil eine Katastrophe“, sagt er. „Ich hoffe nur, dass es zu meinen Gunsten geändert wird.“

Die Entscheidung des Landgerichts Innsbruck liegt fast drei Monate zurück. Aber noch immer steckt dem Bauern der Schreck in den Gliedern. Deshalb also nur am Telefon, und auch nur kurz und widerwillig. Außerdem: „Ich bin im Urlaub in Südtirol“, sagt er. „Ich kann Sie nicht treffen.“ Seine Frau hütet derweil den Hof im verregneten Neustift im Stubaital, wo die hohen Tiroler Berge vor lauter Wolken nicht zu sehen sind. Sie ist im Prozess als Zeugin befragt worden. Zum Urteil gegen ihren Mann will sie gar nichts sagen: „Da müssen Sie schon selbst mit ihm reden.“

Ausgangspunkt des ganzen Dramas ist ein Unglück im Sommer 2014. Damals töteten wild gewordene Kühe der Almbauernfamilie eine 45-jährige Touristin aus Rheinland-Pfalz. Deshalb soll der Besitzer der Herde, der tagsüber als Haustechniker arbeitet, fast eine halbe Million Euro Schmerzensgeld und Rente an die Hinterbliebenen zahlen. Sein Rechtsanwalt hat Berufung eingelegt. Und das ganze Land diskutiert über den Fall.

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Einer sagt: Es kann jeden von uns treffen

„Je nachdem, wie viel die Versicherung übernimmt, muss der Bauer seinen Hof verkaufen“, sagt Josef Lanzinger mitfühlend. Der hagere, braun gebrannte Mann leitet die Bezirksstelle der Landwirtschaftskammer Tirol in Wörgl, einem kleinen Ort an der Autobahn zwischen Kufstein und Innsbruck. Von seinem Büro aus am Rande eines Gewerbegebiets setzt er sich für die 2000 Almbauern in Tirol ein. Am Schwarzen Brett suchen viele von ihnen noch Almplätze für ihr Vieh in diesem Sommer. Doch momentan beschäftigt die Bauern vor allem das „Kuhurteil“. „Wir waren alle völlig schockiert über das Urteil. Es kann ja jeden von uns treffen“, sagt Lanzinger. „Ein Almbauer kann gar nicht so viel verdienen, in der Regel nur 900 bis 1000 Euro im Monat. Die Renten für die Hinterbliebenen in dem Fall liegen weit darüber.“

„Wir waren schockiert“: Josef Lanzinger von der Landwirtschaftskammer Tirol.
Bild: Mariele Schulze Berndt

Lanzinger selbst hält Milchkühe, keine Mutterkuh-Herde. Milchkühe machen mehr Arbeit, gelten aber als weniger gefährlich. Auch Lanzinger bewirtschaftet eine Alm, an der ein Wanderweg vorbeiführt. Und auch in der Nähe seines Hofs in Kufstein kam 2017 eine Frau ums Leben, eine Tirolerin, als Kühe sie angriffen.

Der Tag, an dem die deutsche Urlauberin ihr Leben verlor, liegt fast fünf Jahre zurück. Am 28. Juli 2014 wurde sie mit ihrem Hund an der Leine, einem Kerry Blue Terrier, 30 Meter entfernt von einem voll besetzten Gasthaus von neun Mutterkühen und ihren Kälbern von hinten angegriffen. Die Tiere kreisten sie ein und töteten sie.

Christian Siller, der Wirt im Gasthaus Pinnisalm, hatte noch versucht, ihr zu helfen. Mit einem Wanderstock schlug er auf die Kühe ein. Doch das blieb ohne Wirkung. Der Stock zerbrach. Erst als er einen Rechen holte, konnte er die Kühe vertreiben. Siller wurde vom Gericht ausführlich befragt und will jetzt nichts mehr dazu sagen; sein Geschäft hängt von den Almbauern ab. Sein Gasthaus mit knapp hundert Plätzen liegt auf 1560 Meter Höhe mitten auf ihrem Gelände.

Links und rechts des engen Tals ragen schroff die Gipfel der Stubaier Alpen empor. Von der Elferspitze führt im Winter eine Rodelbahn hinab. Und bei schönem Wetter bringt ein Shuttle über einen Geröllweg Gäste ins Gasthaus. „Ich muss ja mit den 15 Großbesitzern und vielen kleinen, die ihr Vieh auf die Alm bringen, weiter zusammenarbeiten. Ich bin an einem guten Verhältnis zu den Bauern interessiert,“ sagt Siller.

Die Kühe hatten schon einmal Gäste attackiert

Das Vieh des Pinnisalm-Bauern hatte schon einmal Gäste von ihm attackiert. Nur eine halbe Stunde vor der deutschen Spaziergängerin hatte es eine italienische Familie mit zwei Hunden angegriffen. Im Urteil hieß es später, deshalb seien die Kühe besonders aufgeregt gewesen.

Zwei Gutachter und 32 Zeugen sagten vor Gericht aus. Dann kam der Richter zu dem Urteil, dass die deutsche Urlauberin keine Mitschuld traf. „An derart stark frequentierten Orten reicht ein bloßer Hinweis auf das Vorhandensein einer Mutterkuh-Herde nicht aus, sondern ist zusätzlich eine Abzäunung notwendig, um der von den Tieren ausgehenden Gefahr zu begegnen“, hieß es. Mutterkühe mit Kälbern reagierten auf einen Hund wie auf einen Wolf und fühlten sich bedroht, hatte ein Gutachter in der Verhandlung erklärt.

Nach dem Urteil drohten die empörten Bauern damit, ihre Almen für Touristen, zumindest für diejenigen mit Hunden, zu schließen oder aber ihr Vieh den Sommer über im Stall zu lassen und die Almwirtschaft einzustellen. Das Gelände durch Zäune zu trennen sei unmöglich; denn Kühe bräuchten den Zugang zum Wasser und müssten das Gras gleichmäßig abfressen. Trotzdem gibt es nun diesen Zaun, zumindest auf dem Areal des verurteilten Bauern.

Vorsicht Kuh! Bergwanderer sollten einige Regeln beachten, wenn sie einer Herde begegnen.
Bild: Johann Groder/APA, dpa

Aus seiner – wie er es empfindet – Katastrophe wurde die gefühlte Katastrophe für alle Almbauern Österreichs, und das Ganze natürlich schnell auch ein Politikum. Tourismusverbände warnten vor einem Einbruch des Sommertourismus, falls Almen geschlossen würden. Die typische Alm mit Blumen und Vieh sei der Tourismusmagnet schlechthin, argumentierte die Wirtschaftskammer.

Tirols Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP), der auch für den Tourismus zuständig ist, ließ für erstaunlich wenig Geld eine neue Versicherung auf den Weg bringen. Sie soll künftig eintreten, wenn weder die Haftpflichtversicherung eines Bauern noch die des Almwirtschaftsvereins für Schäden aufkommt. „Wie für die Mountainbike-Trails gibt es jetzt eine Versicherung für Almbauern. Bei Unfällen zahlt die Versicherung, sogar dann, wenn der Besitzer fahrlässig gehandelt hat“, lobt Lanzinger die Politik in Innsbruck.

Nun haben die Bauern Fürsprecher gefunden

Auch die Bundesregierung in Wien reagierte. Anfang April stellte Tourismus-Ministerin Elisabeth Köstinger, eine Bauerntochter aus Kärnten, ein Maßnahmenpaket für „Sichere Almen“ vor. Neben Empfehlungen an die Bauern und Verhaltensregeln für Wanderer plant sie eine Änderung der Tierhalterhaftung. Das neue Gesetz soll vor allem die Wanderer in die Pflicht nehmen.

Was die Landwirtschaftskammer freut, lehnt der Oberste Gerichtshof jedoch ab. Der Entwurf führe „in keinem Punkt zu einem Gewinn an Rechtssicherheit“, heißt es in einer Stellungnahme. Jetzt darf man gespannt darauf sein, ob sich die Regierung darüber hinwegsetzt und das Gesetz, wie geplant, vor der Sommerpause verabschiedet.

In Neustift im Stubaital ist das Paket „Sichere Almen“ noch kein Thema. Hier sind zwischen Winter- und Sommersaison nur wenige Touristen unterwegs. Viele Hotels machen Pause oder bereiten sich auf den Trubel vor. Ihnen fällt nach dem Plan der Ministerin eine wichtige Rolle zu. Sie sollen ihre Gäste darüber aufklären, wie diese sich auf Wanderungen schützen können.

Daniel, 36, und Andreas Egger, 28, vom Hotel Stubaier Hof werben damit, dass sie für Hausgäste Touren anbieten. Ab Ende Juni sind sie wieder in den Bergen unterwegs. Ihre Eltern Marlene und Franz bewirtschaften seit 25 Jahren auf 2369 Metern Höhe die Innsbrucker Hütte mit 130 Schlafplätzen, 100 davon im Matratzenlager. Wer dorthin will, um den Ausblick auf Habicht und Elferkamm zu genießen, passiert die Pinnisalm und jede Menge Kühe.

Andreas und Daniel Egger sagen, es sei ihnen ein Rätsel, wie es zum Unfall kommen konnte. „Eine Kuh ist auf der Weide, um Gras zu fressen, die Menschen sind ihr egal“, meint Andreas. Daniel kritisiert, dass eine „Vollkaskomentalität“ um sich greife: „Wenn ich ans Meer fahre und beim Schwimmen ertrinke, mache ich auch niemanden dafür verantwortlich, dass das Meer gefährlich ist.“ Als Hoteliers wollen sie nicht die Verantwortung für die Sicherheit der Gäste auf der Alm übernehmen. Lediglich die Infoblätter mit den „Zehn Verhaltensregeln für den Umgang mit Weidevieh“ würden sie gerne auslegen.

Darin heißt es, Wanderer sollen die Wege nicht verlassen, es sei denn, diese werden von Vieh blockiert. In dem Fall sollen sie möglichst großen Abstand halten und ausweichen. Mutterkühe mit Kälbern und Hunde sollen sich nicht begegnen. Nahen Kühe, soll man ihnen nicht den Rücken zukehren. Sie können bis zu 30 Stundenkilometer schnell werden, deshalb rät Bauern-Vertreter Lanzinger: „Immer den Berg hinauf weglaufen, das schaffen die Kühe nicht so schnell.“

Künftig soll es einige neue Regeln für Almbauern geben

Armin Stern, Obmann der örtlichen Sektion im österreichischen Alpenverein, ist ausnehmend gut gelaunt an diesem Tag, hat aber dennoch nicht viel Zeit. Obwohl es immer wieder regnet, steht für ihn noch eine Wanderung mit einer niederländischen Dame an, die keine Erfahrung in den Bergen hat. Stern beobachtet seit Jahren, dass „der Respekt der Menschen vor den Tieren“ steige. „Viele Leute fürchten sich jetzt vor Kühen. Doch die wirklichen Gefahren am Berg sind Herz-Kreislauf-Probleme und natürlich Abstürze,“ sagt der Tiroler. Dass die Bauern nicht für ihre Tiere haften wollen, versteht er gut. „Der Bauer ist immer in der schwächeren Position gegenüber den Wanderern. Dabei ist die Alm für die Tiere zur Sommerfrische da.“

Bei allem Verständnis, das die Politik für die Almbauern aufbringt, sollen dennoch künftig einige Regeln gelten. An Orten, wo viele Touristen unterwegs sind, sollen Zäune aufgestellt werden, wenn sich dort auch Vieh aufhält. Außerdem sollen die Bauern darüber nachdenken, ob sie Umleitungen für Wanderer mit Hund ausschildern. Ob dies den Praxistest übersteht, wird sich im Sommer zeigen.

Sepp Mayr, ein besonders stolzer Tiroler Almbauer, ist da skeptisch. Er richtet gerade die Schönanger Alm in der Wildschönau bei Wörgl für den Almauftrieb her. In der Hütte, die eher einem stattlichen Haus gleicht, werden die Unterkünfte für Mitarbeiter ausgebaut. Johann Schönauer putzt derweil seine Käserei. Hier wird die Milch zu Bergkäse, Emmentaler und sechs anderen Sorten sowie natürlich Butter veredelt. Bald sollen die ersten Kühe auf die Alm kommen. 25 Bauern treiben an die 450 Tiere in das 680 Hektar große Gebiet. Zahllose Wege schlängeln sich hindurch, auf denen sich Vieh und Wanderer zwangsläufig begegnen müssen.

Mayr ist also kritisch, was die neuen Regeln angeht. „Die Bauern werden die Umleitungsschilder aufstellen, wo sie es für richtig halten“, sagt er. „Aber ob sich die Leute daran halten? Viele sagen, ich bin seit 20 Jahren diesen Weg gegangen und mache das genauso weiter“, ist seine Erfahrung. Auf der Schönanger Alm könne man die Wanderwege im Weidegebiet nicht einzäunen. „Wenn wir ein auffälliges Tier beobachten, kommt es weg. Das haben wir aber nur ganz selten.“

Der Rechtsanwalt hat eine klare Strategie

Der Mann ist Sprecher der Almgenossenschaft und findet das angekündigte Gesetz sehr gut. „Doch letztlich müssen wir das miteinander schaffen und durch Aufklärung dafür sorgen, dass der Gast und Wanderer sich anständig verhält“, hofft er. Dem verurteilten Pinnisalm-Bauern hilft das zunächst nicht. Er hat seit 2014 viele Elektrozäune auf- und wieder abgebaut, weil im Winter Lawinen auf der Alm abgehen. Jetzt wartet er auf das Urteil der zweiten Instanz.

Sein Anwalt Ewald Jenewein aus Innsbruck ist optimistisch: „Wenn es jetzt nicht vor dem Oberlandesgericht gelingt, dann gehen wir vor den Obersten Gerichtshof in Wien.“ Zumindest die Höhe der Renten für den gesundheitlich angeschlagenen Witwer und den Sohn sollen gesenkt werden. Schließlich habe sein Mandant viele Hinweisschilder aufgestellt. Bei einem „vorsichtigen Verhalten der Hundehalterin wäre auch der Unfall vom 28.04.2014 vermieden worden“, glaubt der Anwalt. Was bedeutet: Er will ein Mitverschulden der Touristin nachweisen. Doch genau das haben die Gutachter in erster Instanz widerlegt.

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