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Magersucht

19.08.2019

Lea (18) hungert. Im Netz findet sie keine Hilfe. Sondern Zuspruch.

Wie Lea sind viele junge Frauen und Männer in Deutschland magersüchtig. Ihre Zahl wird auf 100.000 geschätzt.
Bild: Jens Kalaene, dpa (Symbol)

Plus In der Online-Gemeinschaft "Pro Ana" ermuntern sich Jugendliche wie Lea in ihrer Magersucht. Eine Augsburger Expertin erklärt, wie gefährlich dieser Trend ist.

Ana schreibt viel, mehrmals täglich. Sie verfasst Briefe, diktiert Gebote und Sünden. Regelwerke, die junge Frauen und Männer zum Hungern disziplinieren sollen. Lea, 18, ist eine Anhängerin von Ana. Sie liest all ihre Nachrichten, Botschaften wie diese:

"Wehe, du isst diese Schokolade."
"Endlich kannst du dir Size Zero leisten."
"Lea, du hast 200 Gramm zugenommen."

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Lea ist eine Schülerin aus Franken. Und sie ist magersüchtig. Das Streben nach einem dünnen Körper lebt sie mit sieben anderen Betroffenen in einer Whatsapp-Gruppe aus. Sie alle sind "Pro Ana". Sie alle stilisieren das, wovor Ärzte sie ausdrücklich warnen: eine Essstörung. Eine Krankheit mit psychosozialem und psychosomatischem Charakter.

Ana steht in diesem Fall für Anorexie, die lateinische Bezeichnung für Magersucht. In vielen Online-Foren und sozialen Netzwerken ist dieser Name, ist Ana, zu einer Art Lebensstil geworden, für den sich Teenager gemeinsam krank fasten. Hier finden sie Gleichgesinnte, die sie in ihren Schönheitsidealen bestärken, sich Tipps zum Abnehmen, Verheimlichen und Erbrechen geben.

Auch Lea ist seit mehr als einem Jahr Teil von Ana. Ihren richtigen Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen. Zu groß ist die Angst, erkannt zu werden. Dabei ist ihre Magersucht für andere inzwischen unübersehbar. Bei einer Größe von 1,71 Metern wiegt sie gerade einmal 44 Kilo - in den meisten Augen ungesund, in Leas einfach schön.

2007 wurden Pro-Ana-Seiten auf mehrere hundert geschätzt

Die Bewegungen von "Pro Ana" und "Pro Mia", das von Bulimia nervosa als Ess-Brechsucht abgeleitet wird, entstanden zur Jahrtausendwende in den USA. Von dort aus breiteten sie sich nach Europa aus. Wie viele Gruppen es mittlerweile in Deutschland gibt, lässt sich nur schwer beziffern. Im Jahr 2007 allerdings wurde die Zahl der Pro-Ana-Seiten auf mehrere hundert geschätzt.

Stößt man auf diese Seiten, sind dort immer wieder dieselbe Sätze zu lesen. Sätze wie: "Du möchtest abnehmen? Eine echte Ana werden? Eine Elfe, leicht und zerbrechlich?" Wenn junge Frauen und Männer darauf anspringen, werden sie angeleitet. Schritt für Schritt. Dass sie sich vor den Spiegel stellen sollen, sich ansehen, den Körper betrachten sollen. Dass sie sich ein Ziel setzen sollen, das Ziel, abzunehmen und dünner zu werden. Dass sie die Waage als Freundin betrachten sollen - und ihr Gewicht als Feind.

Mit diesen Worten hat sich auch Lea locken lassen. Seit Monaten postet sie täglich Bilder von ihren abgemagerten Beinen, den zu weiten Röcken und ihrem Mittagessen, einem einzigen Apfel. Mit der Zeit ist Leas Haut fahl geworden, ihr Haar ist spröde - die 18-Jährige ist sich dessen bewusst. Das magere Leben aber gebe ihr Kraft, sagt sie. "Man weiß, dass man nicht alleine ist. In der Gruppe hat jeder dasselbe Ziel."

In einer Erklärung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung heißt es dazu: "Durch die Kontrolle über ihren Körper, durch das Überwinden des Hungergefühls erleben sie sich als mächtig und eigenständig. Sie erhöhen damit ihren Selbstwert, denn sie schaffen etwas, was anderen nicht gelingt."

Wer aber steckt hinter diesen Plattformen? Jugendschutz.net, das infolge des Jugendmedienschutz-Staatsvertrags eingerichtet wurde, untersuchte in den Jahren 2006 und 2007 insgesamt 270 deutschsprachige Webseiten zu "Pro Ana" und "Pro Mia". "Die einschlägigen Seiten", heißt es dort, "werden oft von Jugendlichen betrieben, die selbst keine Therapie anstreben".

Viele Angebote auf Foren und Blogs sprächen gezielt Jugendliche an. Fotos und Videos zeigten extrem schlanke Models als erstrebenswerte "Vorbilder", während Feen oder Engelsflügel körperliche Perfektion, Leichtigkeit und Anmut symbolisierten. Ana - die Anorexia - wird zur großen Schwester stilisiert.

Carmen Frauenholz von Schneewittchen, der Beratungsstelle für junge Menschen mit Essstörungen von SOS-Kinderdorf Augsburg warnt explizit vor Foren, die "Pro Ana" und "Pro Mia" propagieren. Sie verherrlichten Essstörungen und verhinderten, dass Betroffene ihre Krankheit einsehen. Das aber sei wichtig: "Denn die Einsicht ist der erste Schritt zur Genesung."

Auch im Raum Augsburg gibt es Anhänger von Pro-Ana

Lea will keine Genesung. Zumindest jetzt noch nicht - obwohl sie weiß, dass ihr Hunger nach Zierlichkeit krankhaft ist. Ihr Körper ist inzwischen so ausgezehrt, dass es ihr immer schwerer fällt, morgens aufzustehen. Weibliche Rundungen besitzt die 18-Jährige nicht. Genauso wenig einen Schulabschluss. Auch ist es lange her, dass sie ihre Monatsblutung hatte.

Carmen Frauenholz hilft jungen Männern und Frauen aus Augsburg und Umgebung bei Essstörungen.

Als Sozialpädagogin trifft Carmen Frauenholz im Raum Augsburg immer wieder auf Fälle wie Leas. Zwar seien auch junge Männer davon betroffen, doch faszinierten diese Foren vor allem jüngere Mädchen zwischen 13 und 17 Jahren. "Sie motivieren sich gegenseitig und stellen das Dünnsein über ihre Gesundheit", erklärt die Familientherapeutin. Nicht selten würden sie dabei unter Druck gesetzt.

Lea erzählt von Mädchen, die ihr Nachrichten schreiben: "Wenn du diesen Teller aufisst, bist du nichts mehr wert." Mitgliederinnen, die Voice-Mails schicken mit Drohungen, sie aus der Gruppe zu werfen. Schließlich gehe es doch darum, sich gegenseitig zum Hungern zu bringen oder etwa nicht? Dabei hat Lea längst vergessen, wie sich Hunger überhaupt anfühlt. Genauso wenig kann sie sich daran erinnern, wie Schokolade schmeckt.

Soziale Medien wie Instagram könnten dazu beitragen, diese Essstörung weiter zu verfestigen, sagt Carmen Frauenholz. Jugendliche holten sich hier Anreize und Ziele. Sie sähen sich retuschierte Bilder von fragwürdigen Influencern und absurden Ernährungstheorien an. Die Beratungsstelle Schneewittchen versucht dem entgegenzusteuern - etwa indem die Beratungsstelle Influencer sucht und findet, die eine gesunde Einstellung zu ihrem Körper pflegen.

 

Denn: "Die Mädchen finden eine Identität über ihre Magersucht." Ob und wie sie aus der Pro-Ana-Gemeinschaft wieder aussteigen können, hängt nach Ansicht der Augsburger Sozialpädagogin vom spezifischen sozialen Umfeld ab. "Es kommt darauf an, wieviel Unterstützung die heranwachsenden jungen Frauen und Männer außerhalb der virtuellen Welt erfahren."

Inwiefern sich etwa Familie und Freunde mit dem Verhalten der Betroffenen kritisch auseinandersetzen. "Diese Mädchen müssen ihre Schönheitsideale hinterfragen, ihre Pro-Ana-Identität anzweifeln", erläutert Carmen Frauenholz. "Dass sie das Engelhafte glorifizieren, ist für die Krankheit absolut gefährlich."

Freunde hat Lea nur wenige. Ihre Mutter, der Vater seien sehr mit dem Familienunternehmen beschäftigt. Nur ihre Oma sage ihr immer wieder, wie dünn sie doch sei. Dass sie endlich zunehmen müsse, sollte sie jemals einen Mann finden wollen. Kinder bekommen wollen. Eine eigene Familie gründen wollen.

Wenige Pro-Ana-Mitglieder hungern sich bis in den Tod

Oft, sagt Carmen Frauenholz, begreifen Verwandte, Partner und Freunde nicht, dass es sich bei der Magersucht um eine ernstzunehmende Krankheit handelt. Es sei keine Angewohnheit, betont die Sozialpädagogin, sondern ein Hilferuf der Psyche. "Die Krankheit hat einen klaren Suchtcharakter."

Tatsächlich hat Magersucht die höchste Sterblichkeitsrate von allen psychischen Erkrankungen. Etwa jeder zehnte Betroffene stirbt an den Folgen. Für einige mag das sogar erstrebenswert sein. So differenziert sich etwa die Pro-Ana-Szene inzwischen zunehmend in with ana, also "mit Ana", bei der die Essstörung als Ventil tiefergreifender Probleme begriffen wird. Wohingegen Anhänger und Anhängerinnen der Strömung ana till the end oder "Ana bis zum Ende" auch den Hungertod akzeptieren.

 

Das Krankheitsbild skizziert sich bei jeder jungen Frau, bei jedem jungen Mann etwas anders. Abhängig davon, wie stark die Magersucht ausgeprägt ist und wie einsichtig sich Betroffene zeigen, werde die Therapie individuell angepasst, sagt Carmen Frauenholz. "Das kann beispielsweise ambulant geschehen oder im Rahmen eines Klinikaufenthalts."

Betroffene können Gruppentherapien in der Beratungsstelle besuchen. Oft werde auch eine Ernährungsberaterin hinzugezogen, "weil bei vielen eine große Verunsicherung herrscht, wie gesunde Ernährung eigentlich aussehen kann".

Infos und Hilfe finden Sie bei "Schneewittchen - Beratung bei Essstörung" der SOS-Familien und Jugendhilfen Augsburg, Leonhardsberg 16 in 86150 Augsburg, unter Telefon 0821/344990-13 oder E-Mail schneewittchen-augsburg@sos-kinderdorf.de. Hier können Betroffene auch Online-Beratungen in Form von Chats und Gruppen-Chats in Anspruch nehmen.

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