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Interview

04.05.2020

Manfred Spitzer: "Je höher die digitale Dosis, desto größer das Gift"

Der Psychiater Manfred Spitzer rät Eltern, mit ihren Kindern in die Natur zu gehen anstatt sie mit dem Smartphone spielen zu lassen.
Bild: Stefanie Moeloth

Der Psychiater warnt vor den Gefahren von Smartphone & Co. Warum er nicht glaubt, dass unser Leben digitaler wird - und wir nicht am Virus, sondern an uns selbst sterben.

Herr Professor Spitzer, Sie warnen seit langem eindringlich vor den Gefahren, Kinder zu früh an digitale Geräte heranzuführen. Nun stehen Tablet & Co. im Zentrum des Homeschoolings. Das muss für Sie doch eine Horrorvorstellung sein, oder?

Prof. Manfred Spitzer: Nun, die einhellige Meinung ist dazu doch schon deutlich: Alle, auch die Schüler, sind froh, wenn das Ganze vorbei ist und Schule wieder normal funktioniert. Schüler merken, dass man digital nicht so gut lernen kann. Eltern merken, dass sie Lehrer nicht so einfach ersetzen können. Und ich habe die Hoffnung, dass sich nach dieser Krise vieles zum Besseren wendet.

Was zum Beispiel?

Spitzer: Vor allem hoffe ich, dass Lehrer und auch Erzieher mehr Wertschätzung erfahren. Weil einfach jetzt alle gemerkt haben, wie wichtig sie sind.

Aber die Digitalisierung hat sich jetzt doch schnell etabliert...

Spitzer: Aber was wir nun sehen, ist doch gerade, dass die Digitalisierung nicht gut funktioniert. Bleiben wir in den Schulen: Wenn in einigen Bundesländern jetzt gesagt wird, dass die Schüler nicht sitzen bleiben können, dann ist das doch die Bankrotterklärung für das digitale Lernen. Mit digitalen Geräten lässt sich nicht gut lernen. Den Beweis haben wir jetzt. Und eines ist jetzt auch schnell klar geworden: Am meisten leiden unter Homeschooling die schwachen Schüler. Sie lernen mit der Digitalisierung nichts, im Gegenteil, sie stürzen ab.

Das heißt, mit der Digitalisierung verfestigen wir die Bildungsunterschiede?

Spitzer: So ist es. Die Digitalisierung führt genau zum Gegenteil von dem, was wir uns zum Ziel gesetzt haben: mehr Bildungsgerechtigkeit. Schon vor Corona und dem Homeschooling zeigten alle Studien, die hierzu gemacht wurden – wirklich alle –, dass digitaler Unterricht den schwachen Schülern am meisten schadet. Jetzt werden wir nur mit der Nase darauf gestoßen: Die Digitalisierung ist wahrhaftig kein Allheilmittel im Erziehungs- und Bildungsbereich, sondern ist definitiv unsozial, denn sie beeinträchtigt die Schwachen am meisten.

Viele Kinder verbringen nun auch verstärkt ihre Freizeit mit digitalen Geräten. Denn oft haben die Eltern Stress, müssen neben der Kinderbetreuung von zu Hause aus arbeiten...

Spitzer: Den Eltern muss man klar machen, dass digitale Medien keine Babysitter sind und ihren Kindern ganz erheblich schaden. Denn je höher die digitale Dosis desto größer ist das Gift. Das sagt im übrigen auch die Weltgesundheitsorganisation WHO ganz klar und eindeutig. Man kann und sollte sich nicht heraus reden. Ich rate Eltern vielmehr dazu, mit ihren Kindern raus in die Natur zu gehen. Mindestens eine Stunde am Tag, besser sind zwei Stunden. Und den Tag gut zu strukturieren: Eltern sollten klare Zeiten fürs Lernen und für Freizeit festlegen – und ihre Kinder die Freizeit nicht vor dem Bildschirm verbringen lassen.

Aber viele Kinder wollen von sich aus am liebsten am Smartphone spielen.

Spitzer: Man muss ihnen klar machen, dass genau das ihnen sehr schadet und daher nicht sein soll. Sie sollen sich für ein Projekt entscheiden, das sie wirklich machen wollen. Irgendeines. Etwas basteln. Etwas bauen. Etwas malen. Denn es hat sich gezeigt: Wenn Kinder erst einmal ein Projekt gemacht haben, sind sie begeistert und stolz und auch besser drauf. Das gilt im Übrigen auch fürs Rausgehen: Wer mit seinen Kindern regelmäßig raus geht, hat weniger Probleme mit ihnen, weil die Bewegung allen gut tut. Wer seine Kinder vor einem digitalen Gerät parkt, hat nur kurzfristig Ruhe, langfristig aber wesentlich mehr Ärger. Digitale Geräte wirken sich auch auf die Schlafqualität der Kinder negativ aus und auf ihre Konzentrationsfähigkeit. Sie beeinträchtigen den ganzen Organismus.

 

Auch für viele Erwachsene wird das Smartphone immer unentbehrlicher.

Spitzer: Die gibt es sicher. Es gibt ja auch die Forderung nach einem kostenfreien Netflix-Zugang für alle. Was für ein Unfug! Nur Menschen, die mit ihrem Leben gar nichts anfangen können, hängen jetzt ständig mit digitalen Geräten herum. Grundsätzlich gilt: Erwachsene sind für sich selbst verantwortlich, was einschließt, sich sogar schaden zufügen zu dürfen. Bei Kindern und Jugendlichen ist das anders. Für die sind Erwachsene verantwortlich und müssen ihrer Verantwortung auch nachkommen.

Aber ist es nicht erstaunlich, wie digitale Prozesse jetzt das Berufsleben verändern. Die Digitalisierung schreitet doch auch hier sprunghaft voran.

Spitzer: Jetzt lassen wir die Kirche doch mal im Dorf: Wenn Sie die dritte Videokonferenz hinter sich haben, freuen Sie sich doch, Ihre Kollegen bald wieder wirklich zu sehen. Weil ständig irgendetwas schief geht. Weil ständig alle durcheinander reden. Sind wir doch ehrlich: Eine digitale Konferenz hat bei Weitem nicht das Niveau, die Informationsdichte und die Unmittelbarkeit wie eine reale Konferenz. Das erleben wir doch jetzt alle täglich mehrfach. Und wer sich da etwas vormacht und jubelt: Jetzt kommen die digitalen Zeiten! Wer das macht, der hat Tomaten auf den Augen und Bohnen in den Ohren. Es hoffen doch alle, die vernünftig sind, dass die jetzigen Zustände bald vorbei sind und das analoge Leben wieder fortgesetzt werden kann.

Sie glauben nicht, dass die Digitalisierung nun unser Berufsleben dauerhaft verändert?

Spitzer: Um Gottes Willen nein, das wäre furchtbar. Viele Menschen, die jetzt Homeoffice machen müssen, wollen wieder zurück in ihr Büro. Weil sie die Atmosphäre vermissen, weil sie vor allem mit ihren Kollegen sprechen wollen, weil sie die unmittelbaren sozialen Kontakte so vermissen.

Warum vermissen viele diese Unmittelbarkeit eigentlich so sehr?

Spitzer: Weil wir Menschen sind. Weil wir soziale Wesen sind. Weil wir andere Menschen brauchen und zwar real und nicht nur Bilder von ihnen. Menschen leben seit Jahrhunderttausenden in Gruppen, in denen man sich unterhält. Man muss wissen: Bei uns Menschen ist das Miteinanderreden, mindestens vier, fünf Stunden am Tag extrem wichtig – im Schnitt sprechen Männer 16.000 Wörter am Tag, Frauen etwa 700 mehr.

Aber warum ausgerechnet das Reden?

Spitzer: Das ist gut untersucht: Weil das Reden miteinander für uns das ist, was bei den Affen das Lausen ist. Lausen ist für die Affen die soziale Kontaktpflege, sie lausen sich um sich zu zeigen, dass sie miteinander klar kommen, dass sie sich umeinander kümmern. Und wir machen das mit dem Reden. Das ist der Kitt für unsere sozialen Beziehungen. Und das gelingt am besten im unmittelbaren Reden, weil man dann sofort an der Mimik und an der Gestik erkennt, wie der andere reagiert. Das unmittelbare Miteinanderreden brauchen wir, damit unser soziales Miteinander funktioniert.

Aber in Videokonferenzen können wir doch auch miteinander reden und sehen gleich, wie der andere reagiert.

Spitzer: Das ist nicht dasselbe. Das Miteinanderreden in Videokonferenzen klappt besser, wenn man sich gut kennt. Man kann ja auch mit Leuten, die man gut kennt, wunderbar telefonieren, denn man hat die Bilder des anderen im Kopf. Das ist wichtig für eine vertrauensvolle Kommunikation. Im Berufsleben müssen Sie aber in der Regel auch mit fremden Leuten gut kommunizieren und das funktioniert mit digitalen Geräten bei Weitem nicht so gut wie direkt.

Aber in diesen Zeiten sind soziale Medien für viele ein wichtiger Ersatz für reale Kontakte.

Spitzer: Ich bin ein Kritiker von sozialen Online-Medien wie beispielsweise Facebook. Aus gutem Grund: Über soziale Netzwerke werden sehr viele Fake News, Ängste und Verschwörungstheorien verbreitet – übers Telefon nicht. Und lassen Sie mich noch eines sagen: Wir sprechen nun immer vom social distancing. Das ist eigentlich falsch. Es sollte physical distancing heißen, denn wir sollen ja körperlich Abstand halten und nicht sozialen Abstand. Man kann weit voneinander entfernt sein, ist sich aber dennoch sehr nahe, wenn man telefoniert.

Viele fühlen sich jetzt aber stärker einsam. Sie haben das Buch „Einsamkeit – die unerkannte Krankheit“ geschrieben. Wann macht Einsamkeit krank?

Spitzer: Gefühle der Einsamkeit machen krank. Das ist erwiesen. Die Frage ist, ob körperliche Distanz automatisch Einsamkeit macht. Und das ist definitiv nicht der Fall. Es liegen ja auch bereits Daten vor, was Quarantäne mit Menschen macht: Quarantäne kann beispielsweise zu Depressionen führen und Ängste hervorrufen. Aber das muss keineswegs sein. Wenn man weiß, warum man in Isolation sein muss, dass man damit etwas für andere tut, ist es viel besser zu ertragen, als wenn man die Gründe nicht verstanden hat. Daher ist Kommunikation in einer Pandemie über die Risiken und die Gründe für die lebenspraktischen Einschränkungen besonders wichtig!

Gibt es denn schon Untersuchungen zu den Folgen der Corona-Krise?

Spitzer: Ja, die gibt es. Aus England liegen uns beispielsweise Daten vor. Dort wurden noch eine Woche nach dem Lockdown wesentlich mehr Depressionen und Ängste nachgewiesen als davor. Der Knackpunkt ist, dass viele Menschen tatsächlich auf die soziale Distanzierung mit subjektiven Gefühlen der Einsamkeit reagieren. Und diese machen, wie gesagt, tatsächlich krank. Wir haben hier an der Uniklinik Ulm eine Reihe von Suizidversuchen in Folge von Corona erlebt. Auslöser war beispielsweise, dass eine Frau, eine Erzieherin, ohnehin wenig soziale Kontakte hatte und mit der Krise auch noch ihre beruflichen Kontakte verlor. Das ließ sie in ein so tiefes Loch stürzen, dass sie versuchte, sich das Leben zu nehmen.

Kann man etwas tun, dass die Gefühle der Einsamkeit gar nicht auftreten?

Spitzer: Vor allem sollte man nicht darüber grübeln, was man jetzt alles nicht tun kann. Man sollte sich bewusst machen, welche Möglichkeiten man trotz der Corona-Krise hat. Viele Menschen haben mehr Zeit, die sie endlich dafür nutzen können, das zu tun, was sie schon lange tun wollten. Die Lebenskunst, die Weisheit gewinnt wieder eine ganz andere Bedeutung. Dazu gibt es eine interessante neue Untersuchung: Sie besagt, vereinfacht ausgedrückt, dass Menschen, die etwas im Kopf haben und sich schon vor der Krise mit vielem beschäftigt haben und für vieles interessierten, jetzt viel besser klar kommen. Wenn im Kopf wenig ist, wenn man sich schon immer lieber passiv berieseln lies und vor sich hin dümpelte, dann fällt man nun eher in ein Loch. Als Psychiater kann ich ganz klar sagen: Wir sterben nicht am Virus, sondern an uns selbst.

Wie meinen Sie das?

Spitzer: Wer zu wenig Angst hat und Corona-Partys feiert, erhöht seine Ansteckungswahrscheinlichkeit; wer überängstlich reagiert, droht in die Vereinsamung abzustürzen und kann so chronisch krank werden. Wer aber sowohl körperliche als auch seelische Abwehrkräfte besitzt, der hat die größte Chance, gesund und gut durch diese Krise zu kommen. Hier kann jeder viel für sich tun, es liegt daher an jedem Einzelnen, wie er durch die Krise kommt.

Zur Person: Manfred Spitzer

, 61, ist Psychiater und Gehirnforscher und arbeitet als Ärztlicher Direktor an der Uniklinik

Ulm

. Er ist auch Autor zahlreicher Bücher; sein neuestes trägt den Titel: „Die Smartphone-Epidemie“.

Alle Informationen rund um das Coronavirus und die Entwicklung in Deutschland finden Sie in unserem News-Blog.

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