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Medien
25.05.2021

Zwei Journalisten erklären die Macht der Bild

Trotz massiver Auflagenverluste hat die Zeitung noch immer Millionen Leserinnen und Leser.
Foto: Christoph Soeder, dpa (Symbolbild)

Ein Buch beleuchtet die Methoden der Bild. Sie werde "menschenverachtender", schreiben die Autoren. Warum die Bild so mächtig ist.

Die Bild ist eine Macht. So sieht sich das Springer-Boulevardblatt selbst. Es ist auch das Bild, das die Amazon-Doku „Bild. Macht. Deutschland?“ vermittelt: Ein Medium und sein umstrittener Chefredakteur Julian Reichelt mischen mit in der großen Politik, entscheiden über Karrieren. Wer mit ihr im Aufzug nach oben fahre, der fahre auch mit ihr nach unten, lautet das vielfach zitierte Bild-Prinzip.

Kritik: Die Bild schüre Ängste und vergifte gesellschaftliche Debatten

In der Tat ist die reichweitenstarke Boulevardzeitung wirkmächtig, drastischen Auflagenverlusten zum Trotz. Alleine deswegen, weil sie von anderen Medien, häufig ungeprüft, zitiert und von Millionen – darunter einflussreichen Personen – gelesen und gefürchtet wird. Mit welchen Methoden die Bild arbeitet, ist bekannt und seit Jahrzehnten Gegenstand journalistischer und wissenschaftlicher Medienkritik. Doch auch die Bild durchläuft Phasen. Unter Reichelt ist sie in einer besonders krawalligen.

Julian Reichelt ist für viele eine Hassfigur.
Foto: Bernd von Jutrczenka, dpa

Die Journalisten Mats Schönauer und Moritz Tschermak zeigen das in ihrem Buch „Ohne Rücksicht auf Verluste“ anhand zahlreicher Beispiele auf. Die Bild sei „wieder brutaler geworden“, „verbohrter, tendenziöser, menschenverachtender“. Damit knüpfe sie an ihre „dunkelsten Zeiten“ (ein Zitat aus einem Brief des Moderators Günther Jauch an Reichelt) an, befinden sie. Und gehen noch weiter: Die Bild schüre Ängste, spiele Ausländerfeinden in die Karten, torpediere gezielt demokratische Institutionen und vergifte gesellschaftliche Debatten.

Besonders abstoßend an der Bild finden die Autoren das sogenannte "Witwenschütteln"

Schönauer und Tschermak befassen sich seit einem Jahrzehnt mit der Bild-Berichterstattung – auf der Internetseite Bildblog. Es ist eine verdienstvolle und bitter nötige Aufgabe. Das wird überdeutlich, wenn man ihr Buch liest, in dem sie jüngere und ältere Fehler, Verdrehungen, Verzerrungen, Falschbehauptungen, Skandalisierungen, Vorverurteilungen, Kampagnen und Grenzüberschreitungen der Bild akribisch und unter Anführung von 1344 Fußnoten zusammentragen. Ihre Kritik ist massiv und das mag man bisweilen für überzogen halten, nicht immer überzeugen auch Argumentationen und Behauptungen („Heute ist Bild Reichelt“). Andererseits: Was Bild tut, war und ist ebenfalls massiv. Die Beispiele, die Schönauer und Tschermak zu einem Gesamtbild der Bild zusammensetzen, sprechen für sich.

Besonders abstoßend ist die Praxis des „Witwenschüttelns“, dass sich Reporter also Informationen oder Fotos über Opfer besorgen, etwa, indem sie deren Familien bedrängen. Um diese Praxis geht es in zwei der 14 Kapitel, ein Betroffener kommt in einem Interview zu Wort. Er sei „einfach nur angeekelt und schockiert“, sagt der Bruder eines 32-Jährigen, der 2018 beim Skifahren in Österreich von einer Lawine verschüttet wurde und starb.

Kevin Kühnert: "Das Problem ist, dass einige bei Bild dem Größenwahn verfallen sind"

Kevin Kühnert, stellvertretender SPD-Bundesvorsitzender, schreibt in einem bemerkenswerten Nachwort über seine Erfahrungen mit der Bild, in dem er auch Auszüge aus Mails von deren Mitarbeitern an ihn öffentlich macht: „Das Problem ist (...), dass einige bei Bild dem Größenwahn verfallen sind, Schicksal spielen zu können. Und dass sie zu oft damit durchkommen, weil wir sie gewähren lassen.“ Er habe 2018 seine Lektion gelernt und verstanden, „dass unmissverständlich Abstand gehalten werden muss“.

Kevin Kühnert, Vizevorsitzender der SPD.
Foto: Michael Kappeler, dpa

Wie wichtig ein Korrektiv wie der Bildblog ist, lässt ein Blick auf die Rügen-Statistik des Deutschen Presserats erahnen.Von 53 Rügen im Jahr 2020 entfielen allein 22 auf Bild. Im laufenden Jahr waren es bislang sechs von 15. Die öffentliche Rüge ist die härteste Sanktion des Selbstkontrollorgans, ihre Veröffentlichung im gerügten Medium sollte dessen Machern peinlich sein. Der Bild ist offensichtlich wenig peinlich; manche Rügen veröffentlicht sie erst gar nicht.

Worin genau liegt die Macht der Bild?

Seit 2004 befasst sich der Bildblog mit den „kleinen Merkwürdigkeiten“ und dem „großen Schlimmen“ in der Bild. Dass sie ein Korrektiv braucht, beweist die Bild fast täglich. Schönauers und Tschermaks Buch ist daher ein wichtiges Buch – und das Gegenstück zur weitgehend unkritischen Selbstbespiegelungs-Doku „Bild. Macht. Deutschland?“.

Was Bild macht? Stimmungsmache. Worin genau ihre Macht liegt? „Die Realität in Versatzstücke zu zerlegen und neu arrangiert zu einer gefühlten Wahrheit werden zu lassen, die kleben bleibt“, schreiben Schönauer und Tschermak.

Ohne Rücksicht auf Verluste. Wie Bild mit Angst und Hass die Gesellschaft spaltet. Kiepenheuer & Witsch, 336 Seiten, 18 Euro

Lesen Sie dazu auch:

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Die Diskussion ist geschlossen.

25.05.2021

Jede Regionale Zeitung muss sich auch vorhalten lassen, dass sie nichts gegen diese "Übermacht" getan hat. Während "Bild", "TZ" und "AZ" an Zeitungsautomaten für einzelne Tage zu kaufen waren, wurden und werden bis heute von lokalen Zeitungen Monats- und Jahres-Abos verkauft.

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25.05.2021

Bild-Zeitung
= Axel Springer Verlag
= Welt.de
= weiteres

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25.05.2021

Es gab Zeiten, da waren die Missetaten dieser Zeitung so bewußt, dass es für die meisten Bürger peinlich war, mit dem Blatt in der Hand gesehen zu werden. Und für viele PolitikerInnen kam es nicht in Frage, dieser Revolverpresse ein Interview zu geben.

Das Ausbeuten von menschlichen Schicksalen, das öffentliche Lächerlichmachen von kleinen Leuten, ja das Kaputtschreiben von Menschen wurde von vielen Bürgerinnen und Bürgern tief verachtet. Spätestens seit den Enthüllungen von Günter Wallraff nach 1977 war klar, dass dieses Blatt nicht journalistischen Ansprüchen genügt, sondern mit Krawall wie auch der Bedienung niedriger Instinkte ala Ergötzen am Leid anderer Geld macht.

Raimund Kamm

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25.05.2021

Die Menschen sind selber schuld wenn sie sich durch Sensationsjournalismus derart veräppeln lassen. Hier geht es nur Knallhart nach Auflage (Geld). Frei nach dem Motto "Bild sprach mit den Toten!!!"

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25.05.2021

Die Menschen sind nicht schuld. Menschen wollen sich informieren, aber können sich nicht leisten eine Tageszeitung für 12 Monate zu abonieren. Eine "Bild"-Zeitung wird gerne (für schmales Geld) weitergegeben da sie sowieso nicht teuer war.
Und dort beginnt es ..

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26.05.2021

@ Gerd R. doch der Mensch ist schuld, und für Informationen gibt es heute viele Seriöse Stellen wie diese Seite, und Regionale Anbieter von guten Seiten. Wenn man natürlich nur auf die Reißerischen Überschriften und ein ausgewürfeltes Horoskop abzielt, ist man selber schuld. Würden die mal ein Paar Wochen keine Bild mehr kaufen, und Ihre Meinung und Begründungen auf Sozialen Netzwerken kund tun, würde auch hier die Qualität steigen.
Was ich will ist zuverlässige Information, dafür bezahle ich gerne. Außerdem kann man die Zeitung auch mehrfach lesen, bei guten Nachbarn Klappt das und man teilt sich Kosten.

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25.05.2021

Schuld haben an dem ganzen Missstand auch die Mainstreammedien. Und zwar deshalb, weil sie nicht mehr ihrem Grundauftrag nachkommen. Der ist ganz einfach, nämlich einfach Tatsachen zu berichten! Aber heutzutage muss man ja das Volk "erziehen".
Aber die Leute sind halt doch nicht so dumm und merken das. Und dann liest man halt andere Medien...................

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25.05.2021

"Aber die Leute sind halt doch nicht so dumm und merken das. Und dann liest man halt andere Medien..................."

Genau und diese Alternativmedien und sozialen Netzwerken sind sehr nüchtern, verwenden ganz nüchterne Überschriften und Formulierungen, sind gut recherchiert, lassen keine Tatsachen mit und wollen keine Stimmungen für / gegen etwas erzeugen .... und das Volk in bestimmte Richtungen "zu erziehen".

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26.05.2021

"Genau und diese Alternativmedien und sozialen Netzwerken sind sehr nüchtern, verwenden ganz nüchterne Überschriften.........."
.
Sie scheinen das Problem erkannt zu haben :-)

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26.05.2021

Und Sie scheinen Ironie nicht zu erkennen. ;-)

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25.05.2021

Volker Pispers traf auch hier voll ins Schwarze:
"Dieses Drecksblatt, das so widerlich ist, dass man toten Fisch beleidigt, wenn man ihn drin einwickelt."

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25.05.2021

Ein sehr guter Artikel,
leider kann der Deutsche Presserat nicht mehr tun als zu Rügen. Ich betrachte diese "Zeitung" als direkte Gefahr für unser demokratisches Grundverständnis, habe das auch beim Presserat vorbeigebracht, aber außer einer Feststellung, daß im journalistischen Sinne nicht korrekt recherchiert worden ist, ist nichts passiert. Leider!
Es wichtig gerade im Sinne der journalistischen Ethik dieses Blatt genauer zu beobachten. Danke, das Ihr dies hier getan habt.

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25.05.2021

Die Zeitung mit den großen Buchstaben beinflußt duch gezielte Kampangnen und Umbeschriftungen die Bevölkerung, sozusagen eine heimliche Regierung! Und nun will dieses Blatt auch noch einen frei empfangbaren Sender installieren... Abmahnungen durch den Presserat? Wer ist der Presserat, wenn Abmahnungen nicht publiziert werden, gar ignoriert werden!

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