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Katastrophe am Kitzsteinhorn

13.11.2000

"Mein Kind ist doch da oben"

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5 Bilder
Rettungsmannschaften vor der Gletscherbahn in Kaprun, in der ein Feuer ausgebrochen war.
Bild: dpa

155 Menschen sterben, als in der Gletscherbahn am Kitzsteinhorn ein Feuer ausbricht. Vor Ort in Kaprun, wo sich die "größte Katastrophe in der österreichischen Nachkriegsgeschichte" ereignet.

Christian Tessert und Niclas Norlander sitzen beim Frühstück, als plötzlich in ganz Kaprun die Sirenen heulen. Die beiden Eishockeyspieler des ESV Kaufbeuren wollten sich gerade auf den Weg machen zur Tunnelbahn am Kitzsteinhorn. "Eine halbe Stunde später und wir wären drin gewesen", sagt der 25-jährige Niclas und man merkt ihm die Erschütterung an. Es ist 9.10 Uhr, als die Winteridylle in der 3100-Einwohner-Stadt plötzlich zerstört wird. 155 Menschen, davon 42 aus Deutschland, kommen qualvoll ums Leben, als in der Gletscherbahn am Kitzsteinhorn Feuer ausbricht.

Dabei schien am frühen Morgen noch alles perfekt zu sein für den Start in die diesjährige Wintersaison im Salzburger Land. So wie die beiden Kaufbeurer und ihre Frauen wollten fast 3000 Wintersportler zum Snowboard-Opening auf den Gletscher des gut fünf Kilometer von Kaprun entfernten Kitzsteinhorns.

Selbst als die Sirenen heulen und Dutzende Rettungsfahrzeuge zur Talstation der Gletscherbahn rasen, ahnt noch niemand das Ausmaß des Unglücks. "Die Leute standen überall herum, mit Ferngläsern konnte man oben am Berg dichten, schwarzen Qualm sehen", erzählt Norlander, dessen Freund bereits vorab zum Gletscher hochgefahren war. "Wir haben versucht, ihn per Handy anzurufen, aber wir kamen nicht durch."

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"Der Zug brennt"

Erst im Laufe des Nachmittags wird deutlich, dass sich an diesem sonnigen Samstag die "größte Katastrophe in der österreichischen Nachkriegsgeschichte" abgespielt hat, wie Salzburgs Landeshauptmann Franz Schausberger später sagt. Mehrere hundert Sanitäter, Feuerwehrleute und Polizisten, die in regelrechten Kolonnen nach Kaprun ausgerückt sind, können nichts mehr für die Opfer tun. "Der Zug brennt", hatte der Fahrer der fast vollbesetzten Unglücksbahn per Funk noch an die Einsatzleitung melden können. Doch nur den wenigsten Passagieren gelingt es, sich durch Flucht tunnelabwärts zu retten.

155 Menschen, davon 42 aus Deutschland, kommen qualvoll ums Leben, als in der Gletscherbahn am Kitzsteinhorn Feuer ausbricht.
Bild: dpa

Als die ersten Helfer unter schwerem Atemschutz zur Unglücksstelle vordringen, stehen sie vor einem Bild des Grauens. Etwa 80 Menschen, die tunnelaufwärts geflohen waren, kamen nur wenige hundert Meter weit, bis sie im Qualm erstickten. Der Zug selbst war völlig verbrannt. "Nur noch das Fahrgestell ist übrig", sagt Schausberger, der die Bergungsaktion koordiniert.

Die Nachrichten überschlagen sich am Samstagnachmittag in Kaprun, wo die Sporthalle zu einem provisorisches Pressezentrum hergerichtet worden ist. Die Jugendherberge wird zur Anlaufstelle für die Angehörigen Vermisster erklärt. Noch immer ist nicht klar, wer im Zug war, wer wohlbehalten auf dem Gletscher angekommen ist. 

Hunderte Rettungskräfte rücken in Kaprun an.
Bild: dpa

Immer mehr Menschen treffen in der Jugendherberge ein, wo sie von Psychologen und Rot-Kreuz-Helfern empfangen und betreut werden. "Mein Kind ist doch da oben, mein Kind", stammelt eine junge Frau, ehe sie weinend zusammenbricht. Noch im Overall steht ein Skilehrer vor dem Haus. "Da sind auch Leute von unserer Gruppe dabei", sagt der junge Mann leise.

Es sind Stunden der Verzweiflung, aber auch Stunden der Hoffnung im Kaprunertal. Feuerwehrmänner und Beamte der Gendarmerie postieren sich rund um die Talstation, notieren die Namen der Skitouristen, die wegen des gesperrten Tunnels erst gegen Abend vom Gletscher zurückkommen. Die "Positivliste", wie es Landeshauptmann Schausberger ausdrückt, wird in der Nacht im Internet veröffentlicht. Die Restaurants und Kneipen in der Stadt, wo jetzt die "Après-Ski-Partys" steigen sollten, sind wie ausgestorben. Nur vereinzelt sitzen Menschen, verfolgen im Fernsehen die Sondersendungen.

In Bergstation überrascht

Um 19.30 Uhr versammeln sich hunderte am Feuerwehrhaus, wo ein erster Trauergottesdienst stattfindet. Die Blumen dafür haben Schüler abgegeben. Die für den Abend vorgesehene Party im örtlichen Gymnasium wurde ebenso abgesagt wie der "1. Rot-Kreuz-Ball" zum 30-jährigen Bestehen der Freiwilligen-Abteilung. "Gott, warum hast du uns verlassen?", fragt der Pfarrer vor drei aufgebahrten Särgen. Es sind die ersten geborgenen Opfer der Katastrophe, zwei Touristen und ein Mitarbeiter der Gletscherbahn, die in der 2452 Meter hoch gelegenen Bergstation von den giftigen Dämpfen überrascht und getötet worden waren.

Es wird sehr schnell still an diesem Samstagabend in Kaprun. Nur noch manchmal fährt ein Wagen mit Blaulicht durch die Straßen. Die Helfer, die am heißen, verrauchten Tunnel vorerst nichts mehr ausrichten können, kehren in ihre Quartiere zurück. "Die Bergung der Opfer wird am Sonntag wieder aufgenommen", verspricht der Landeshauptmann bei einer Pressekonferenz in der Sporthalle. In der kleinen Pfarrkirche St. Martin, mitten im Ort auf einem Hügel gelegen, suchen die Menschen Trost bei Gott. In vielen Schaufenstern, vor etlichen Haustüren brennen Kerzen.

Der Landeshauptmann von Salzburg, Franz Schausberger (l), beantworte in einer Pressekonferenz nach der Katastrophe am Kitzsteinhorn die Fragen von Journalisten.

Auch im Stadtzentrum, am Salzburger Platz, wo sich Touristen und Einheimische in Trauer vereint zusammenfinden, werden Kerzen entzündet. Am nahen Hotel Hubertushof steigt eine Skigruppe aus dem hessischen Eschwege in den Bus. Viele, die nicht unmittelbar betroffen sind, reisen ab. "Was willst du hier noch machen", sagt auch Christian Tessert. Die beiden Kaufbeurer Eishockey-Spieler und ihre Frauen wissen inzwischen, dass ihr Freund unter den Überlebenden ist. Er war am Abend wohlbehalten vom Gletscher zurückgekehrt. "Wir werden morgen wieder nach Kaufbeuren fahren", sagt Niclas. "Es wäre wohl keine gute Idee, noch weiter hier zu bleiben."

Erst am Sonntagmorgen kehrt wieder so etwas wie Leben in das Tal zurück. Die Jugendherberge, wo sich noch immer Angehörige Vermisster melden, wird von Kamerateams belagert. Gendarmerie-Beamte und Soldaten sind hier postiert. "Die Ungewissheit ist das Schlimmste", sagt Dieter Lederer, ein junger Rekrut, der mit seinen Kameraden von einem Sanitätstrupp im nahen Tennisheim untergebracht ist. Auch auf der schmalen Straße, die von Kaprun zum Kitzsteinhorn führt, stehen Polizeibeamte. Die Zufahrt von der Stadt zum Unglücksort ist gesperrt. Nur die Hilfsmannschaften werden durchgewunken, Feuerwehr, Bundesheer und Rotes Kreuz. Beamte der Kriminalpolizei sind ebenfalls darunter.

Die Jugendherberge, wo sich noch immer Angehörige Vermisster melden, wird von Kamerateams belagert. Gendarmerie-Beamte und Soldaten sind hier postiert.
Bild: dpa

Gerüchte kursieren

Das Vorhaben, von oben in den Tunnel einzusteigen und mit der Bergung und Identifizierung der Opfer zu beginnen, scheitert jedoch zunächst. "Es raucht noch immer stark, Zusammensetzung und Giftigkeit der Dämpfe sind noch nicht klar", erklärt die Einsatzleitung gegen 10 Uhr. Den vielen Gerüchten, die in diesen Stunden aufgekommen sind, kann sie bis dahin kaum etwas entgegenhalten. Ob der Zug schon bei der Einfahrt brannte, woher die Opfer stammen ­ Landeshauptmann Schausberger und der technische Leiter der Bahn, Manfred Müller, halten sich mit konkreten Aussagen zurück.

Walter Jäger vom Kapruner Skisportclub weiß bereits seit Samstagabend, dass unter den Opfern mindestens vier Mitglieder seines Vereins sind. "Ein Trainer, ein Kind, zwei Eltern", sagt er und verbeißt sich mühsam die Tränen. "Wir sind seit Jahren da hochgefahren. Ich hätte nie einen Gedanken gehabt, dass da was passieren könnte."

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