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Interview

25.05.2020

"Menschen sind anpassungsfähig wie Kakerlaken"

Umweltschützer und Schauspieler Hannes Jaenicke widmet seine jüngste TV-Dokumentation dem Leben und Leiden der Lachse und will auch die Lügen der Nahrungsmittelindustrie offenlegen.
Bild: Jens Kalaene, dpa

Exklusiv Hannes Jaenicke ist Schauspieler und Umweltaktivist. Warum er glaubt, dass die Erde trotz aller Umweltsünden auch in 100 Jahren noch bewohnt sein wird.

Herr Jaenicke, Sie wissen als erfolgreicher Schauspieler Ihre Popularität auch politisch zu nutzen. Sie schreiben, organisieren Demonstrationen und arbeiten als Doku-Filmer. Gab es da einen Auslöser?

Hannes Jaenicke: Schon als Teenager war ich politisch interessiert, bin mit 16 bei Greenpeace eingestiegen. Das liegt sicherlich auch an meiner Herkunft. Meine Eltern waren politisch und sozial immer sehr engagiert. Später auf Dreh-Reisen habe ich mich in irgendwelchen Hotels dabei erwischt, wie ich bis spät nachts vor der Glotze bei Dokumentationen hängen geblieben bin. Das Genre hat mir immer schon gefallen, und ich fragte mich: Warum nicht selber mal Dokus machen?

Was können Sie denn als Umweltaktivist mit Ihren Filmen bewirken?

Jaenicke: Wir haben es mit unserer Dokureihe geschafft, ganze Kaufhaussortimente umzustellen. Unser Hai-Film hatte beispielsweise erstaunliche Wirkung. Seitdem gibt es kaum noch Hai-Produkte in Deutschland. Das Berliner Kaufhaus des Westens hat sofort das gesamte Hai-Sortiment rausgeworfen, viele andere haben ebenfalls ihr Fischsortiment umgestellt. Der neue Film über Lachse wird hoffentlich einen ähnlichen Effekt haben. Die meisten Menschen haben keinen Schimmer, was sie sich und der Umwelt antun, wenn sie Lachs essen. Sicherlich haben wir nicht immer so durchschlagende Wirkung. Da das SUV nach wie vor das meist zugelassene Auto ist, hat unser Film über Eisbären und Polkappen-Schmelze offenbar seine Wirkung verfehlt.

Sie haben mal gesagt: „Je mehr ich mich engagiere, umso besser geht es mir. Je weniger ich mich nur um mich selbst und je mehr ich mich um andere kümmere, desto zufriedener steige ich abends ins Bett!“ Ist Ihr Einsatz für die Umwelt auch eine Einzahlung aufs eigene Karmakonto?

Jaenicke: All das mache ich bestimmt auch aus egoistischen Gründen. Dann weiß ich abends wenigstens, was ich getan habe. Das ist besser, als den ganzen Tag auf den Golfplatz, in eine Shopping Mall oder in die Muckibude zu gehen. Insofern tut mir das selbst gut. Aber es ist auch eine Baustelle, die wir für die folgenden Generationen bearbeiten sollen und müssen. Ich lebe am Ammersee. Wenn ich da sehe, dass viele Triebe an den Bäumen jetzt schon braun werden, weil wir so wenig Regen hatten, dann ist das mehr als ein Indiz. Das Klimathema löst sich wegen Corona nicht in Luft auf. Insofern arbeite ich da auf einer Baustelle, die existenziell wichtig ist.

Ein anderer Grund, den Sie für Ihren Einsatz genannt haben, ist das Artensterben. Sie haben mal erzählt: „Ich wollte dieses Thema bedienen, auch weil ich als Junge aufgewachsen bin mit lautem Vogelgezwitscher morgens. Und es ist in Deutschland echt still geworden. Wir haben mittlerweile 60 Prozent unseres Vogelbestands verloren.“ Jetzt sterben gerade die Blaumeisen. Wo wird das enden?

Jaenicke: Also ich möchte nicht pessimistisch klingen, darum erzähle ich lieber eine positive Episode. Bei mir am Westufer des Ammersees war in den vergangenen Tagen ein Kuckuck zu hören. Das war im ganzen Dorf Gesprächsthema. Als ich Kind war, hätte das kaum jemand wahrgenommen. Aber jetzt war erstmals seit Jahren wieder ein Kuckuck zu hören. In Sachen Artensterben sehe ich allerdings eher schwarz. Das könnte man nur stoppen, wenn die Politik genauso entschieden damit umgehen würde wie mit der Corona-Krise. Wir verlieren täglich 40 bis 50 Arten! Von zwei Millionen bekannten Arten stirbt die Hälfte aus. Ich wüsste nicht, wer das verhindern soll, und tue eben, was ich tun kann.

Wird die Erde in 100 Jahren noch bewohnbar sein?

Jaenicke: Die wenigen Länder, die es richtig machen, wie Neuseeland, einige US-Bundesstaaten, Costa Rica, um nur einige zu nennen, werden nicht ausreichen, um die Klimakrise zu stoppen. Aber Menschen sind anpassungsfähig. Die sind so ähnlich wie Kakerlaken, irgendwie überleben die immer. Aber ich frage mich, ob das dann noch eine lebenswerte Umwelt ist. Die Experten sprechen von zwei kritischen Kipppunkten. Der eine ist 2030, der andere 2050. Den ersten werde ich vermutlich noch erleben, den anderen hoffentlich nicht mehr. Da bin ich froh, dass ich Jahrgang 1960 bin.

In Ihrer Reihe für das ZDF berichten Sie schon seit 2006 über aussterbende Tierarten weltweit und den Raubbau an der Natur. Diesmal geht es um den Lachs. Warum widmen Sie die Reportage gerade diesem Fisch?

Jaenicke: Ich habe seit Jahren versucht, dieses Thema durchzusetzen. Doch das war ein bisschen schwierig, weil Speisefische keine schnuckeligen Tiere sind. Mich persönlich haben an dem Thema vor allem zwei Dinge fasziniert: Zum einen die Marketing-Strategie der Fischindustrie, die uns weismacht, Lachs sei ein gesundes, Omega-3-reiches Superfood. Das ist eine der größten Lügen der Nahrungsmittelindustrie.

Und der zweite Punkt?

Jaenicke: Mir fällt kein Tier ein, das sich so quält für seinen Nachwuchs wie der Lachs. Die werden ja an der Flussquelle geboren, schwimmen den Fluss runter in den Ozean. Dort tummeln sie sich einige Jahre, bis sie diese unfassbar strapaziöse Reise zurück antreten. An der Quelle paaren sie sich, die Eltern sterben und die Kadaver frieren im Winter ein. Im darauf folgenden Frühjahr sind die Eltern dann die erste Nahrung für den frisch geschlüpften Nachwuchs. Ich finde den Lebenszyklus des Lachses extrem emotional. Gleichzeitig vernichten wir durch unseren Lachskonsum das marine Ökosystem. Überall da, wo eine Lachsfarm aufgemacht wird, kollabiert dieses System. Das wissen die wenigsten. Wir glauben ja, wenn wir Lachs essen, tun wir uns etwas Gutes.

In der Tat denken das viele.

Jaenicke: Es gibt eine neue schwedische Studie, die besagt, dass Zuchtlachs zu den giftigsten Lebensmitteln zählt. Das lasse ich einfach mal so stehen. Aber wir vergiften uns beim Lachs essen nicht nur selbst, sondern das gesamte Ökosystem. Das weiß der Fischliebhaber nicht. Und darum wollte ich unbedingt diesen Film machen.

Haben Sie schon mal Lachs gegessen?

Jaenicke: Ich bin seit Anfang der 80er Jahre Vegetarier. Als junger Mensch habe ich mit Sicherheit auch Lachs gegessen. Aber bei uns zu Hause gab es ihn nicht, weil es damals noch eine teure Delikatesse war. Als er in Mode kam, war ich schon Vegetarier. Aber Lachs ist ja ein preiswertes Alltagsprodukt geworden. Mittlerweile weiß ich aber, wie es produziert wird. Und ich denke, das sollte man den Leuten mal vorführen.

Darf man als ökologisch bewusster Mensch heutzutage überhaupt noch Fisch oder Fleisch essen?

Jaenicke: Ich denke, es hängt von der Menge ab. Wenn man den Sonntagsbraten wieder einführt oder einmal die Woche ein Biosteak von einer Kuh isst, die auf einer Weide im Allgäu gestanden ist, ist das meiner Meinung nach vertretbar. Das Gleiche gilt für Fisch. Aber tatsächlich ist das Beste, das man für die Umwelt tun kann, Veganer zu werden.

Das ist aber vielleicht auch nicht jedermanns Sache.

Jaenicke: Schauen Sie mich an, ich bin bisher auch noch nicht von den Knochen gefallen. Patrik Baboumian, ein Freund von mir, ist der stärkste Mann der Welt und seit 15 Jahren Veganer. Uns geht es bombig, wir haben gerade einen Spot zum Thema Klimaleugner zusammen gedreht. Arnold Schwarzenegger ist Veganer. Viele Hochleistungssportler leben vegan. Man kann auch mit dieser Ernährungsart viel leisten. Ich verstehe nicht, warum so viele Menschen glauben, Fleisch und Fisch gehören gezwungenermaßen zu unserer Ernährung. Das braucht aber kein Mensch. Aber ich gebe zu, dass ich da eine sehr parteiische Sichtweise habe.

Warum dauert es solange, bis sich ein Ernährungswandel einstellt. Man hat ja als Fleischesser nicht so viele gute Argumente?

Jaenicke: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Wenn man seit jeher Würstchen, Aufschnitt und Braten gegessen hat, dann ist es schwer, zu sagen: Was soll ich denn stattdessen essen? Manche haben auch das Gefühl, dass sie ohne Fleisch und Fisch nicht satt werden. Das ist ein Lern- und Informationsprozess. Die meisten haben keine Ahnung, was sie sich antun, wenn sie Fleisch aus der Massentierhaltung essen oder Fisch aus Pangasius- oder Lachsfarmen. Natürlich hat die Lebensmittelindustrie kein Interesse daran, uns zu informieren. Sonst wüssten wir ja, was wir mit diesen Nahrungsmitteln uns und der Natur antun.

Aber auch da könnte es doch ein Umdenken geben. Denn essen müssen die Menschen ja, auch wenn es vegan oder vegetarisch ist.

Jaenicke: Ich weiß nur, dass die Lachsindustrie in Norwegen die zweitlukrativste nach Öl und Gas ist. Und die Fleischindustrie ist ein Milliardengeschäft. Da geht es immer um Geld. Die Konzerne, die uns Fisch und Fleisch verfüttern, lassen sich ungern die Butter vom Brot nehmen. Genauso verrückt ist es doch, dass der SUV oder sogenannte ‚Stadtgeländewagen’ in Deutschland die meistverkaufte Autoklasse ist. Das hat etwas mit dem Marketing der Autokonzerne zu tun.

Müssten wir nicht unsere Lebensweisen und unsere Art zu wirtschaften völlig ändern, wenn wir den Planeten nicht zugrunde wirtschaften wollen?

Jaenicke: Absolut. Besser kann man das nicht formulieren. Wir müssten komplett anders wirtschaften und auch komplett anders konsumieren. Vielleicht ist der Mensch ja schlau genug, aus dieser Corona-Krise etwas zu lernen. Denn man kann ja gerade wunderbar beobachten, wie schnell sich die Natur erholt.

Und man stellt fest, es braucht das meiste nicht, was man so konsumiert.

Jaenicke: Man stirbt ja tatsächlich nicht, wenn man nicht für den Preis einer Taxi-Fahrt nach Malle fliegt oder mit Ryanair zur Barcelona-Party. Es ist erstaunlich, auf wie viel man verzichten kann, ohne sich existenziell einzuschränken. Ich bin jetzt zum ersten Mal seit Jahren viel daheim, fahre Rad, mache Spaziergänge und merke, wie wenig ich brauche, um ein zufriedenes Leben zu haben. Ich klimpere seit Jahren mal wieder am Klavier, lese und höre Musik.

Ist so ein Wandel langfristig möglich?

Jaenicke: Der kommt erst, wenn der Leidensdruck groß genug ist. Freiwillig sehe ich keine Chancen.

Viele Menschen leugnen aber den von Menschen gemachten Klimawandel...

Jaenicke: Das liegt an dem grauenhaften Wort ,Fake News’, das Populisten so gerne verwenden. Das wird von Leuten gebraucht, die die Wissenschaft komplett ignorieren. Man mag von Greta Thunberg halten, was man will. Aber sie sagt doch nur: Hört auf die Wissenschaft! Die wird eisern ignoriert. Nehmen Sie unseren Verkehrsminister Andreas Scheuer, oder den Chef von VW, Herrn Diess. Die reden ja, als hätten sie noch nie etwas von Klimaforschung gehört. Das gleiche gilt für Politiker wie FDP-Chef Christian Lindner oder den CDU-Wirtschaftsrat, der vorschlägt, wir sollten die Umweltgesetze jetzt lockern, damit man die Wirtschaft schneller wieder hochfahren kann. Da merkt man, wie kurzsichtig diese Menschen sind.

Durch die Corona-Krise sind die Umweltthemen nach hinten gerutscht. Wird sich das wieder drehen?

Das Klimathema kommt so sicher wieder wie das Amen in der Kirche.

Zur Person: Hannes Jaenicke, 60, ist Schauspieler und Umweltaktivist. Er lebt am Ammersee. Seine Dokumentation „Im Einsatz für den Lachs“ ist am Dienstag, 16. Juni 2020, 22.15 Uhr im ZDF zu sehen.

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