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Interview

22.10.2018

Minimalismus: Dieser Mann führt ein Leben ohne Ballast

Christof Herrmann am Startpunkt seiner Wanderung durch Deutschland, dem Haldenwanger Eck in den Allgäuer Alpen. Herrmann lief hier im Juni los. Anfang September erreichte er Sylt.
Bild: Christof Herrmann

Christof Herrmann führt ein Leben ohne Ballast. Minimalismus nennt sich dieser Trend. Nun ist er durch Deutschland gewandert. Ganz minimalistisch natürlich.

Herr Herrmann, Sie schreiben auf Ihrem Blog im Internet über Minimalismus. Was verstehen Sie darunter?

Christof Herrmann: Ein Leben ohne Ballast. Das definiert jeder aber anders.

Wie leben Sie so ohne Ballast?

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Herrmann: Ich habe kein Auto, reduziere den Konsum. Vor ein paar Jahren hatte ich noch über 10.000 Gegenstände, wie jeder durchschnittliche Deutsche, darunter 5000 Tonträger. Jetzt habe ich wirklich nur noch Sachen, die ich brauche.

Und führen ein zufriedenes Leben, haben Sie einmal gesagt. Was aber hat Wandern mit Minimalismus zu tun?

Herrmann: Man lernt beim Wandern, vor allem beim Fernwandern, mit wenig auszukommen, die Vorteile daraus zu ziehen und in den Alltag mitzunehmen. Da reicht es schon, eine Woche lang unterwegs zu sein. Es ist auch mit die günstigste Form, Urlaub zu machen. Man hat meist nur eine kurze An- und Abreise und läuft jeden Morgen da weiter, wo man abends aufgehört hat. Es ist womöglich auch die nachhaltigste und gesündeste Art des Urlaubs, weil man sich bewegt, ohne den Körper zu überbeanspruchen.

Sie sind nun vom südlichsten bis zum nördlichsten Punkt Deutschlands gewandert und haben auch darüber geschrieben.

Herrmann: Vor etwa zwei Jahren hatte ich den Einfall. Dann habe ich mir eine Route ausgedacht, die einigermaßen direkt ist, aber eben auch einigermaßen schön. Am Ende sind 1735 Kilometer zusammengekommen.

Welches Ziel hatten Sie?

Herrmann: Mein Ziel war, möglichst jeden Meter zu gehen. Ich wollte einfach, nachhaltig und vegan unterwegs sein. Das habe ich auch geschafft. Außerdem wollte ich natürlich Spaß dabei haben.

Was waren Ihre ersten Eindrücke?

Herrmann: Ich bin in Süddeutschland aufgewachsen. Nördlich von der Rhön in Thüringen ist die Landschaft aber schon ganz anders. Dort gibt es viele Bauten aus Backsteinziegeln, die typisch für Norddeutschland sind. Die Menschen haben mich überrascht, weil ich dachte, dass sie recht verschlossen und kühl sind. Aber das war gar nicht so. Sie sind zwar kurz und knapp, aber total hilfsbereit.

Was hat Sie besonders beeindruckt?

Herrmann: Die Allgäuer Alpen fand ich toll, dort bin ich gestartet. Vom Haldenwanger Eck aus bin ich an Oberstdorf vorbei nach Lindau gegangen. Ich dachte, es ist ganz schön, die Route vom Schwäbischen Meer, dem Bodensee, bis zur Nordsee zu spannen. Von Lindau aus bin ich dann über Würzburg bis in die Rhön gewandert. Dort hat es mir auch sehr gut gefallen. Aber auch die Wattwanderung nach Amrum hat mich beeindruckt, das habe ich vorher noch nie gemacht. Das Ende meiner Wanderung war der Ellenbogen auf Sylt, der nördlichste Punkt Deutschlands.

Was bleibt Ihnen von dieser Tour?

Herrmann: Erstens: Deutschland ist sehr groß und vielfältig. Das vergisst man, wenn man mit Bus oder Bahn durchfährt. Macht man das zu Fuß, sieht man die Dimension. Zweitens: Deutschland ist außerhalb der Mittelgebirge und geschützten Gebiete landschaftlich wirklich zugebaut. Es ist nicht fünf Minuten, sondern fünf Sekunden vor Zwölf. Man kann die Zerstörung beobachten. Das macht mich traurig, ärgerlich, hilflos. Drittens: Persönlich merke ich auf jeder Wanderung, dass man nicht mehr braucht als Vogelgezwitscher und seinen eigenen Atem, um zufrieden zu sein. Das in den Alltag zu übernehmen, diese Einfachheit, das lerne ich immer wieder aufs Neue.

Minimalismus und Wandern liegen ja im Trend.

Herrmann: Wanderland Deutschland – nein, das habe ich so nicht bestätigen können. Ich habe auf dieser Tour praktisch keine Wanderer gesehen. Prinzipiell glaube ich schon, dass die Leute gerne wandern. Aber es gibt immer Gründe, es nicht zu tun: Es ist zu heiß, es regnet, es läuft Fußball. Wandern ist auch anstrengend, man schwitzt und es erfordert Organisation, weil ja kaum jemand direkt vor dem schönen Wald wohnt. Das ist eine Hemmschwelle, die die Leute abschreckt.

Wem würden Sie eine solche Wanderung wie die Ihre empfehlen?

Herrmann: Wochenlange Fernwanderungen sind nichts für Anfänger. Aber Abschnitte davon kann jeder machen: Einfach loslaufen und es ein paar Tage ausprobieren!

Sind Sie also künftig nur noch zu Fuß im Urlaub unterwegs?

Herrmann: Nein. Ich genieße es auch, mit ein paar Klamotten mehr im Rucksack eine Städtereise zu machen. Das hat auch seine Reize.

Zur Person: Christof Herrmann ist 46 und aus Nürnberg. Nach einem Informatik-Studium arbeitete er im IT-Bereich, fand aber keine Erfüllung darin. In seinem Blog schreibt er über Minimalismus, Nachhaltigkeit, vegane Ernährung und Wandern. Dort, unter www.einfachbewusst.de, gibt es auch Infos über sein E-Book „Deutschland der Länge nach – 73 Tage und 1735 km von den Allgäuer Alpen bis nach Sylt“.

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