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Missbildungen
24.10.2019

In Portugal wird ein Baby ohne Gesicht geboren

Ultraschall-Untersuchungen sind heute Standard bei der ärztlichen Betreuung von Schwangeren.
Foto: Patrick Pleul, dpa (Symbol)

Ein Kind kommt mit schweren Missbildungen zur Welt. Obwohl der Arzt immer sagte, auf den Ultraschallbildern sei alles okay. Ein fataler Irrtum oder Schlamperei?

Die Eltern waren geschockt, als ihr Baby in der portugiesischen Stadt Setúbal auf die Welt kam: Ihr Neugeborener, der kleine Rodrigo, hatte keine Augen, keine Nase, ein Teil des Schädels fehlte. Dabei hatte der Frauenarzt, der die Mutter während der Schwangerschaft betreute, stets versichert, dass auf den Ultraschallbildern keine Fehlbildungen sichtbar seien. Einem Untersuchungsergebnis einer anderen Klinik, die sehr wohl bedenkliche Auffälligkeiten festgestellt hatte, maß er keine Bedeutung bei. Nun verklagten die verzweifelten Eltern den Mediziner auf Schadenersatz.

Das „Baby ohne Gesicht“, wie Portugals Medien den Fall nannten, setzte eine Lawine von Anklagen gegen den Arzt in Gang. Denn offenbar war es nicht das erste Mal, dass sich der 69-jährige Gynäkologe geirrt und schwere Anomalien während der Schwangerschaften nicht erkannt hatte.

Baby ohne Gesicht geboren: Der Arzt meinte, alles sei okay

Wie portugiesische Zeitungen berichteten, hatte der Frauenarzt stets bescheinigt, dass alles in Ordnung sei und bei den Ungeborenen keine Anomalien vorliegen – was aber nicht der Fall war. Etliche der Babys kamen mit Missbildungen auf die Welt. Zur ganzen Wahrheit gehört allerdings auch: Wären die Anomalien frühzeitig erkannt worden, wären viele dieser Kinder womöglich abgetrieben worden.

Merkwürdigerweise verliefen alle Klagen gegen den Arzt, die vor der portugiesischen Ärztekammer oder auch vor Gericht eingereicht wurden, bisher im Sande. Meist, wie sich inzwischen herausstellte, ohne dass die zuständigen Stellen überhaupt eine formelle Untersuchung in die Wege leiteten und ohne dass sie den Mediziner zu dem Vorfall befragten. Ganz nach dem Motto: Der Arzt hat immer recht. Ein Vorgehen, das nach behördlicher Schlamperei, Korruption und falsch verstandener Kumpanei riecht.

Doch nun, nachdem der Fall des „Babys ohne Gesicht“ die portugiesische Öffentlichkeit tief erschütterte, wächst der Druck auf die Justiz und auf die Ärztekammer, etwas zu unternehmen. Inzwischen kündigte die Staatsanwaltschaft nach der Strafanzeige von Rodrigos Eltern strafrechtliche Ermittlungen an.

Der Arzt soll vorerst suspendiert werden

Auch die portugiesische Ärztekammer reagierte: Sie erklärte, dass der fragliche Frauenarzt zunächst für sechs Monate suspendiert werde. „Es gibt klare Indizien, dass die Klagen begründet sind“, erklärte die Kammer in einer Mitteilung. Angesichts des Risikos, dass der Arzt weitere Fehldiagnosen stelle, dürfe der Mediziner bis zur Klärung der Vorwürfe nicht mehr praktizieren. Mit dieser Maßnahme wolle man zudem weiteren Schaden am Ruf der Ärztezunft vermeiden.

Die Qualität des Gesundheitssystems steht in Portugal schon länger in der Kritik. Es ist kein Geheimnis, dass Portugals Gesundheitswesen aus dem letzten Loch pfeift. Die lokalen Behandlungszentren und auch die großen Kliniken leiden unter großem Personalmangel, weil Pfleger und Ärzte oftmals ins Ausland abwandern, wo sie sehr viel besser bezahlt werden. Etliche Gesundheitszentren auf dem Land wurden geschlossen, was die Bevölkerung bei Erkrankungen zu beschwerlichen Reisen in die größeren Städte zwingt.

Zudem sind viele medizinische Geräte in den Kliniken veraltet. Der Staat hat seit Jahren nicht mehr in das öffentliche Gesundheitssystem investiert. Eine Folge des harten Sparkurses des Landes, das 2011 vor der Staatspleite stand und harte Auflagen der internationalen Gläubigergemeinschaft erfüllen musste.

Derweil ringt der kleine Rodrigo, der am 7. Oktober mit schweren Fehlformationen am Kopf zur Welt gekommen war, mit dem Leben. Doch inzwischen muss Rodrigo nicht mehr künstlich beatmet werden. Seine Mutter Marlene kann ihn mit der Milchflasche füttern. Kleine Signale der Hoffnung – auch wenn die Ärzte dem Kleinen weiterhin nur geringe Überlebenschancen einräumen.

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