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Niels Högel

22.01.2019

Mitarbeiter in Prozess um Patientenmörder schwer belastet

Niels Högel soll 100 Patienten an den Kliniken in Delmenhorst und Oldenburg getötet haben.
Bild: Mohssen Assanimoghaddam, dpa (Archiv)

Wer wusste was über Niels Högel – und vor allem wann? Ein ehemaliger Klinikums-Mitarbeiter belastet seine Ex-Kollegen vor Gericht schwer.

Krankenpfleger Frank Lauxtermann, 55 Jahre alt, sitzt am Dienstag allein am Zeugentisch in der Oldenburger Weser-Ems-Halle, weißes Hemd, blaue Jeans, etwas aufgeregt. Und er redet frei.

Es ist Tag acht im Mordprozess gegen den früheren Krankenpfleger Niels Högel. Es geht in diesem Prozess um die Frage, ob Högel schuldig ist am Tod von 100 Patienten, aber heute steht noch eine andere Frage im Raum: Hätte Högel frühzeitig gestoppt werden können? Wer wusste was wann im Klinikum Oldenburg?

Fall Niels Högel: Kollegen sollen Zusammenhänge erkannt haben

Frank Lauxtermann sagt: „Es gab Kollegen, die haben die Zusammenhänge gesehen, mit den Todesfällen, Reanimationen, dem Namen Niels Högel.“ Ein weiterer Zeuge, Dr. H., 60 Jahre alt, Leitender Oberarzt, offenbart hingegen große Erinnerungslücken. Pfleger Niels Högel? „Kenne ich nur vom Bild her“, sagt der Arzt. Die berühmte Strichliste von Station 211, die zeigt, dass kein anderer Pfleger so häufig bei Reanimationen und Todesfällen im Dienst war wie der Pfleger Högel? „Ich kenne diese Liste nicht.“

Das sogenannte schwarze Wochenende im September 2001, bei dem es eine zweistellige Zahl an Reanimationen gab und fünf Patienten starben? „So ein Wochenende hat es gegeben, aber ich kann mich nicht konkret erinnern“, sagt Dr. H.

Nach manchen Sätzen gibt es Gelächter im Zuschauerbereich. Ein Nebenklagevertreter sagt zu Dr. H.: „Am liebsten würde ich Sie fragen, ob Sie sich nicht erinnern können oder nicht erinnern wollen!“ Der Richter nimmt Dr. H. unter Eid nach seiner Aussage. „Ich gebe Ihnen jetzt noch einmal Gelegenheit, falls Sie etwas abändern wollen. Nein?“ Alle aufstehen, bitte, Dr. H. muss die rechte Hand heben, schwören. Meineid wird mit Gefängnis bestraft, die Vereidigung soll sicherlich ein Zeichen sein, an den nächsten Verhandlungstagen sollen noch zahlreiche Ex-Mitarbeiter gehört werden.

Dr. Bernd N., der ebenfalls aussagen soll, erscheint erst gar nicht. Der Stationsleiter macht von seinem Auskunftsverweigerungsrecht Gebrauch. Das darf er, weil der 57-Jährige selbst beschuldigt wird, der Vorwurf: Totschlag durch Unterlassen. Bernd N. soll damals die Strichliste auf Station 211 angefertigt haben. Doch er sagt eben nichts.

„Ich sage das, was ich für richtig halte“: Zeuge Frank Lauxtermann vor der Weser-Ems-Halle.
Bild: Torsten von Reeken

"Ach, der Todeshögel ist wieder da"

Somit bleibt alles am Zeugen Frank Lauxtermann hängen. Er berichtet, dass zunächst noch von einer „Pechsträhne“ die Rede war. Dass es bereits im Jahr 2000 Sprüche gab wie: „Ach, der Todeshögel ist wieder da.“ (Wenn auch geäußert von einer Kollegin, die bekannt gewesen sei für ihre „Berliner Schnauze“.) Dass spätestens Ende 2001 die „Stimmung kippte“. Dass es Kollegen „schlecht ging“ mit der Situation. Dass sie nach Högels Versetzung in die Anästhesie gesagt hätten: „Jetzt haben sie den in die Anästhesie geschickt, bei all dem, was hier passiert ist! Und die haben denen nichts gesagt in der Anästhesie!“

Die ehemaligen Kollegen hätten ihn damals sogar gebeten, anonym Anzeige zu erstatten. „Ich habe gesagt: Ihr könnt doch auch eine anonyme Anzeige machen, warum soll ich das machen? Aber die hatten wohl Angst, dass es Gerede gibt, dass sie in Verdacht geraten.“ Im Klinikum habe es eine „Kultur des Wegschauens und Wegduckens“ gegeben. Nach und nach wandten sich alle alten Kollegen von Lauxtermann ab, der immer sagte, was er für richtig hielt.

Das Thema Högel sei unter den Mitarbeitern so präsent gewesen, „da musste man schon unter Narkose gestanden haben, wenn man das nicht mitbekommen hat“. Darüber sprechen mag an diesem Tag aber nur einer.

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