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Nachtcafé

29.11.2019

Moderator Michael Steinbrecher: Warum er für mehr Würde kämpft

Freitagabends lädt Michael Steinbrecher zum Talk ins „Nachtcafe“ im SWR Fernsehen. In seiner Sendung am 29. November geht es ab 22.15 Uhr um das Thema „Der Wahrheit verpflichtet?“
Bild: obs/SWR/Alexander Kluge

Talkshow-Moderator Michael Steinbrecher hat ein Buch über das Thema Würde geschrieben. Weshalb ihn das so bewegt, hat viel mit seiner Familiengeschichte zu tun.

Herr Steinbrecher, die Würde des Menschen ist...?

Michael Steinbrecher:...antastbar.

Im Grundgesetz-Artikel 1 steht etwas anderes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Moderator Michael Steinbrecher: Warum er für mehr Würde kämpft

Steinbrecher: Meiner Überzeugung nach wird dieser Satz erst wahr, wenn wir etwas dafür tun – erst dann gewinnen wir den Kampf um die Würde.

So heißt auch Ihr neues Buch: „Der Kampf um die Würde. Was wir vom wahren Leben lernen können.“ Können Sie in einem Satz sagen, was Sie „vom wahren Leben“ gelernt haben?

Steinbrecher: Oh, dann könnte ich mir ja das Bücherschreiben sparen. Nein, ich habe vor allem eines gelernt: Wir sollten den Menschen, die um die Würde kämpfen, zuhören. Das sind Familien mit Kindern, die keine Wohnung bekommen; Jugendliche, die erkennen müssen, dass Chancengleichheit nur ein Wort ist; Menschen, die ihre Arbeit verlieren und gemieden werden. Sie alle kommen zu selten öffentlich zu Wort. Deshalb möchte ich ihnen eine Stimme geben in meinem Buch. Ich finde, wir machen uns um das Thema Würde zu wenige Gedanken.

Sie schreiben „wahres Leben“.

Steinbrecher: Es geht mir dabei um die Frage, wie wir auf die Gesellschaft schauen. Zahlen sind ein hilfreiches Mittel, aber hinter den Zahlen verbergen sich die Lebensgeschichten von sehr vielen Menschen.

Viele Geschichten seiner Gäste lassen ihn nicht los

In Ihrem Buch erzählen Sie die Lebensgeschichten Ihrer Gäste weiter, mit denen Sie in Ihrer SWR-Talkshow „Nachtcafé“ sprachen. Warum?

Steinbrecher: In den Sendungen tauchte immer wieder das Thema Würde auf, ohne dass wir über den Begriff explizit gesprochen haben. Dabei ging es zum Beispiel bei den Themen Wohnungsnot, Armut oder Pflegenotstand immer wieder genau darum: Menschen kämpfen um ihre Würde. Und mir ist immer klarer geworden: Um Würde geht es vom Aufwachsen bis zu den letzten Metern.

Es ist nicht Ihr erstes Buch mit „Nachtcafé“-Geschichten. Welche Geschichte, welcher Gast lässt Sie nicht mehr los?

Steinbrecher: Da gibt es viele. Viele Begegnungen gehen mir und der Redaktion nach. Es wäre auch eigenartig, wenn das nicht so wäre. Wir gehen nach jeder Sendung lange mit den Gästen essen. Nach einer Sendung, in der Menschen sehr Persönliches von sich preisgegeben haben, können und wollen wir nicht sagen: So, das war’s!

Fällt es Ihnen da manchmal schwer, die journalistische Distanz zu wahren?

Steinbrecher: Wenn ich in der Sendung bin, habe ich ja meine Aufgabe und die Verantwortung, Themen so anzugehen, dass sich die Zuschauer ein Bild machen können. Und: Auch Journalisten können sich doch von etwas berühren lassen!

Sprechen wir über das Thema „Würde und Medien“. Sie arbeiten seit 2009 auch als Journalismus-Professor. Ist die Menschenwürde in den sogenannten sozialen Medien denn noch gewährleistet?

Steinbrecher: Ich glaube, wir haben alle erkannt, dass die sozialen Medien nicht eingehalten haben, was sich viele von ihnen idealistisch versprochen haben: Demokratisierung, offene Diskussionen... Soziale Medien stehen mittlerweile auch für eine Kultur, in der sich nicht mehr alle trauen, ihre Meinung zu sagen, aus der Angst vor dem nächsten Shitstorm. Soziale Medien stehen auch für eine Verrohung der Kommunikation. Im Endeffekt müssen wir uns fragen: Wie wollen wir miteinander umgehen? Wie und wo sollen die wichtigen politischen Themen verhandelt werden? Wie wollen wir in Zukunft leben?

Schon vor Jahrzehnten erhielt er Hassbotschaften

Erhalten Sie viele Hassbotschaften?

Steinbrecher: Ich habe solche Botschaften schon bekommen, lange bevor es soziale Netzwerke gab. Früher haben wir im ZDF „Doppelpunkt“-Sendungen über Asylbewerber gemacht. Damals erhielt ich üble Briefe...

...das war Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre?

Steinbrecher: Ja. Man solle mich in einer Jauchegrube versenken. So was in der Art. Was das „Nachtcafé“ angeht, überwiegt die sachliche und konstruktive Auseinandersetzung. Wir haben um diese Sendung herum eine Kultur geschaffen, in der eine Diskussion funktioniert. Ich hoffe, das bleibt so. Das „Nachtcafé“ soll eine Plattform für den sachlichen Austausch sein – so, wie es in der Gesellschaft oft leider nicht mehr der Fall ist.

Das Fernsehen sollte mehr „Nachtcafé“ wagen?

Steinbrecher: Dagegen hätte ich nichts einzuwenden.

Was raten Sie Journalisten? Was können diese zu einer wieder besseren Debattenkultur beitragen?

Steinbrecher: Dialogfähig bleiben, ihre Arbeit transparent machen. Worauf beruhen unsere Geschichten? Wie recherchieren wir? Und: Selbstkritik üben. Mir wurde diesbezüglich vorgehalten, ob das nicht Wasser auf die Mühlen unserer Kritiker sei. Ich bin der Meinung: nein. Wir können aus einem gesunden Selbstbewusstsein heraus doch durchaus kritisch auf unsere Arbeit schauen! Das ist eine Stärke – und ein Weg, der die Glaubwürdigkeit des Journalismus auch in Zukunft erhalten wird.

Die ist angekratzt. Eine WDR-Studie kam kürzlich zu dem Ergebnis: Vier von zehn Befragten vermuten, dass es politische Vorgaben für die Berichterstattung der Medien gibt.

Steinbrecher: Das ist erschreckend. Ich glaube, dieses Misstrauen gegen diejenigen, die viele als Eliten beschreiben würden, hat mittlerweile erhebliche Teile unserer Gesellschaft erfasst.

Seit wann herrscht dieses Meinungsbild vor?

Steinbrecher: Wir müssen da verschiedene Themen voneinander trennen. Das eine ist die Frage: Wie lange gibt es bereits rechte Tendenzen in unserer Gesellschaft? Hier wurde von Soziologen schon vor Jahrzehnten gewarnt: Es gibt einen gewissen Prozentsatz, der beispielsweise rassistische Einstellungen hat. Das haben wir lange nicht gehört und ernstgenommen.

Journalisten sollten auch Selbstkritik üben

Und das Misstrauen gegenüber den Medien?

Steinbrecher: Das hat sicherlich nochmals einen Schub bekommen durch die Berichterstattung über die Ukraine und 2015 über die sogenannte Flüchtlingskrise. Auch da war es gut, dass Journalisten inzwischen selbstkritisch auf die eigene Berichterstattung geblickt haben. Das war und ist sehr wichtig.

Was aber, wenn Zuschauer, Zuhörer, Leser nicht mehr erreichbar sind für einen sachlichen Meinungsaustausch?

Steinbrecher: Dann wird es irre schwierig. Das ist ja das Neue: Fakten sind nicht mehr das, auf das sich bestimmte Kreise beziehen. Wenn Fakten aber nicht mehr die Grundlage sind und durch Emotionen und Stimmungen ersetzt werden, dann haben wir es alle schwer, in dieser Gesellschaft noch eine sachliche Diskussion zu führen. Das betrifft eben nicht nur Journalisten.

Immer wieder wird auch behauptet, dass die Meinungsfreiheit in Deutschland bedroht sei.

Steinbrecher: Ich habe eher den gegenteiligen Eindruck. Es gibt zum Beispiel in der Politik genug Möglichkeiten für Mitglieder aller Parteien, sich zu äußern – auch in den Medien. Und diese Möglichkeit wird genutzt.

Wir sprachen über das Thema Würde. Das, so liest man in Ihrem Buch, ist eng verbunden mit dem Thema gesellschaftlicher Abstieg. Hatten Sie einmal selbst Angst vor dem Absturz?

Steinbrecher: Natürlich gab es Situationen, in denen ich nicht wusste, wie es weiter geht. Ich weiß aus meiner Familiengeschichte heraus, dass schnell alles anders sein kann. Mein Großvater war Bergmann. Als mein Vater um die Hand meiner Mutter angehalten hat, fragte er ihn: „Kannst du die Erika denn ernähren?“ Das war eine sehr ernst gemeinte Frage. Meine Eltern haben einen Blumenladen aufgemacht und hart gearbeitet. Mich ärgert es noch heute, wenn Menschen, die eine bessere Bildung oder einen besonderen Status haben, auf diejenigen mit einer formal schlechteren Bildung herabschauen. Dann fühle ich mich angegriffen – weil ich meine Eltern angegriffen sehe.

Sind Sie eigentlich ein gläubiger Mensch?

Steinbrecher: Ich habe durch meine Eltern Werte mitbekommen, die tief in mir verwurzelt sind. Ich bin aber nicht besonders kirchlich engagiert.

Haben Sie dennoch einen besonderen Weihnachtswunsch?

Steinbrecher: Wenn ich an Weihnachten denke, dann wünsche ich mir einfach eine gute Zeit mit der Familie. Dass wir noch möglichst oft miteinander Weihnachten feiern können und Zeit miteinander verbringen. Das, was ich mir von meinem Buch erhoffe, ist nicht an die Weihnachtstage geknüpft: Für Würde kämpfen, ist ein permanenter Wunsch und Auftrag.

Zur Person: Michael Steinbrecher wurde 1965 in Dortmund geboren. Bekannt wurde er vor allem als Moderator von „das aktuelle sportstudio“ im ZDF, das er von 1992 bis 2013 präsentierte. Seit 2009 ist er Professor für Fernseh- und Crossmedialen Journalismus am Institut für Journalistik der TU Dortmund. 2015 übernahm er von Wieland Backes die SWR-Talkshow „Nachtcafé“. Sein Buch „Der Kampf um die Würde. Was wir vom wahren Leben lernen können“ ist im Verlag Herder erschienen, hat 256 Seiten und kostet 22 Euro.

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