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Kriminalität

26.01.2020

Nach Sechsfachmord in Wirtshaus: Rot am See ist im Schockzustand

Der Sechsfachmord in Rot am See schockiert die Anwohner der Gemeinde in Baden-Württemberg. Am Tag nach der Tat fallen erneut Schüsse.
Foto: Tom Weller, dpa

Die Menschen in Rot am See trauern um die Opfer des Sechsfachmords. Während sie Blumen niederlegen, feuert zwei Kilometer entfernt erneut ein Mann Schüsse ab.

Wenige Meter vom Tatort entfernt flackern rote Grablichter, Blumen liegen vor dem Wirtshaus "Deutscher Kaiser" in Rot am See im Landkreis Schwäbisch Hall. Am Freitag hat dort offenbar ein 26-Jähriger seine Eltern und vier weitere Familienmitglieder erschossen.

Eine Schulkameradin des ermordeten Familienvaters legt am Samstagmorgen einen Strauß an den Fuß einer Laterne. Weiße und rosafarbene Gerbera. Sie verharrt einige Minuten, ehe sie aufschaut. "Da gibt es keine Worte für die Tragödie. Das legt sich tonnenschwer aufs Gemüt", sagt sie. "Man graut sich vor der Beerdigung", sagt eine Frau aus einem benachbarten Ortsteil. "So eine Katastrophe ist in Rot am See noch nie passiert."

Motiv des 26-jährigen Verdächtigen bleibt im Dunkeln

Was zu diesem Zeitpunkt nur die Polizei weiß: Keine zwei Kilometer vom Tatort entfernt ist an diesem Morgen wieder geschossen worden. Wieder ist ein Sondereinsatzkommando in der Gemeinde. Wieder Ausnahmezustand. Gegen 10.45 Uhr melden Anwohner, dass ein Mann Schüsse abgegeben habe. Der Tatverdächtige zog sich danach in seine Wohnung zurück, teilt die Polizei später mit. Da von einer Bedrohung mit einem bewaffneten Täter ausgegangen werden muss, umstellen die Polizisten das Wohnhaus.

Weniger als 24 Stunden sind da seit dem blutigen Drama vom Freitag vergangen. Um 12.48 Uhr war ein Anruf bei der Polizei eingegangen. Am Telefon ein junger Mann aus dem 5400-Seelen-Ort. Er gibt an, mehrere Menschen erschossen zu haben. Die Beamten halten ihn in der Leitung und machen sich auf den Weg. Neun Minuten später erreichen sie die Bahnhofstraße. Der Anrufer wartet bereits vor dem Haus, in dem er wohnt. Ein zweistöckiges Sandsteingebäude. Er lässt sich sofort festnehmen. Hinter dem Haus liegen vier Leichen, zwei weitere in dem Gebäude. Außerdem gibt es zwei Schwerverletzte.

Auch am Sonntagnachmittag schwebte einer von ihnen noch in Lebensgefahr.

Am Samstag erlässt ein Richter Haftbefehl wegen sechsfachen Mordes und versuchten Mordes in zwei Fällen. Er sitzt nun in Haft. Dem Tatverdächtigen wird vorgeworfen, am Freitag neben seinen Eltern seine Stiefgeschwister sowie eine Tante und einen Onkel getötet zu haben. Während die Obduktion der Leichen beginnt, bleibt das Motiv des mutmaßlichen Täters im Dunkeln.

Bürgermeister von Rot am See: "Wir stehen alle zusammen"

In dem Wirtshaus hat der 26-Jährige, der Medienberichten zufolge ein Sportschütze sein soll, mit einer halbautomatischen Pistole geschossen. Neun Millimeter. Ein Nachbar versucht, das Geschehene zu verarbeiten. "Er hat eine ganze Familie ausgerottet", sagt der Mann. Vor vielen Jahren habe er zusammen mit dem getöteten Vater in der Fußballmannschaft des TV Rot am See gespielt. Er beschreibt den Täter als eher schüchtern. "Mit Freunden hat man ihn nie gesehen", sagt er. Der Anwohner ist wie so viele im Ort fassungslos: "Jeder fragt sich, warum der Junge das gemacht hat."

Ein Anwohner kommt aus seinem Haus. Der Mann wohnt in der Straße, in der sich das Familiendrama abgespielt hat, und bezeichnet sich als den besten Freund des getöteten Wirts. Er beobachtet fünf Journalisten, die mit Kameras vor der Polizeiabsperrung stehen und ergreift das Wort: "Ich sag' Ihnen eins: Das kann hier noch niemand realisieren." Viel mehr sagt er nicht. "Das machen schon andere." Dann schaut er dabei zu, wie die Feuerwehr den Hof und die Straße mit Wasser abspritzt. Kurz darauf entfernt die Polizei die rot-weißen Absperrbänder am Tatort und gibt die Straße wieder für den Verkehr frei.

Das Handy von Bürgermeister Siegfried Gröner klingelt an diesem Tag im Minutentakt. Seine Nacht war kurz, mit der Bevölkerung kam er bisher kaum ins Gespräch. "Die Bestürzung im Ort ist groß, die Anteilnahme aber auch", fasst er seinen ersten Eindruck zusammen. "Wenn es über das alles irgendetwas Positives zu sagen gibt, dann, dass wir alle zusammenstehen", sagt Gröner und lobt die Arbeit des Kriseninterventionsteams.

Der evangelische Pfarrer Matthias Hammer war in der Nacht als Seelsorger vor Ort. Er unterbrach dafür einen Ausflug mit den Konfirmanden nach Geislingen. "Die Leute sind sehr betroffen. Da galt es, da zu sein", sagt er.

Nach erneuten Schüssen in Rot am See: Polizei schließt Zusammenhang aus

Während die Einwohner vor dem Wirtshaus um die Opfer vom Freitag trauern, läuft der Polizeieinsatz wegen der neuerlichen Schüsse. Am Nachmittag dringen SEK-Kräfte in die verbarrikadierte Wohnung ein und nehmen den Mann fest. Da sich der 38-Jährige "offenbar in einem psychischen Ausnahmezustand befindet, wurde er auf richterliche Anordnung in eine Spezialklinik verbracht", heißt es später im Bericht der Polizei. Einen Zusammenhang zum Tötungsdelikt schließt sie aus.

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