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Österreich

01.11.2019

Neues Fahrverbot für Tirol-Urlauber: Die bösen Landstraßenverstopfer

Ab hier ist für Fernreisende Schluss: Zwischen Juni und September hatte Tirol an den Wochenende Fahrverbote auf den Landstraßen verhängt. Zwischen Weihnachten und Ostern ist es wieder soweit.
Bild: Daniel Liebl/APA, dpa

Plus Die Tiroler haben genug von Urlaubern, die volle Autobahnen umgehen. Ab Weihnachten werden Ausweichrouten wieder gesperrt, wie schon im Sommer. Muss das sein?

Kurz vor Kiefersfelden lotst das Navigationsgerät plötzlich herunter von der A93. Aus den Lautsprechern scheppert der vermeintliche Grund in einer aufgesetzten Freundlichkeit, wie sie sich montagvormittags nur Radiomoderatoren überstülpen können: Herbstferienbeginn, 26. Blockabfertigung an der österreichischen Grenze in diesem Jahr. 30 Kilometer ist der Verkehr zwischen Bayern und Tirol an diesem Morgen mal wieder stillgestanden, weil die Österreicher Lkw nur grüppchenweise passieren lassen. Der Rückstau hat sich eigentlich schon aufgelöst. Das Navi leitet dennoch um.

Statt auf der A93 tingelt man jetzt vorbei an bayerischen Bauernhäusern, an Weilern namens Einöden und, ja wirklich, Köln, an Örtchen wie Fischbach und Oberaudorf, über eine kurvige Staatsstraße Richtung Kufstein. Eine klassische Ausweichroute, wie man sie oft nimmt in Zeiten von Stauzeitrechnung und Google Maps. Und wie man sie auf dem Weg nach Süden bald nur noch in Deutschland nehmen kann. Zumindest am Wochenende.

In diesem Sommer schickte Tirols Landeshauptmann Günther Platter erstmals Polizeistreifen an die Autobahnausfahrten des Bundeslandes, um bestimmte Landstraßen abzuriegeln. Anwohner und Urlaubsgäste mit einer Reservierung durften passieren, Durchreisende mussten sich wieder in den Stau auf der Autobahn einreihen. Das Schicksal von Fischerbach, Oberau und Einöden auf der bayerischen Seite des Inns sollte österreichischen Kommunen erspart bleiben. Mit Erfolg, berichtete Platter vergangene Woche und kündigte vom 21. Dezember bis zum 13. April erneut Fahrverbote an Wochenenden und Feiertagen in den Bezirken Kufstein, Schwaz, Innsbruck-Land und Reutte an.

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14 Millionen Fahrzeuge ächzen jährlich über den Brenner

Das Inntal und weiter südlich der Brennerpass sind so etwas wie der Flaschenhals der europäischen Nord-Süd-Querung. Die Europastraße 45, ein Fernstraßennetz von Nordnorwegen bis Sizilien, trifft hier auf die Alpen. Mehr als 14 Millionen Fahrzeuge ächzen jährlich über den Brenner. Die oft nur zweispurig ausgebauten Autobahnen sind heillos überlastet. Das hat einen komplizierten Verkehrskonflikt zwischen Österreich und Deutschland, vor allem aber zwischen Tirol und Bayern ausgelöst.

Die Alpenrepublik wirft dem Nachbarn im Norden dreierlei vor: Erstens, die billige Lkw-Maut. Zweitens, die piefkesche Schlafmützigkeit beim bereits vor zehn Jahren vereinbarten Bau der Nordzuläufe für den Brennerbasistunnel. Beides mache den Lastverkehr auf der Straße rentabler als auf der Schiene. Und drittens, die Grenzkontrollen, die die Deutschen im Zuge der Flüchtlingskrise einführten und die regelmäßig für Stau in Österreich sorgten. Deutschland wiederum beschwert sich über die Lkw-Blockabfertigungen und Platters neueste verkehrspolitische Waffe: die Fahrverbote.

Die Straßen in Tirol seien offenbar so überfordert, „dass der Skiurlaub dort wenig Sinn macht“, kommentierte Ministerpräsident Markus Söder vergangene Woche Platters neueste Ankündigung. „Warum ungewollt in Österreich Geld lassen, wenn man in Bayern ein herzliches Dankeschön bekommt?“ Der nächste Rempler im politischen Autoscooter-Duell zwischen Bayern und Tirol. Platter brauchte nur kurz, um Anlauf zu nehmen und zurückzustoßen: „Lächerlich“, nannte er Söders Aussage auf einer Pressekonferenz tags darauf: „Die Bayern lassen sich nicht vorschreiben, wo sie Urlaub machen.“ Rumms!

Auf dem wortwörtlichen Boden der Tatsachen, also den klassischen Ausweichrouten, ist der Konflikt nicht minder verworren. Wer von der Inntal- und Brennerautobahn einfach mal abfährt – noch geht es ja – und erfahren will, was man dort über die Fahrverbote in der nächsten Wintersaison denkt, der hört in der Tiroler Bevölkerung zwei Herzen schlagen: Einerseits will man die Touristen nicht vergraulen, andererseits das Verkehrschaos vor der eigenen Haustür auch nicht mehr hinnehmen.

Wer den Stau bei Kufstein umgehen will, fährt früh in Deutschland ab und quält sich dann durch Jenbach

Jenbach im Tiroler Bezirk Schwaz. Dort, wo laut Internetkarte das „Tourismusverband Achensee Welcome Center“ sein soll, befindet sich eine Arztpraxis. „Ein Touristenzentrum? In Jenbach?“, entgegnet eine Frau stutzig, die gerade ihre Einkäufe im Auto verstaut. Jenbach ist ein Industriestädtchen mit wenigen Besuchern, aber vielen Durchreisenden. Ein Einfallstor am Achensee. Die Gemeinde schmiegt sich direkt an die A12. Wer etwa Stau an der Grenze bei Kufstein umgehen will, fährt in Deutschland frühzeitig ab und kommt über Bad Tölz, den Achenpass und eben Jenbach auf die Autobahn.

Auf der etwas längeren Landesstraße nördlich der Gemeinde wird diese Abkürzung auch im Winter erlaubt sein. Über den Schleichweg aber, direkt durch den hügeligen Ortskern, entlang der Achenseestraße, die man besser Achenseegasse getauft hätte, können Urlauber dann nicht mehr fahren. Und damit auch nicht mehr vorbei an der Pizzeria Gusto. Der Besitzer, Sertac Bagkan, 32, ist darüber gar nicht so unglücklich. Touristen machen nur etwa 20 Prozent seiner Gäste aus.

„Samstags im Winter ist es brutal. Da steht hier dann alles“, erzählt er. „Und wenn die Holländer in ihren Frühlingsferien kommen, dann brauchst gar nicht mehr Autofahren.“ Die ch-Laute krächzt Bagkan, Tiroler Dialekt. Seine Pizzen und Pastagerichte liefert er mit zwei Autos aus. An schlimmen Tagen – und die habe es vor sechs, sieben Jahren noch nicht so oft gegeben – braucht sein Fahrer dann 25 statt zehn Minuten. Mehr Zeit, weniger Geld. Ganz einfach. Das neue Fahrverbot? „Die Bevölkerung in Jenbach wird das eher positiv aufnehmen“, schätzt der Gastronom.

Sertac Bagkan betreibt in Jenbach eine Pizzeria. Er sagt: „Samstags im Winter ist es brutal. Da steht hier dann alles.“
Bild: Fabian Huber

Entlastung also, aber auch Verständnis für die ungeliebten Ausweichler. Bagkan sagt: „Auch ich kürze ab, wenn ich nach Deutschland fahre. Ich verstehe beide Seiten. Nur sollten sie sich schon irgendwann in der Mitte treffen.“

Als sich Ende Juli vier ranghohe Politiker im Berliner Verkehrsministerium zum Transitgipfel zusammensetzten, nach einigem Hintergrundrauschen und den ersten Fahrverboten Platters, schien man diese Mitte gefunden zu haben. Der Tiroler Landeshauptmann handelte mit den drei Verkehrsministern Andreas Scheuer (Deutschland), Hans Reichhart (Bayern) und Andreas Reichhardt (Österreich) einen Zehn-Punkte-Plan aus: Für den Brennerbasistunnel sollen etwa neue Verladeterminals ausgebaut und erschlossen werden, gefördert von der EU-Kommission. Auch eine Überarbeitung der Mautbestimmungen und des Lkw-Leitsystems ist geplant. Seither treffen sich regelmäßig Beamte aus Berlin, Wien, Innsbruck, München, Bozen und Brüssel, um den Alpenpass irgendwie zu entpfropfen. Jetzt die neuen Restriktionen Tirols. Was heißt das für die Verhandlungen?

Ein Interview mit Landeshauptmann Platter, der auf Anfragen an seine Regierung bisweilen schon mal selbst per E-Mail antwortet, ist „telefonisch und persönlich diese Woche nicht möglich“, teilt sein Pressestab mit. Bayerns Verkehrsminister Reichhart stellt sich derweil hinter seinen Chef Söder und hat einen klaren Schuldigen für die neuen Verwerfungen ausgemacht: „Die Spannungen wurden nicht durch irgendwelche bayerischen Geschichten hervorgerufen, sondern durch Tirols Fahrverbote und Blockabfertigungen. Die verkehrliche Belastung ist bei uns im Inntal oder in Südtirol genauso hoch. Aber auf der Karte gibt es eben nur einen, der einseitige Maßnahmen ergreift“, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion. Und wieder: Rumms!

Mit Problemen bei der Umsetzung des Transitgipfel-Beschlüsse rechnet Reichhart dennoch nicht. Man habe die Fahrverbote im Sommer bewusst außen vor gelassen, um sich nicht nur daran aufzuhängen. „Aber natürlich ist jedes neue Verbot für die ganze Situation nicht zuträglich.“

Die andere Frage bleibt, wie zuträglich der Streit für den Tourismus in Tirol ist. Gerade im Winter. Gerade während der Weihnachtsferien, wo es viele Bayern zum Skifahren nach Österreich zieht. Schließlich ging im vergangenen Winter jede zweite Übernachtung in Tirol auf das Konto deutscher Gäste. Im Sommer übrigens sieht es nicht anders aus. Touristenbüros in Kufstein und am Achensee rechnen nicht mit ausbleibenden Touristen in der Skisaison, in der Region Innsbruck heißt es, das sei schwer abzuschätzen.

An den Bergen klebt an diesem Montag nur der Regendunst. Oben, am Achensee, ist der Jodlerwirt in Maurach schon im Betriebsurlaub, das Café Jausenstüberl in Pertisau schließt bereits am Nachmittag. Los ist ohnehin kaum etwas. Der Sommer ist vorbei, jetzt warten alle gespannt auf den Winter.

Die Alm von Karl Mair, 50 Kilometer südlich, ist seit Sonntag zu. Sein Gasthof Neuwirt wirkt, als hätte man ihn direkt aus einer Milchwerbung an den Hang des Patscherkofels gebeamt: Holzbalkone, Wandmalereien, eine altmodische Zimmer mit Dusche und WC-Tafel. Und die Bauernstube, in der der 71-Jährige unter einer schummrigen Lampe sitzt und sagt: „Wir nagen nicht am Hungertuch, aber man muss jede Investition hinterfragen. Der Umsatzrückgang durch die Tagesgäste ist schon massiv.“

Mairs Gasthof liegt an der Landesstraße 38, die sich auf etwa sechs Metern Breite durch die Streusiedlungen der Gemeinde Ellbögen schlängelt. Die Engpässe sind bei Nacht und Nebel abenteuerlich. Dazu eine Baustelle. „Rotphasen bis zu 30 Minuten möglich“, warnt ein Schild. Die 14 Kilometer von Patsch bis Matrei führen direkt über der Brenner-Autobahn. Das macht die Straße zu einer beliebten Umgehung und den Gasthof zu einer willkommenen Raststation, wenn es sich auf der Europabrücke südlich von Innsbruck wieder einmal staut.

Karl Mair führt den Gasthof Neuwirt an der L38. Seit Jahren lebt er von denen, die die Brennerautobahn umfahren. Die Fahrverbote bedeuten für ihn Umsatzrückgänge.
Bild: Fabian Huber

Früher gab es hier an der L38 zehn Gasthöfe, heute ist es nur noch der Neuwirt

Das Wipptal hat schon immer vom Durchreiseverkehr profitiert. Früher lag es auf einer Salzroute Richtung Italien. Allein auf der L38 gab es zehn Gasthöfe. Der Neuwirt ist 700 Jahre alt, Mair seit 43 Sommern Leiter des Familienbetriebs und der einzig verbliebene Wirt an der Straße. „Bauliche Maßnahmen, Nachfolgeprobleme, wirtschaftliche Einbrüche“, sagt er knapp. Auch er kann allein davon nicht leben, betreibt in den Hängen eine Alm- und Landwirtschaft. Bis 1990 rockte im heutigen Saal eine Dorfdisco. Die Jugend kam aus der ganzen Umgebung. Heute kehren die Einheimischen maximal zum Totenmahl, zu runden Geburtstagen oder der Jahreshauptversammlung ihres Vereins ein.

Mair lebt von staugeplagten Durchreisenden, von Motorradgruppen, die sich auf dem Weg nach Italien in die Serpentinen-Kurven legen und bei ihm rasten. Von den bösen Landstraßenverstopfern also, die Platter loshaben will. Im Gegensatz zur Achenseestraße war die L38 bereits im Sommer als Ausweichroute gesperrt. Nur noch wenige Gäste verirrten sich in den Neuwirt. „Ich habe zwei Seelen in mir: Weniger Verkehr bedeutet mehr Lebensqualität für die Anwohner. Aber als Unternehmer ist mein Tagesumsatz im Sommer um die Hälfte gesunken“, sagt Mair.

Dabei plagen ihn eigentlich ganz andere Probleme. Ein Herzinfarkt, zwei Wochen ist das her. Mair erwähnt das beiläufig und sagt: „Aber da muss man durch.“ Für die Straße, an der sein Gasthof liegt, gilt das ab Weihnachten nicht mehr. Denn hier kann bald keiner mehr durch, auch wenn das eigene Navi da durch will… Man kann sich leicht ausmalen, was das auf Dauer für den Neuwirt bedeutet.

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01.11.2019

Die "Ösis" haben doch recht. Wir in Deutschland bekommen doch in Sachen Maut nicht´s auf die Reihe.

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